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Interview Jean-Claude Hollerich
„Ich würde auch zu den Jugendlichen in die Kneipe gehen“

Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg.
Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg. FOTO: Paulo Cunha
Luxemburg. Der Luxemburger Erzbischof zu Erwartungen an die Jugendsynode, die zurzeit im Vatikan tagt.

Kirche und Jugend, das ist in vielen Ländern eine Geschichte der Entfremdung. Um das zu ändern, hat Papst Franziskus vom 3. bis 28. Oktober zu einer Jugendsynode in den Vatikan eingeladen. Mit dabei ist der Luxemburger Erzbischof Jean-Claude Hollerich (60). Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur erläutert der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE, wie die Kirche aus seiner Sicht auf Jugendliche zugehen sollte – auch bei kontroversen Themen wie der Rolle von Frauen und dem Umgang mit Homosexualität.

Herr Erzbischof, man muss feststellen: Viele Jugendliche haben heute überhaupt keinen Bezug mehr zur Kirche ...

JEAN-CLAUDE HOLLERICH ... die allermeisten! Nehmen wir das Beispiel Luxemburg: Da sind schon vor der Abschaffung des Religionsunterrichts durch die Regierung die Anmeldezahlen in den Grundschulen innerhalb weniger Jahre um etwa zehn Prozent gefallen. Das ist eine relativ steile Kurve nach unten – und wäre wohl auch in dem Sinne weitergegangen, weil wir mittlerweile so stark in der Säkularisation stehen, dass selbst die Großeltern nicht mehr kirchlich sozialisiert sind. Das spürt man natürlich umso mehr bei den Enkeln.

Wie kann Kirche Jugendliche da überhaupt noch erreichen?

HOLLERICH: Wir müssen authentischer werden. Die Leute haben oft den Eindruck, dass wir eine Botschaft predigen, die zwar sehr schön und schlüssig in sich ist, dass man aber an den Verkündern sehr wenig merkt, dass diese Botschaft von ganzem Herzen geglaubt und gelebt wird. Da müssen wir ansetzen.

Wie kann das gelingen?

HOLLERICH Wir müssen wieder Jünger Christi werden. Wir müssen versuchen, die Botschaft zu leben und auch zu erfahren, wie Christus in meinem Leben befreiend ist. Wie er mir die Augen, die Ohren öffnet, um die Realität zu sehen. Ohne das Jünger-Christi-Sein sind wir in der Gefahr, dass wir den Glauben nur oberflächlich konsumieren. Wir sind so in dieser Konsumgesellschaft eingeschlossen, dass auch unser religiöses Verhalten angepasst ist.

„Jünger Christi sein“, das ist aber sicher nicht die Sprache der Jugendlichen!

HOLLERICH Nein. Wir müssen eine Sprache sprechen, die vom Evangelium geprägt ist – wohlwissend, dass die Jugendlichen dieses Evangelium nicht kennen. Deshalb müssen wir eben auch in der Welt der Jugend präsent sein. Da kann ich nicht gleich mit frommen Sprüchen kommen. Wenn ich Pfarrer wäre und sähe, dass Jugendliche sich regelmäßig in einer gewissen Kneipe treffen, dann würde ich da immer wieder hingehen.

Und was würden Sie denen sagen?

HOLLERICH Zunächst einmal würde ich sicher kein Wort über Christus verlieren. Ich würde erst mal das Gespräch suchen und schauen, was den Leuten auf dem Herzen liegt. Wir haben eine Jugend, bei der Spaß sehr groß geschrieben wird. Aber die meisten Jugendlichen spüren auch, dass das ihr Leben nicht erfüllen kann, dass es auch Momente von Einsamkeit und In-Sich-Gehen gibt. Es gibt auch im reichen Luxemburg eine hohe Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen, die keinen Abschluss haben. Es gibt eine hohe Suizidrate. Sehen wir, was ihnen auf dem Herzen liegt? Da müssen wir präsent sein.

Bei der Jugendsynode haben Vertreter der Jugend nur einen Hörerstatus.

HOLLERICH Ja, aber die Jugendlichen haben schon in der Vorsynode gesprochen. Auch ein Vertreter aus Luxemburg war dort mit dabei. Ich werde ihm und anderen regelmäßig über die Synode berichten.

Viele junge Frauen sind in der Kirche engagiert, sie können aber nicht Priester werden. Wie motivieren Sie diese Frauen?

HOLLERICH Wir müssen aufhören, eine Männerkirche zu sein. Wir können Frauen außerhalb der Weiheämter in kirchliche Führungspositionen bringen, wo sie volle Verantwortung tragen. Ich bin froh, dass in meinem Bischofsrat die Frauen innerhalb der Laienmitglieder in der Mehrheit sind.

Bei Themen wie Sexualität und dem Umgang mit Homosexuellen sind die Kirche und viele Jugendliche weit voneinander entfernt. Welche Antworten haben Sie für diese Jugendlichen?

HOLLERICH Ich werde öfter von Jugendlichen dazu befragt. Auch bei unseren Jugendfahrten sind junge Frauen und Männer dabei, die homosexuell sind. Wie ein Vater, der homosexuelle Kinder hat, muss ich sie annehmen und ihnen dieselbe Wertschätzung entgegenbringen wie allen anderen.

Fühlen sich diese Jugendlichen in der Kirche angenommen?

HOLLERICH Ich glaube, dass diejenigen, die mit uns fahren, sich angenommen fühlen. Ich möchte das auch so vermitteln. Manche Pfarreien schicken mir vor der Firmung Briefe von Jugendlichen zu. Einmal schrieb ein junger Mann, der homosexuell ist: Meine Mutter hat gesagt, ich komme in die Hölle. Stimmt das? Ich antwortete ihm: Nein, stimmt nicht. Ich freue mich, dass du bei der Firmung dabei bist. Wir müssen aber unterscheiden: Ehe kann es in der katholischen Kirche nur zwischen Mann und Frau geben. Davon bin ich tief überzeugt. Das heißt aber nicht, dass das Leben und die Partnerschaft von anderen nichts Positives hätte. Das müssen wir anerkennen.

Diese Position ist in der Kirche aber umstritten.

HOLLERICH Von vielen früher geltenden Prämissen, etwa dass Homosexualität eine zu heilende Krankheit wäre, wissen wir heute, dass das nicht so ist. Wir müssen auch den fundamentalen Christen, die etwa Sündenkataloge aus dem Alten Testament aufzählen, sagen, dass wir auch andere Gebote in der Bibel haben. Das muss man alles im Kontext interpretieren, nicht mehr und nicht weniger. Das Gleichgewicht ist, die Theologie der Ehe von Mann und Frau zu wahren, aber gleichzeitig andere zu respektieren, sie anzunehmen, ihnen einen Platz in der Kirche zu geben.

Kann man in der Weltkirche, die so verschiedene Positionen bezieht, überhaupt noch gemeinsame Antworten in solchen Fragen finden?

HOLLERICH Wenn die Lehre im Begriff ist, sich leicht im Ausdruck zu verändern, dann knirscht es im Gebälk. Das tut es derzeit; da gibt es progressive und konservative Bischöfe. Ich bin überzeugt: Wenn alle Bischöfe konkreten pastoralen Kontakt mit homosexuellen Jugendlichen hätten, dann würde sich auch die ganze Kirche ändern. Ich gehe ja davon aus, dass Gott alle Menschen liebt. Als Hirte muss ich auch diese Zuwendung für alle leben, was nicht heißt, dass ich mit allem einverstanden sein muss.

Kann es sich die Kirche angesichts der Wucht, die von all den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen ausgeht, leisten, diese Thematik bei der Jugendsynode auszukoppeln?

HOLLERICH Man muss sicher darüber sprechen. Aber ich glaube, dass es den Jugendlichen nicht gerecht würde, wenn dieses Thema die Synode überlagern würde. Die Jugendlichen haben bei ihrer Vorsynode selbst ein Papier erarbeitet, in dem Missbrauch nicht prägend ist, weil die meisten Jugendlichen diese leidvolle Erfahrung glücklicherweise nicht machen mussten. Aber wir müssen uns diesem Thema ganz klar stellen. Dieses Urvertrauen der Kinder und Jugendlichen als Geistlicher zu missbrauchen, das verletzt sehr, sehr tief. Ich empfinde tiefe Scham. Ich schäme mich, Bischof dieser Kirche zu sein, die das so lange versteckt hat. Wir dürfen nichts tabuisieren, müssen alles auf den Tisch legen und alles dafür tun, dass das aufhört.

Reichen die geschaffenen Instrumente aus, um zu verhindern, dass Missbrauch weiter auftritt?

HOLLERICH Ich befürchte, dass es leider wohl immer Missbrauch geben wird. Ich hoffe nur, dass er so weit wie nur irgendwie möglich reduziert wird. Die Frage ist, wie wir darauf reagieren und wie wir Präventionsarbeit leisten. In Luxemburg steht die Prävention seit einigen Jahren im Fokus, so wird zum Beispiel jeder Priesteramtskandidat psychologisch untersucht. Sollten pädophile Tendenzen erkennbar sein, wird er nicht geweiht. Zudem werden für alle Mitarbeiter in der Pastoral, Laien wie Geistliche, geeignete Präventionsschulungen angeboten.

Das Interview führte
Michael Merten

(kna)