Was das Retro-Roadmovie „Green Book“ über die Gegenwart verrät.

Kino / Filme : Ziemlich beste Opfer

Was das Retro-Roadmovie „Green Book“ über die Gegenwart verrät.

Die gute alte Zeit war ziemlich schlecht. Vor allem, wenn man in den Südstaaten der USA lebte. Dort wimmelte es von übellaunigen, lynchlüsternen Rassisten, die es mit der Unschuldsvermutung und der Würde des Menschen, sofern dieser dunkelhäutig war, nicht allzu genau nahmen – der nächste Baum zum Aufknüpfen war schnell gefunden.

Das alles wissen wir Europäer dank Hollywood. Von „In der Hitze der Nacht“ (1967) über „Mississippi Burning“ (1988) bis zu „12 Years a Slave“ (2013) – immer wieder präsentierte die Traumfabrik den amerikanischen Süden als realen Alptraum. Die Botschaft dürfte mittlerweile angekommen sein.

Das wird Regisseur Peter Farelly ähnlich sehen. Gemeinsam mit seinem Bruder Bobby verschob er in den 90ern die Geschmacksgrenzen der Mainstream-Komödie. In „Dumm und dümmer“, „Kingpin“ und „Verrückt nach Mary“ waren die Flüssigkeiten und Ausscheidungen des Körpers willkommene Aufhänger für Gags. Da wurde Sperma auch schon mal als Haargel zweckentfremdet. In den Jahren danach blieben die Brüder dem derben Klamauk treu, zuletzt 2014 im Remake „Dumm und dümmehr“. Als Gesellschaftskritiker tat sich Peter Farelly dabei nicht hervor.

Umso mehr überrascht sein erstes Solowerk „Green Book“. Denn die allzu bekannte Erzählung vom gepeinigten Südstaaten-Neger wird hier kurzerhand ins Gegenteil verkehrt. Onkel Tom verwandelt sich in Dr. Don Shirley, einen gefeierten Jazzpianisten und Komponisten, der garantiert nie Baumwolle gepflückt hat. Mahershala Ali spielt ihn als überkultivierten Schnösel, der beim Anfassen eines Hähnchenschenkels Ekel empfindet. Den Gegenpart übernimmt Tony Lip (Viggo Mortensen), ein Italo-Amerikaner, der um seiner Schlagfertigkeit willen – verbal wie physisch – als Chauffeur für dessen Tournee angeheuert wird. Das Ergebnis ist „Driving Miss Daisy“ unter ungewohnten Vorzeichen: Weißer heterosexueller Prolet kutschiert schwarzen schwulen Bildungsbürger. Der Kulturclash kann beginnen!

So ist es diesmal der Schwarze, der den Weißen von oben herab behandelt und belehrt. Dünkel trifft auf Einfalt. Diese Konstellation und die damit verbundenen Wortgefechte werfen einige Pointen ab (weshalb die Golden-Globe-Juroren „Green Book“ als „Beste Komödie 2018“ auszeichneten), doch sind sie nur Stimmungsaufheller in einem Film, in dem permanent Erniedrigung, Willkür und Fausthiebe drohen. Denn einen gewaltbereiten weißen Südstaatler interessiert es nicht, ob sein schwarzer Gegenüber ein Star ist – die Hautfarbe reicht als K.o.-Kriterium.

Bloß ist diese Herablassung nicht einseitig. Den schwarzen Intellektuellen interessiert es genauso wenig, in welcher Weise ein ungehobelter Weißer, der als Rausschmeißer in einem Nachtclub gearbeitet hat, die Welt wahrnimmt. Und das ist dann der Punkt, an dem „Green Book“, der im Jahr 1962 spielt, die gute schlechte alte Zeit hinter sich lässt. Die Drehbuchautoren Brian Hayes Currie, Peter Farrelly und Nick Vallelonga (Sohn des porträtierten Tony Lip) begnügen sich nämlich nicht damit, Diskriminierung an der Hautfarbe festzumachen.

Wenn der von Geldnöten geplagte Weiße von sich behauptet, der eigentliche Schwarze zu sein („I’m way more blacker you“), und der Schwarze damit kontert, er sei für die Schwarzen nicht schwarz genug und für die Weißen nicht weiß genug, befinden wir uns plötzlich inmitten der verwickelten, unübersichtlichen Gegenwart. Also in der Postmoderne, in der keiner mehr so recht zu sagen vermag, wer nun „die Guten“ und wer „die Bösen“ sind, und man sich am Ende darauf verständigt, dass jeder irgendwie ein Opfer ist. Ja, selbst jener Typus Mensch, der zuvor noch als Täter gebrandmarkt wurde – der selbstherrliche, latent sadistische Cop –, entpuppt sich rechtzeitig vorm Abspann als Freund und Helfer.

In der Opferrolle vereint dürfen Weiß und Schwarz, Arm und Reich schließlich gemeinsam Weihnachten zelebrieren. Und auch Peter Farelly wird bald feiern können. Mit „Green Book“ hat er genau die Art von Film abgeliefert, die Oscar-Juroren mögen: Sozialkritik mit versöhnlichem Happy End. Wenn das nicht schamloser ist als „Verrückt nach Mary“!

Frank Jöricke

„Green Book“ läuft im Trierer Kino Broadway. Bei einer Vorpremiere dort gaben ihm die Zuschauer die Durchschnittsnote 1,13 – noch nie schnitt ein Film bei einer dortigen Testvorführung besser ab.

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