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Literatur
Ein heilsamer literarischer Abend

Zsuzsa Bánk bei der Lesung des Eifel-Literatur-Festivals im Cusanus-Gymnasium Wittlich.
Zsuzsa Bánk bei der Lesung des Eifel-Literatur-Festivals im Cusanus-Gymnasium Wittlich. FOTO: Christina Bents
Wittlich. Vor 500 Besuchern hat Zsuzsa Bánk beim Eifel-Literatur-Festival aus ihrem aktuellen Roman „Schlafen werden wir später“ gelesen. Dem Publikum in Wittlich verriet sie zudem, was es mit der Briefform auf sich hat und warum das Buchprojekt beinahe gescheitert wäre. Von Christina Bents

Eine Sommerpassage ihres 683-seitigen Romans hat die preisgekrönte Schriftstellerin Zsuzsa Bánk in Wittlich gelesen. Es geht um zwei sehr verschiedene Frauen in der Lebensmitte. Die Freundinnen Johanna und Márta schreiben sich über dreieinhalb Jahre E-Mails, in denen sie Einblicke in ihren Alltag und ihre Gefühlswelt geben. Márta lebt in Frankfurt, ist Schriftstellerin, Mutter dreier Kinder und lebt mit Simon zusammen, der sich aber schon lange von ihr getrennt hätte, wenn der Nachwuchs nicht wäre. Johanna wohnt im Schwarzwald, arbeitet als Lehrerin, schreibt an ihrer Dissertation von Annette von Droste-Hülshoff und hilft einer Freundin im Blumenladen. Daneben hat sie eine überstandene Krebserkrankung und die Trennung von ihrem Lebensgefährten zu verkraften.

Zsuzsa Bánk gelingt es bei ihrer Lesung, die Besucher eintauchen zu lassen in die Lebenswelten der Protagonistinnen. Durch ihre Sprache, die bei Johanna durch kurze prägnante Sätze gekennzeichnet ist, in die Zitate von Annette von Droste-Hülshoff eingeflochten sind, oder bei Márta mit ihren grammatikalischen Einwürfen lernt man die Frauen schnell kennen. Mal fühlen sich die Sätze an wie lange, entspannte Schwimmzüge, beispielsweise bei den Naturbeschreibungen von Johanna, mal muten sie tänzerisch an, wenn sie mit eigenen Wortschöpfungen, wie „graukaltspitzer“ Stadtregen, „Zehentaucherin“ oder „Waldweben“ arbeitet.

In viele Szenen und Situationen kann man sich schnell einfinden, beispielsweise, wenn sie eine Einladung von Claus in seiner Küche beschreibt, „der Essen serviert auf seinem grasgrünen Tisch in der Küche. In Dosen und Schälchen, die er für uns bestückt hat. Mit Erdbeeren, Kuchen, Nüssen, Salat.“ Tröstend klingt es immer wieder hindurch, wenn die Hauptpersonen nach durchwachten Nächten, in der Natur oder ihrer Freundschaft, Zuversicht und Erkenntnisse finden.

Insgesamt hat das Buch einen nachdenklichen und leicht melancholischen Grundton, denn es geht darum, wie es in der Mitte des Lebens aussieht. Dazu sagt Zsuzsa Bánk: „Die beiden sind Anfang 40, und dieses Alter hat eine Scharnierfunktion. Vieles ist schon entschieden und festgelegt. Viele haben schon die ersten Rückschläge hinter sich, vielleicht war Krankheit schon ein Thema, oder der Tod hat angeklopft. Und nun stellen sich Fragen: „Ist was schiefgelaufen? Was kann ich noch ändern in der Mitte des Lebens?“ Den Figuren merkt man an, dass sie das 18. und 19. Jahrhundert sehr mögen, sie sprechen sich beispielsweise mit „Liebste, meine Liebste“ an, und oft gibt es poetische Elemente, die an Romane dieser Zeit erinnern.

Im Gespräch mit Festivalleiter Dr. Josef Zierden verrät die preisgekrönte Schriftstellerin, dass es ihr erst gar nicht so sehr aufgefallen sei, dass die beiden Hauptfiguren ihrer Geschichte einen ähnlichen Tonfall hatten. „Dann hat mir jemand gesagt, dass das so nicht geht“, erzählt Bánk. „Da war ich erst einmal beleidigt und dachte, ich müsste das Buch sein lassen.“ Weiter erklärt sie: „Aber dann habe ich angefangen, Johanna die Adjektive zu streichen, ihr eine präzise Sprache zu geben und kurze Sätze. Ein, zwei Worte und Punkt. Márta habe ich dagegen spiralhafte Sätze schreiben lassen, mit Zitaten aus ihren eigenen Gedichten und Wortspielereien. Daran habe ich sehr viel Spaß gefunden.“

Die Besucher der Lesung, meist Frauen, haben ebenfalls Spaß an diesem Abend gefunden, der sich zeitweise, wie nach einem angenehmen, langen Bad, anfühlte: erholt, nachdenklich, aber auch erfrischt und optimistisch.