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Glosse: „Weniger müssen müssen“?

Glosse : „Weniger müssen müssen“?

Sind wir denn alle ein bisschen bluna? Ein Beitrag zu sprachlichen Auffälligkeiten in Werbespots im deutschen Fernsehen.

Hinlänglich ist bekannt, dass Werbespots im deutschen Fernsehen nicht gerade vor Weisheit und Witz sprühen. Oft mag ja noch die dahintersteckende Idee ganz ansprechend sein, doch Umsetzung und Ausführung lassen häufig sehr zu wünschen übrig und machen somit selbst eigentlich guten Vorhaben beziehungsweise Spots letztlich doch den Garaus.

Die gedankliche Qualität der im Folgenden näher behandelten Reklamefilme sei dahingestellt. Aufgezeigt werden sollen nur die vielfältigen orthographischen Schwächen und sprachlichen Verfehlungen, die den Fernsehzuschauern beinahe täglich – häufig kurz vor den Nachrichtensendungen – zugemutet werden.

Völlig irrelevant sind sprachliche Missbildungen, wie sie den Betrachtern etwa bei zwei Medikamenten-Werbungen geboten werden: X ist Anti-Bääh, Anti-Nerv, Anti-Stör und anti-viral.

Da alle diese Begriffe in Großbuchstaben geschrieben sind, passen sie sowohl als Substantive/Hauptwörter (X ist ein Anti-Stör-Medikament) als auch als Adjektive/Wiewörter (X ist anti-viral). Nicht viel besser verhält es sich mit der Werbung eines Konkurrenten dieses Pharmaunternehmens, der es sich jedoch zur Aufgabe gemacht hat, Magenschmerzen zu bekämpfen.

„Wenn Bauch, dann X“, lautet seine schlichte Botschaft an die Schmerzgepeinigten. Zumindest die Sprachbewussten unter ihnen dürfte das jedoch eher abschrecken, nehme ich an. Angelehnt sein dürfte diese „Bauch“-Formulierung an Sätze wie „Ich hab´ Rücken“, die in die Umgangssprache Eingang finden, aber nur eine unzulässige Verkürzung für „Ich hab´ Rückenschmerzen“ darstellen.

Eingebracht in die Umgangssprache hat sie wahrscheinlich der deutsche Comedian Hape Kerkeling mit seiner Kunstfigur Horst Schlämmer, der diesen Ausspruch um 2005 häufig zum Besten gab.

Bei dem oben angeführten im wahrsten Sinne des Wortes „Anti“-Beispiel gibt es abschließend noch eine weitere kleine Sprach-Verfehlung: „1-2-3 Hustenfrei“ heißt es da. Hier müsste „Hustenfrei“ als zusammengesetztes Adjektiv kleingeschrieben werden.

Kritik soll weiterhin an einer Formulierung geübt werden, die schon Jahre existiert und geradezu zu einer Redewendung geworden ist: „Weniger müssen müssen“ wird den armen Patienten angekündigt, die nachts wegen Harndrangs das Bett verlassen und die Toilette aufsuchen müssen.

Doch gemeint ist höchstwahrscheinlich „Seltener müssen müssen“, denn die Umworbenen sollen des Nachts nicht mehr so oft aufgescheucht werden wie bisher.

Sprachlich voll daneben liegt auch die Werbung für „Die Beste jemals getestete Matratze“. Die Unterlage, die ein komfortables Liegen ermöglichen soll, ist allenfalls die beste jemals getestete Matratze (adjektivisch!), das Beste – also die Substantivierung des Adjektivs – steht hingegen wohl noch längere Zeit aus!

Auffällig im Weiteren, dass es auch bei der Kommasetzung in der Fernsehwerbung nicht zum Besten steht, um an der obigen Sprachwunde weiter herumzudoktern. „Eine Mascara / die mehr kann“ heißt ein Werbespot einer Kosmetikfirma. Da das fehlende Komma vor dem Relativsatz niemanden zu stören scheint, legt selbige Firma noch einen drauf – und zwar einen Eyeliner, dessen Werbefilm von derselben Agentur genauso angelegt ist wie der der Mascara: „Ein Eyeliner / der mehr kann“ – natürlich ohne Komma!

Das sind nur einige Beispiele von Werbespots im deutschen Fernsehen, die mit zum Teil recht groben Rechtschreib- und semantischen Fehlern versehen sind und einem großen Fernsehpublikum kurz vor den Nachrichten gezeigt werden.

Dass Tilgung der Fehler möglich ist, zeigt zum Beispiel die Werbung für eine Apothekerzeitschrift; Jahrelang stand da in versalen Lettern: „Lesen was gesund macht“. Seit einiger Zeit ist das lange fehlende Komma im Spot ergänzt worden. Jetzt heißt es korrekt: „Lesen, was gesund macht“.