Warum Katie Melua Trier vergessen hat und sie sich früher vor dem Publikum fürchtete

TV-Interview : Warum Katie Melua Trier vergessen hat und sie sich früher vor dem Publikum fürchtete

Der britisch-georgische Popstar über soziale Medien, einen „Lottogewinn“ und die späte Rückkehr nach Trier am 27. Juli (Open Air im Amphitheater).

Wie viele Hunderte Veranstaltungen der langjährige Arena-Chef Wolfgang Esser in seinem „Wohnzimmer“ erlebt hat, das weiß er wohl selbst nicht genau. „Aber das beste Konzert, das ich in der Arena gesehen habe“, so schwärmte er vor ein paar Jahren im Volksfreund, „das war von Katie Melua“. Zwei Mal spielte die gebürtige Georgierin in Trier, 2006 und 2008. Erinnern kann sie sich zwar nicht mehr daran, sagt sie im Telefonat – fast entschuldigend. Sie sitzt im Hotel in Düsseldorf, eine kurze Promo-Tour durch Deutschland. Leipzig, Dresden, zum Abschluss noch Aachen. „Das ist ziemlich entspannend, da sehe ich auch was von den Städten. Damals war alles sehr stressig. Nach dem Sommer werde ich mich aber an Trier erinnern, ganz sicher“, sagt die 34-Jährige mit der unvergleichlich sanften Stimme. Mit TV-Redakteur Andreas Feichtner sprach Katie Melua über die Kindheit in Georgien und Belfast, über Greta Thunberg – und warum sie sich früher vor dem Publikum fürchtete.

Kürzlich traten Sie in Berlin bei der „Goldenen Kamera“ mit Pianist Lang Lang auf. Mit dem Song „What a Wonderful World“ wurde Greta Thunberg anmoderiert. Haben Sie eigentlich auch mit ihr gesprochen?

KATIE MELUA Der Song war eine Hommage an Greta und ihr Anliegen. Ich hatte aber leider keine Möglichkeit, mit ihr zu sprechen, das war wirklich schade – sie war der Star des Abends. Ihre Generation ist besonders stark davon betroffen, was aus unserem Planeten wird. Ich verstehe ohnehin nicht, wie wir Industrie und Business immer vorantreiben konnten, ohne uns darum zu kümmern, welche Auswirkungen das auf die Erde hat. Je mehr Leute über das Thema reden, desto besser.

Auch Sie wurden als Teenager berühmt. Wie war es für Sie als 19-Jährige, mit dem gewaltigen Erfolg nach „Call Off the Search“ umzugehen?

MELUA Das ist 15 Jahre her, seitdem hat sich viel verändert – was vor allem an den sozialen Medien liegt, an Facebook und Instagram. Jeder lädt heute seine Bilder hoch, kommentiert Beiträge, bekommt Kommentare oder könnte es zumindest. Egal, ob man berühmt ist oder nicht. Ich bin dadurch in den letzten Jahren wesentlich entspannter geworden. Anfangs hatte ich meinen Bekanntheitsgrad ignoriert, so gut es ging. Ich wollte nur Musik machen, mit meiner Band spielen, Songs aufnehmen. Das Publikum machte mir irgendwie Angst. Ich wusste nicht, wer da vor mir ist. Das ist in Instagram-Zeiten anders. Da sehe ich, wer mir folgt – und ich kann auf ihren Profilen auch etwas über ihr individuelles Leben erfahren. Das ist eine positive Seite an social media.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?

MELUA Ich habe tonnenweise Fehler gemacht, wie jeder andere auch. Aber ich bedauere nichts. Ich bin vollkommen glücklich mit dem, was ich mache. Und auch darüber, dass ich noch mitbekommen habe, wie die Arbeit in der Musikbranche war, als die Budgets noch größer waren. Die Zeiten haben sich geändert. Aber auch heute gibt’s viele Leute, die hinter den Kulissen sehr hart arbeiten und die Innovationen in die Musik bringen. Das treibt mich an.

In „Plane Song“ schreiben Sie über ihre Erinnerungen – wie sie als Kind auf einem verlassenen Flughafen in alten Sowjet-Flugzeugen spielten. Wie hart war die Kindheit in Georgien Ende der 80er, Anfang der 90er?

MELUA Es gab damals keine Hoffnung in Georgien – zumindest keine Hoffnung, einen guten Job zu bekommen, Karriere zu machen. Die Sowjetunion war gerade zusammengebrochen. Die Läden waren leer, es gab kaum etwas zu kaufen – und in der einen Stunde, in der wir am Tag Strom hatten, sind meine Onkels zum Kassettenrekorder gelaufen und haben mit mir Queen oder Led Zeppelin gehört. Oder Filme geschaut.

Sie standen als Achtjährige auf Horrorfilme ...

MELUA Ja, „Aliens“ habe ich geliebt. Aber auch Filme mit Eddie Murphy oder Whoopi Goldberg, weil sie ein Leben gezeichnet haben, das so weit weg war von unserer Realität in Georgien. Als meine Eltern sagten, wir könnten nach Großbritannien gehen, war das wie ein Lottogewinn. Aber natürlich war es hart: Ich weiß noch, wie ich weinend am Flughafen stand, als ich mich von meinen Onkels verabschiedete. Ich bin aber im Sommerurlaub immer wieder hin.

Als Neunjährige zogen Sie mit Ihrer Familie nach Belfast, als der Nordirland-Konflikt noch aktuell war. Haben Sie sich dort mal unsicher gefühlt?

MELUA Ich habe mich dort nicht gefürchtet. Zum einen wusste ich nicht so viel über den Konflikt. Und zum anderen – auch wenn sich das seltsam anhört – fühlte es sich dort längst nicht so schlimm an wie in Georgien. Es gab Gesetze und Ordnung, immer Strom und Wasser – und ich konnte jeden Tag zur Schule.

Kürzlich waren Sie noch mit einem georgischen Frauen-Chor auf Tour. Wer wird im Sommer mit Ihnen spielen, etwa im Amphitheater?

MELUA Ich werde mit meiner Band auf der Bühne stehen, die ist unglaublich. Unser Ziel ist es immer, jeden Song an jedem Abend in der bestmöglichen Version abzuliefern. Zum Beispiel „Nine Million Bicycles“: Das ist ja eigentlich ein Radio-Popsong aus den frühen 00er Jahren – der hat was Kindliches, Unschuldiges. Auch da muss man reinkriechen, ich muss den Song spüren.

Zuletzt brachten Sie „Ultimate Collection“ raus mit Hits wie „The Closest Thing to Crazy“, „Nine Million Bicycles“, aber auch Covers wie „Bridge Over Troubled Water“ oder „Fields of Gold“. Wann gibt es wieder neue Songs von Ihnen?

MELUA Ich arbeite daran und hoffe, dass ich im Herbst im Studio sein werde. Es kann gut sein, dass ich im Sommer auch mal neue Songs live spielen werde.

Welche Musik inspiriert Sie momentan?

MELUA Aktuell habe ich mich in die Musik von Gija Kantscheli verliebt, das ist ein georgischer klassischer Komponist. Ich höre auch immer gerne Brad Mehldau, den Jazzpianisten. Oder Stanley Clarke. Es gibt so viel zu entdecken.

Sie haben die britische und die georgische Staatsbürgerschaft. Was ist an Ihnen typisch Britisch? Und was typisch Georgisch?

MELUA Ich bin sehr höflich – das ist ziemlich Britisch, denke ich. Typisch Georgisch ist wohl, dass es bei mir im Kopf rattert, wenn mich jemand zu Hause besucht: ‚Ohje, habe ich genug zu essen, zu trinken, habe ich dieses, habe ich jenes?’ In Georgien wird Gastfreundschaft ganz groß geschrieben. Egal, ob man reich ist oder arm. Da muss jede Menge Essen auf den Tisch.

Katie Melua & Band, 27. Juli, Open Air, Amphitheater Trier; Tickets bei ticket-regional.de und unter 0651/7199-996:

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