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Walther Ruttmanns Stummfilm „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ in Trier

Stummfilm / Dokumentarfilm : Berlin – Sinfonie der Großstadt

Er hat einfach nur genau hingeschaut: Walther Ruttmanns Stummfilm „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ von 1927 war in Trier im Audimax zu sehen. Dazu spielte Bernhard Nink am Flügel ausgewählte Werke der damaligen Zeit.

Er hat zunächst etwas seltsam Unwirkliches, dieser Stummfilm von 1927 mit dem ambitionierten Titel „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“. Und das, obwohl Regisseur und Produzent Walther Ruttmann ganz deutlich, fast überdeutlich die Realität damals einfängt. Aber wenn das Licht verlischt, wenn Bernhard Nink am Klavier die ersten Akkorde spielt, wenn auf der Leinwand die Dampfloks auf den Betrachter zufahren, wenn schließlich die deutsche Hauptstadt aus der Vogelperspektive erscheint, dann stellt sich beim Zuschauen ein Gefühl der traumhaften Leichtigkeit ein –  wie eine Ablösung von der Realität im Trierer Uni-Audimax.

Dabei ist dieser Berlin-Film weder Märchenstück noch Fantasy-Produkt und erst recht kein politischer Film. Regisseur  Ruttmann beschwört keine Stimmungen, propagiert keine Ideologien, verherrlicht keine Machtverhältnisse, er schaut einfach nur ganz genau hin. Eine Handlung gibt es in diesem Film nicht. In fünf Akten erzählt er von einem Tag im Leben der deutschen Hauptstadt. Er erzählt kunstvoll, mit zahlreichen, oft harten Schnitten, aber frei von jeder Stilisierung. Reichtum und Elend, moderne Technik und vorindustrielles Handwerk, Lichterglanz und Dunkelheit, Resignation und Aufruhr stehen unvermittelt nebeneinander. Und in Ruttmanns nüchternem Reporter-Blick erscheinen Szenen wie die einer verzweifelten Mutter, die ihr Kind abweist, umso tragischer. Gerade der technisch unvollkommene Stummfilm in SchwarzWeiß zieht den Betrachter hinein in die Welt der 1920er Jahre. Und entfaltet dabei eine Suggestivkraft, die auch moderne Hochglanz-Farbfilmprodukte selten erreichen.

Dazu liefert Bernhard Nink weit mehr als eine neutrale Klavier-Begleitung. Er  hat Kompositionen ausgewählt, die  von den Nazis als „entartet“ verfemt wurden. Das ist keine politisch-zeithistorische Geste. Paul Dessau, Paul Hindemith, Krenek, Erwin Schulhoff, Egon Wellesz oder Josef Matthias Hauer – trotz aller Unterschiede gehören deren Kompositionen einfach zusammen. Sogar Friedrich Hollaender, der von der Schauspielmusik zu Else Lasker-Schülers „Wupper“ bis zum Tagesschlager mit allen Genres vertraut war, fällt nicht heraus aus dieser Umgebung.

Die Musik zu diesem Film ist ein pianistisches Mammutprojekt. Nink spielt gut eine Stunde und achtet dabei sorgfältig auf die Synchronisation mit dem Film. Die ergibt sich nie von alleine. Hintergrundmusik sind diese Klavierstücke nicht. Bernhard Nink modelliert das Profil jeder Komposition deutlich heraus. Und  er  findet dabei immer wieder zu  akustischen Überraschungen. Wenn er zur Maschinerie einer Dampflok  die Fuge in g aus Hindemiths „Ludus tonalis“ mit ihrem motorischen Gleichmaß spielt, dann verbinden sich Töne und Bilder eindringlich.

Und doch ist diese Musik nicht illustrativ. Sie will nicht untermalen. Sie will keine Stimmungen erzeugen oder verstärken und erst recht keine  Dramatik beschwören. Nink etabliert mit den Kompositionen eine akustische Parallelwelt zum Film. Trotz gelegentlicher Gleichklänge folgt die Musik doch eigenen Gesetzen.  Es ist die Ästhetik der „Musizieroper“; Hindemith hat sie im „Cardillac“ von 1926 zum Höhepunkt gebracht. Film und Musik verbindet damit nicht nur dieselbe Entstehungszeit. Beide orientieren sich auch gemeinsam an der Ästhetik dieser Epoche.  Hochspannung bei den rund  150 Besuchern und am Ende lauter Jubel,  allem voran für Bernhard Nink.