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Umwelt
Landschaftspflege mit Biss

Garten- und Landschaftsbauerin Sonja Kirsch ist mit ihren Ziegen in einem früheren Weinberg unterwegs.
Garten- und Landschaftsbauerin Sonja Kirsch ist mit ihren Ziegen in einem früheren Weinberg unterwegs. FOTO: dpa / Harald Tittel
Trier. Sie sind geländegängig und fast immer hungrig: In Trier haben Mietziegen gerade ihren ersten Einsatz.

Als Arbeiter auf vier Hufen sind Ziegen in einem früheren Weinberg in Trier im Einsatz. Ihr Auftrag: Sie sollen den meterhoch mit Dornen, Buschwerk und Gestrüpp bewachsenen Hang abfressen und den Bewuchs kleinhalten. Ihr Appetit ist groß: „Sie fressen alles, was zart und frisch ist“, sagt Besitzerin Sonja Kirsch (46). Sie hat ihre 15 Miet-Ziegen gerade in deren ersten offiziellen Job geschickt. Auftraggeber Aloys Dietzen ist angetan: „Die Tiere machen ihre Arbeit gut. Der Hang ist schon lichter geworden.“

Dabei geht die Truppe um Gabi, Minza, Schoko, Steffi & Co. behutsam vor. Sie fressen mal Brombeerblätter und Brennnesseln hier, mal Disteln da – und knöpfen sich die Pflanzen eher von unten nach oben vor. „Deshalb wird die Fläche auch nicht abgemäht wie beispielsweise bei einem Schaf, das in der Reihe quasi alles abarbeitet“, sagt Kirsch. Vom Einsatz einer Maschine wie einem Forstmulcher unterscheidet sich der der Ziegen sowieso.

„Die Maschine macht alles platt. Die Ziege mit ihren schmalen Hufen nicht“, erklärt Kirsch, die mit ihrem Mann ein Gartenbau-Unternehmen betreibt. Der Boden bleibt heil, Pflanzen könnten wieder nachwachsen – und zudem bleibe Kleingetier wie Insekten, Vögel und Eidechsen am Leben. „Die Ziegen sind perfekte Landschaftspfleger“, sagt sie. Unwegsames Gelände ist für die Truppe, die Kirsch als „Kollegen und Mitarbeiter“ bezeichnet, natürlich überhaupt kein Problem.

„Sie haben noch richtig viel Arbeit vor sich“, sagt Dietzen. Das gesamte Gelände sei rund 1,2 Hektar groß. Mit anderen Besitzern des Hanges habe er sich für den Ziegeneinsatz entschieden, weil sie den Hang ordentlich machten, ohne Flurschaden anzurichten. „Wir wollen den Bewuchs auch kleinhalten, damit die Wildschweine wegbleiben“, sagt der 66 Jahre alte Jagdvorsteher von Trier-Tarforst-Filsch.

Um eine Verbuschung aufzuhalten und die Artenvielfalt zu erhöhen, sind auch andere Tierarten in Beweidungsprojekten des Naturschutzbundes (Nabu) unterwegs. Die Regionalstelle Rhein-Westerwald zählt bereits elf Projekte von knapp einem Hektar bis 235 Hektar unter anderem mit Heckrindern, Konikpferden, Burenziegen, Mazedonischen Zwergeseln oder Moorschnucken. Denn nicht jedes Tier eignet sich für jede Landschaft.

Den Projekten sei gemein, dass sie Kulturlandschaften schützten: Ohne Beweidung würde irgendwann Wald entstehen, sagt Nabu-Sprecherin Kerstin Schnücker in Mainz. Dann schrumpfe der Lebensraum für Arten, die auf „offenes Land“ angewiesen sind. Dazu zählten viele Blühpflanzen, Insekten, Schmetterlinge und bestimmte Vogelarten.

Bundesweit setzt der Nabu mehr als 100 Projekte einer „halboffenen Weidelandschaft“ um. „Weidetiere wieder in die Landschaft zu bringen hat eine Schlüsselbedeutung für den Naturschutz in Mitteleuropa“, sagt Michael Steven vom Nabu-Bundesfachausschuss „Weidelandschaften und Neue Wildnis“ in Südbrookmerland (Niedersachsen). Es brauche mehr dieser Landschaften. „Wir sind überzeugt, dass der Großteil des heute vieldiskutierten Insektenschwundes auf das Konto des Verlustes von Weidetierlandschaften geht.“

Die Erfahrungen der Nabu-Projekte seien „außerordentlich positiv“. Tiere als Landschaftspfleger leisteten „einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz“, sagte die Nabu-Sprecherin Kathrin Klinkusch in Berlin. „Sie halten die Verbuschung weg, aber trotzdem ist die Wiese oder Weide nicht ganz abgemäht.“ Für die Biodiversität brauche es eine abwechslungsreiche Landschaft. Sonja Kirsch hat bereits Anfragen von anderen potenziellen Kunden. Unter anderem, um ihre mehr als 20 Ziegen auf privaten Geländen weiden zu lassen.

Angesichts der großen Fläche, die die Tiere zurzeit am Ex-Weinberg noch vor sich haben, meint sie aber: „Dieses Jahr brauche ich sie wohl nirgendwo anders mehr hinzustellen.“

(dpa)