Welt-Premiere in Luxemburg: Wie Peeping Tom das Tanz-Theater aufmischt

Theater : Apokalyptisch, artistisch, atemlos!

Wie Peeping Tom das Tanz-Theater aufmischt und für die Zukunft neu definiert, zeigt die Welt-Premiere von „Kind“ in Luxemburg.

Wenn die Frage gestellt wird, wer dem Tanz-Theater des beginnenden 21. Jahrhunderts Relevanz, Innovation und Wirkung verleiht, ist hier die Antwort: Peeping Tom. Die belgische Compagnie um die Regisseure und Choreographen Gabriela Carizzo und Frank Chartier hat zum Abschluss und als Kulmination ihres tänzerischen Triptychons nach „Vader“ (2014, auf deutsch: Vater) und „Moeder“ (2016, Mutter) nun „Kind“ zur Premiere im Luxemburger Grand Théâtre gebracht.

Sie tun das mit einer bahnbrechenden Ästhetik, Fulminanz und tänzerischen Qualität, die den Atem raubt. Was die weltweit gefeierte und ausgezeichnete Truppe hier bietet, ist ein hochintelligentes Gesamtkunstwerk, das weit über die Genregrenzen hinweggeht. Es werden die großen Fragen des Menschseins verhandelt, diesmal strikt aus der Sicht des Kindes: Wünsche, Sehnsüchte und Suche nach Verständnis, aber auch Traumata, Verletzungen und Alpträume.

Als Basis dieser Inszenierung dient eine tiefe und lange Recherche der Macher in kindlichen Umfeldern aller Art. In der dramatischen Umsetzung gründet diese Art von Theater aber natürlich zunächst auf der exorbitant großartigen tänzerischen und artistischen Qualität des Ensembles. Dazu kommt ein fast schon erschreckend realistisch dreidimensionales Bühnenbild – man hat als Zuschauer den Eindruck, mitten in der Szenerie zu sitzen – mit polternden Felsen und turmhohen Nadelhölzern, der finstere Tann aus Hänsel und Gretel lässt grüßen und gruseln. Das alles ist gewollt und gekonnt, intelligent und große Kunst.

Was transportiert wird, ist pure und wahre Emotion, manche Szene triggert tief im Unterbewusstsein Stellen, von denen man nicht geglaubt hat, dass sie überhaupt existieren. Mancher im ausverkauften Haus reagiert anfangs mit leicht hysterischem Lachen, das ihm jedoch sehr bald im Halse steckenbleibt, manchem schießen Tränen in die Augen. „Gänsehautentzündung“, flüstert eine junge Dame. So dämonisch, fast schon apokalyptisch muten die Bilder an, die die thematisierten, kindlich erlebten und geträumten Abgründe wie Missbrauch oder Krieg erzeugen. Überhaupt die Bilder: Wirkmächtig und berührend auch durch die dramatisch-farbige und doch subtile Lichtregie, die tiefgehende Eindrücke vermittelt. Dazu die Musik, mal Steel-Guitars, mal Hard-Rock, mal wagneresk opernhaft. Gesungen von den Protagonisten, Multitalenten allesamt.

Herausragend (die ausgebildete Sopranistin) Eurudike de Beul, die das Kind in seiner Entwicklung höchst überzeugend – mit winzigen bis drastischen Gesten – darstellt und dazu noch gottbegnadet singt. Mit ihrer beeindruckenden Körperlichkeit spielt sie so virtuos, dass es den Zuschauern heiß und kalt den Rücken herunterläuft. Es ist zirzensisches Theater, Maria Carolina Vieras Kunststücke mit dem Lasso haben allein schon artistische Qualität, dass sie danach im kindlichen Wutanfall abwechselnd vorne und hinterrücks den Boden touchiert, sprengt alle physikalischen Grenzen. Ebenso im Mund an Mund-Liebestanz (mit Brandon Lagaert) mit einer sich grotesk verrenkenden Leiche im Schlepptau (Yi-Chun Liu). Das hat man so noch nie gesehen und ist nur einer von unzähligen, neuartigen und oft verstörenden Regieeinfällen.

Das Kind leidet hier still und spielt mit dem (Kunst-)Rotz, der ihm aus der Nase läuft, an anderen Stellen kommt es zu wilden Ausbrüchen, all das glaubt man der Mittfünfzigerin Eurudike de Beul uneingeschränkt. Da wird erschossen, erschlagen und zerstückelt, die gepeinigten Körper zucken wild in hyperrealistischer Peinigung. Es ist ein atemloser Blick in die Abgründe der menschlichen Seele, in Situationen um Sex und Gewalt, denen Kinder nie ausgesetzt sein dürften. Das alles passiert in einem filmreifen Setting, sich stringent dramaturgisch entwickelnd und doch ohne eine „Story“. Die Kombination der Kunstformen macht das Gesamtwerk so eindrucksvoll neu. Ein mystischer, bildgewaltiger Rausch der Bewegung, am Ende bricht die Kind-Darstellerin die vierte Wand und somit die Distanz zum Publikum auf, indem sie – fast triumphierend- ruft: „I am Eurudike de Beul!“

Es steht zu vermuten, dass das Tanztheater in dieser optisch und inhaltlich dramatisierten Version die Theatersäle der Zukunft füllen wird, neues und junges Publikum anlockt. In Luxemburg jedenfalls gab es, sowohl von Teenagern als von über 70-Jährigen, wilde und stehende Ovationen und verdiente Bravos. Tief beeindruckt sind alle und ein langjähriger, erfahrener Theaterbesucher sagt: „Das war das Berührendste, was ich seit vielen Jahren gesehen habe!“

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