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Porträt
„Dëppegéissesch Jeng“ und seine Weltkarriere

John Grün, einst stärkster Mann der Welt aus Luxemburg. Foto Credit: Archiv Revue/Luxemburg
John Grün, einst stärkster Mann der Welt aus Luxemburg. Foto Credit: Archiv Revue/Luxemburg FOTO: Archiv Revue/Luxemburg
Mondorf. Vor 150 Jahren kam John Grün, der einst stärkste Mann der Welt, in Mondorf zur Welt. Das Porträt eines Mannes, der bereits zu Lebzeiten eine Legende war.

Eine graue Pyramide. Oder besser gesagt eine Art Obelisk. In dem grauen Stein steht „John Grün – Roi de la Force Champion du Monde 27.8.1868-3.11.1912 R.I.P.“ eingemeißelt. Direkt an der Mondorfer Kirche, nur einige Meter vom Eingang entfernt. Hier liegt Johannes, genannt John Grün, der einst stärkste Mensch der Welt, begraben. Er ist einer der Ersten, der den Namen Luxemburgs in die große weite Welt hinausträgt. In die Vereinigten Staaten von Amerika, nach Südamerika, später nach Südafrika und Australien. Und in jeden Winkel Europas.

Gegen 13 Uhr erblickt der kleine Johannes am 27. August 1868 in Mondorf das Licht der Welt. Die Grüns sind eine alteingesessene Handwerkerfamilie. Vater Johannes, 30, ist Klempner. Mutter Anna, 24, ist Hausfrau und zuständig für die Erziehung der Kinder. Es sind kleinbürgerliche Verhältnisse, in die John als sechstes von sieben Kindern hineingeboren wird.

Sein Geburtshaus steht noch heute auf Hausnummer 23, in jener Straße, die nach ihm benannt ist. In der „Ënneschtgaass“, wie sie auf Luxemburgisch heißt, befindet sich auch das Denkmal, das man ihm zu Ehren am 25. Juni 1920 errichtet hat. „Der Junge wuchs heran, wie jeder andere auch. Dass er außergewöhnliche Fähigkeiten hatte, zeigte sich erst später, als er in der Werkstatt des Vaters aktiv wurde“, heißt es in Frank Zeimets Biografie über John Grüns Kindheit.

Im elterlichen Betrieb packt John schon früh mit an. Der Vater will partout, dass er in seine Fußstapfen tritt. Klempner gehören zum „fahrenden Volk“. Mit einem Eselskarren ziehen John und seine Eltern übers Land. Und wenn der Esel, der den Karren zog, mal störrisch war, ist es der junge Johannes, der ihn zieht.

Auch auf Jahrmärkten, die zu der Zeit sehr populär sind, stellt John seine Muskelkraft unter Beweis. Dort treten sogenannte Kraftmenschen auf. Normalerweise lassen sie sich von den Herausforderern aus dem Publikum nicht bezwingen. Nur wenn Grün, den alle nur „Dëppegéissesch Jeng“ rufen, die Bühne als Herausforderer betritt, ist Schluss mit lustig. Dann lehrt er die Kraftmenschen das Fürchten. Um 1890 haben sich die Taten vom Kraftprotz aus Luxemburg über die Grenzen des Landes herumgesprochen. Am 7. Januar 1889 besteigt er in Begleitung eines Freundes ein Schiff in Richtung Übersee. In Amerika angekommen, heuert er in St. Louis am westlichen Ufer des Mississippi als Barkeeper an. Erst mit seiner Immigration nach Amerika beginnt Johns Aufstieg. Er sieht keine Perspektive mehr in Luxemburg, und die Neue Welt lockt. In den USA wird der Neuankömmling schnell durch seine Muskelkraft zur Attraktion. Bierfässer heben ist für ihn ein Klacks. Rasch wird ihm klar, dass man mit Ausdauer und Kraft in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten Geld verdienen kann.

„Eines Tages besuchte er die Show von Aloyse Marx, des damaligen Champion of America. Diese Show war nach der Auswanderung der zweite entscheidende Schritt des Johannes Grün zur Weltkarriere“, heißt es in seiner Biografie. Am Ende der Show ist es Grün, der der Aufforderung des Meisters nachkommt, auf die Bühne steigt und die Kraftakte nachmacht. Aloyse Marx nimmt den jungen Grün unter seine Fittiche, und kurze Zeit später treten beide zusammen unter dem Namen „Marx Brothers“ auf. Die Weltkarriere von „Dëppegéissesch Jeng“ beginnt. Stationen machen die zwei unechten Brüder in Amerika, England, Schottland, Irland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Belgien und Deutschland. Die Marx Brothers gastieren auch in Berlin. Den Zeitungsartikel dazu liest man auch in Mondorf. Drei Jahre, nachdem Grün seine Heimat verlassen hat, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer: „Dëppegéissesch Jeng“ ist ein Weltstar.

Irgendwann bekommt die Männerfreundschaft Risse. Die Marx Brothers gehen getrennte Wege. John versucht sein Glück auf eigene Faust. Er gastiert in Frankreich, Italien, den Niederlanden, in Australien und in Südafrika. Am wohlsten fühlt er sich aber in England, „das ihm zur zweiten Heimat geworden war“, wie Frank Zeimet schreibt. Dort findet er auch die Liebe seines Lebens. In regelmäßigen Abständen kommt Grün nach Luxemburg. Bei seinen Auftritten, die auch auf der Schueberfouer stattfinden, sind die Zuschauertribünen immer restlos ausverkauft.

„Zwei Jahrzehnte lang dauerte die hervorragende Karriere unseres Nationalherkules. Doch dann sollten seine Laufbahn und sein Leben ein jähes Ende nehmen“, schreibt Zeimet. Nachdem Grün Ende 1909 einen Schlaganfall erlitten hatte, kann er nicht mehr sprechen. Auftreten kann er auch nicht mehr. Finanzielle Probleme stellen sich ein, denn Grün verdient einzig mit seinen Showeinlagen seinen Lebensunterhalt. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich. Aus dem geplanten Comeback wird nichts mehr. 1911 stirbt seine Ehefrau. Ende Januar 1912 zieht es den todkranken John zurück in seine Heimat nach Luxemburg. Seine letzten Tage verbringt er in der Irrenanstalt in Ettelbrück. Am 3. November stirbt er. Drei Tage später ist ganz Mondorf auf den Beinen, um seinem berühmten Sohn die letzte Ehre zu erweisen.

Laurant Graaf ist Leiter der Lokalredaktion des Luxemburger Tageblatts.

Quellen: „John Grün – Muskelkraft und Welterfolg“ – Luxemburger Biographien von Frank Zeimet, 1989. Sternstunden des Luxemburger Sports, Band 1 von Armando Bausch, 1988. Revue Nr. 44 / 29.10.10

John Grün. Foto Credit: Archiv Revue/Luxemburg
John Grün. Foto Credit: Archiv Revue/Luxemburg FOTO: Archiv Revue/Luxemburg