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| 21:13 Uhr

Die hässliche Seite der Geschichte

Luxemburg. Die Rolle, die Luxemburger bei der Judenverfolgung durch die Nazis und womöglich als Kollaborateure der deutschen Besatzer gespielt haben, ist im Großherzogtum jahrzehntelang tabuisiert worden. Nun will sich das luxemburgische Parlament in einer öffentlichen Debatte mit einem Bericht befassen, den der Historiker Vincent Artuso zu dem heiklen Thema erarbeitet hat. Dann wird sich auch die Regierung äußern. Lucien Montebrusco und Claude Wolf

Luxemburg. Er war in dieser Woche im Großherzogtum das große Thema: der Bericht des Historikers Vincent Artuso über die Verantwortung der luxemburgischen Verwaltungskommission bei der Judenverfolgung in den ersten Monaten der deutschen Besetzung ab 1940 und in den folgenden Jahren des Zweiten Weltkriegs. Der Artuso-Bericht, über den Luxemburgs Medien im Lauf dieser Woche breit berichtet haben, belegt eindeutig, dass die genannte Kommission der deutschen Zivilverwaltung eifrig zur Hand ging.
Eine Art Ersatzregierung


Die Verwaltungskommission war eine Art Ersatzregierung, nachdem die reguläre luxemburgische Regierung zusammen mit Großherzogin Charlotte bei der deutschen Invasion das Land am 10. Mai 1940 verlassen hatte.
Zu Beginn der Tätigkeit der Kommission habe es wohl einige Opposition gegeben, stellt der Artuso-Bericht fest. Diese Gegenwehr habe sich jedoch schnell verflüchtigt, da man sich in Luxemburg offenbar allgemein auf eine dauerhafte Besatzung eingestellt hatte und Repressalien befürchtete. Im Detail widmet sich der Bericht dem damaligen Umgang der Kommission mit der sogenannten Judenfrage. Sie stellte sich demnach in Luxemburg bereits in den 1930er Jahren, nachdem viele jüdische Flüchtlinge Deutschland verlassen und in Luxemburg Aufnahme gefunden hatten. Artuso fand heraus: Die heimische Bevölkerung hatte Angst vor einer Überfremdung. Die Regierung kam zwar anfangs ihren humanitären Pflichten nach und nahm die Flüchtlinge auf, gleichzeitig traf sie aber auch schon erste Verwaltungsmaßnahmen.
"Die hohen Verantwortlichen mögen Deutsche gewesen sein, die Alltagsarbeit wurde von Luxemburgern gemacht", schreibt Artuso - und verweist auf die Rassentheorie, die der luxemburgische Chef der Verwaltungskommission auch akzeptiert habbe. "Die Verwaltungskommission hatte immer weniger Spielraum, aber sie hat sich den Befehlen nie widersetzt", sagt der Historiker. Zugleich macht er jedoch einen Unterschied aus "zwischen den ersten Kriegsjahren, in denen sich jeder fügte, und dem Kriegsende, wo es einfacher wurde, sich zu wehren. So gesehen hat das Kriegsende jene Geschichte geschrieben, die wir kennen und aus der die Luxemburger seit 70 Jahren als ein Volk von Widerstandskämpfern und Zwangsrekrutierten hervorgehen".
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Die Autoren sind Redakteure beim Luxemburger Tageblatt.
Extra

... Vincent Artuso, luxemburgischer Historiker (Foto: Isabella Finzi, Luxemburger Tageblatt): Sie haben bereits viel zur Kollaboration recherchiert. Hat diese zweijährige Arbeit neue grundlegende Erkenntnisse gebracht? Artuso: Ich bin nicht zu anderen Schlüssen gekommen. Ich habe jedoch viele Aspekte vertieft und konnte somit die Formen der Kollaborationen klarer definieren. Haben sich durch die Recherchen neue Forschungsgebiete aufgetan? Welche Aspekte könnten Historiker neu aufgreifen? Artuso: Es gibt noch immer rund 900 Menschen, die im Krieg aus Luxemburg verschwanden und von denen bislang jede Spur fehlt. Es wäre interessant, ihr Schicksal zu verfolgen. Warum hat es so lange gedauert, bis dieser Aspekt unserer Geschichte beleuchtet wurde? Artuso: Nach dem Ende des Krieges waren alle Luxemburger Opfer. Sie wollten das Bild eines einheitlichen Volkes vermitteln. Negative Erfahrungen waren zu diesem Zeitpunkt nicht willkommen. Die Fragen stellte Claude Wolf, Redakteur beim Luxemburger Tageblatt.Extra

Welche Lehren zieht die luxemburgische Regierung aus dem Artuso-Bericht? Premierminister Xavier Bettel: "Die Regierung wird zuerst einmal das Dokument eingehend studieren und es dann, nach den Karnevalsferien, der Abgeordnetenkammer unterbreiten, die darüber eine Konsultationsdebatte führen soll. Erst danach bin ich bereit, Verantwortung für die Fehler zu übernehmen, die öffentliche Einrichtungen gemacht haben." Vor der im April/Mai geplanten Parlamentsdebatte soll Artuso den Abgeordneten seinen Bericht erläutern. Die Debatte selbst könnte mit einer Resolution enden. tgbl