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Interview
„Wir stehen in einer bedeutenden Tradition“

 Der Musikverein Lüxem gemeinsam mit dem Gastdirigenten Thiemo Kraas bei den Proben.
Der Musikverein Lüxem gemeinsam mit dem Gastdirigenten Thiemo Kraas bei den Proben. FOTO: Martin Möller
Wittlich. Wie sich der Wittlicher Musikverein Lüxem auf sein Konzert zum 60-jährigen Bestehen vorbereitet. Von Martin Möller

Er verspielt keine Zeit. Kaum haben die rund 60 Aktive vom Musikverein Lüxem im Pfarrheim ihre Plätze eingenommen, kaum sind die letzten Noten-Exemplare verteilt – da steigt Thiemo Kraas intensiv ein in die Probenarbeit. Schon nach wenigen Takten bricht er zum ersten Mal ab und korrigiert. Es sind nur scheinbar Kleinigkeiten – Präzision, Klangbalance, die Lautstärke, die Präsenz der Schlagzeuger nach einer längeren Periode ohne Schlagzeug. Aber in der Summe entscheiden die über die Qualität im gesamten Konzert.

Stefan Barth, sonst bei den Lüxemern am Dirigierpult, hat den Taktstock an seinen Freund Kraas weitergegeben und sitzt jetzt am Fagott. Kraas dagegen ist in einer Doppelrolle präsent – als Dirigent und zudem als Komponist. „Sinfonische Blasmusik“ heißt die Musik, die er komponiert und die der Verein im Festkonzert spielt. Der besteht in diesem Jahr stolze 60 Jahre.TV-Mitarbeiter Martin Möller sprach dazu mit Thiemo Kraas und Stefan Barth.

Herr Barth, Herr Kraas; Sinfonische Blasmusik, das klingt einerseits etwas abwertend – zu Blasmusik assoziiert man rasch Bierzelt – und anderseits sehr anspruchsvoll, nämlich sinfonisch, also wie eine Sinfonie. Was ist mit dem Begriffspaar gemeint?

BARTH Wir stehen in einer bedeutenden Tradition. Der Begriff „Sinfonische Blasmusik“ umschreibt in Deutschland eine Musik für Bläser mit höherem Anspruch und in einer gewissen Standardbesetzung. Diese war auch im 19. Jahrhundert keine Musik zweiter Klasse. Mendelssohn hat mit der Ouvertüre für Harmoniemusik eine der ersten Originalkompositionen für Bläser geschrieben.

Welches Ensemble darf denn für sich in Anspruch nehmen, zur Sinfonischen Blasmusik zu gehören?

BARTH Es gibt große Blasorchester mit weit über 100 Musikern in den Benelux-Staaten und in Spanien. Aber sinfonische Blasmusik ist auch schon mit 50 Musikern möglich. Zu dieser Kategorie würde ich uns im Musikverein Lüxem zählen.

Und wenn ich beispielsweise mitmachen will – was muss ich bieten?

BARTH Wir haben keine Vorspiele. Wir freuen uns über jeden, der mitmachen möchte. Er sollte schon Erfahrung haben mit unserer Musik. Gewisse technische Fertigkeiten setzen wir voraus. Wenn jemand mitmachen möchte, kommt er in die Probe. Und merkt dann rasch, ob er mitmachen kann oder nicht.

Welche Musik spielt der Musikverein?

BARTH Da ist einmal die Marschmusik aus der Tradition der Militärkapellen. Wir spielen auch gelegentlich Kompositionen, die als Volksmusik gelten. Echte Volksmusik haben wir nur ganz vereinzelt im Repertoire. Wir spielen sehr viele Arrangements aus Musical oder Film, auch Klassik. Sinfonische Blasmusik bildet einen Schwerpunkt, unter anderem mit Musik von Thiemo Kraas, aber auch von vielen weiteren Komponisten.

Thiemo Kraas, Sie sind im Blasmusikbereich ein angesehener Komponist. Wenn man komponiert – wie macht man das. Oder: Wie machen Sie das?

KRAAS Für mich ist das eine Mischung aus Künstlerischem und Handwerklichem. Die Musik sollte ansprechend, aber eben auch praxisbezogen sein. Auch ein Tischler muss nicht nur auf Schönheit achten, sondern auch auf Standfestigkeit. Und das Komponieren ist einfach Teil meiner Arbeit.

Wie sind Sie zur Blasmusik gekommen?

KRAAS Ich bin in einem Ort mit einem kleinen Musikverein aufgewachsen. Meine Wurzeln liegen also im Blasorchester. Aber ich bin eigentlich kein Bläser. Ich habe Schlagzeug studiert. Dann kam immer mehr die Freude daran, Musik zu erfinden. Daher entschied ich mich für ein Studium der klassischen Komposition.

Wenn Sie jetzt zum ersten Mal mit dem Musikverein arbeiten – wo setzen Sie an?

KRAAS Zuerst geht es um das gegenseitige Kennenlernen. Ich bin dankbar, dass ich eingeladen worden bin als Gastdirigent und freue mich auf die Zusammenarbeit. Alles Weitere wird sich finden.

Für den 18. Mai ist im Wittlicher Eventum mit Ihnen und dem Musikverein zum Jubiläum ein großes Konzert geplant. Wodurch unterscheidet sich dieses Konzert von Ihren normalen Veranstaltungen?

BARTH Es ist das zweite Mal, dass wir ins Eventum gehen, und es ist natürlich eine Herausforderung. Bei unserem letzten Konzert im Eventum hatten wir an die 1000 Zuhörer. Wie viele dieses Mal kommen – wir werden sehen. Unsere zweite Herausforderung: Wir arbeiten mit einem Komponisten zusammen – mit Thiemo Kraas. Dessen Werke sind für die Musiker eine neue Erfahrung – aber auch für das Publikum. Kraas wird nicht nur in diesem Konzert dirigieren, sondern auch moderieren und erklären. Es ist für die Zuhörer interessant zu erleben, wie ein Komponist sein Werk erklärt.

KRAAS Im Konzert am 18. führe ich mit dem Musikverein sechs Stücke von mir auf. Eigentlich ein recht bunter Querschnitt.

Und wenn das Konzert vorbei ist, dann stellen alle Aktiven Horn oder Posaune in die Ecke – oder…?

BARTH Wir machen mit der Probenarbeit eine kleine Pause, das kommt auf unseren Terminkalender an. Dann arbeiten wir an unserem Unterhaltungsprogramm für die Festivitäten im Sommer.

Noch eine Frage: Wovon leben eigentlich die Dirigenten bei einem Musikverein?

BARTH Es gibt seit zehn Jahren auch in Deutschland die Möglichkeit, Blasorchester-Dirigat zu studieren und das als Beruf zu ergreifen. Seitdem gibt es immer mehr professionelle Dirigenten, die davon leben.

 Die Bläser des Musikvereins Lüxem bei der Probe. Foto: Martin Möller
Die Bläser des Musikvereins Lüxem bei der Probe. Foto: Martin Möller FOTO: Martin Möller