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Verkehr
Kostenloser ÖPNV in Luxemburg startet 2020

FOTO: dpa / Harald Tittel
Luxemburg. Der Verkehrsminister hat die Pläne vorgestellt. Für Grenzgänger wird es etwas billiger. Von Bernd Wientjes

Kostenloses Bus- und Bahnfahren ist in Luxemburg ab März kommenden Jahres möglich. Im ganzen Land kann dann der öffentliche Nahverkehr gratis benutzt werden, ausgenommen davon sind allerdings städtische Busse in der Hauptstadt. Für Grenzgänger soll die tägliche Fahrt ins Nachbarland billiger werden. Sie sollen von da an nur noch das Ticket bis zur luxemburgischen Grenze zahlen. Das gab der luxemburgische Verkehrsminister François Bausch gestern bekannt.

Fahrkarten werden aber nicht komplett abgeschafft. Kostenlos fahren Nutzer der Bahn nur in der zweiten Klasse, wer erster Klasse fährt, zahlt weiter den normalen Preis. Auch bei Fernverkehrstickets von und nach Luxemburg ändert sich nichts.

Die erneute Regierungskoalition aus Liberalen, Grünen und Sozialisten hat sich auf den Gratis-ÖPNV geeinigt. Bausch bezeichnet den Plan vor allem als „soziale Komponente“. „Es ist das Sahnehäubchen auf einer umfassenden Verkehrsstrategie.“ Er gehe nicht davon aus, sagte Bausch, dass sich durch den kostenlosen Nahverkehr merklich mehr Verkehr vom Auto zu Bussen und Bahnen verlagere. Der Minister rechnet damit, dass durch das Projekt der Staatshaushalt mit 40 Millionen Euro zusätzlich belastet wird. Bereits jetzt schießt Luxemburg jährlich rund 490 Millionen Euro in den Nahverkehr. Aus diesem Grund sind die Fahrkarten dort so günstig  wie in kaum einem anderen EU-Land. Für zwei Euro kann man quasi einmal quer durchs Land fahren, ein Tagesticket kostet vier Euro.

Ohnehin kleckert das Nachbarland nicht bei den Investitionen in den Verkehr. 2,2 Milliarden Euro bekommt in den kommenden vier Jahren die luxemburgische Bahn, um neue Züge zu kaufen, pünktlicher zu werden und die Technik zu modernisieren. Bis 2030 sollen, so die Vorstellung von Bausch, nur noch Elektrobusse im Nachbarland unterwegs sein. Erst wenn die Qualität des Nahverkehrs besser sei, würden wahrscheinlich auch mehr Leute vom Auto auf Busse und Bahnen umsteigen.

In der Region Trier beobachtet man die Planungen im Nachbarland aufmerksam. Unter anderem muss es neue Tarife für den grenzüberschreitenden Nahverkehr geben. Dazu soll es Gespräche zwischen dem Verkehrsverbund Region Trier (VRT) und dem für den Schienennahverkehr zuständigen Zweckverband SPNV Nord mit den luxemburgischen Akteuren geben. Der Verkehrsexperte Karl-Georg Schroll aus Wiltingen (Trier-Saarburg) hält einen kostenlosen Nahverkehr in der Region gemeinsam mit dem Saarland für machbar. Er schlägt dazu ein Bürgerticket vor. Jeder Erwachsene bezahle 20 Euro im Monat, unabhängig davon, ob er Bus und Bahn benutze. Dafür könnten alle ohne ein Ticket den Nahverkehr unbegrenzt nutzen. Das größte Problem in der Region sei, dass die Fahrkarten zu teuer seien, sagt Schroll. Beim VRT sieht man allerdings das Luxemburger Modell nicht als Blaupause für die Region: „Unsere Strategie ist nicht, den ÖPNV kostenfrei zu machen, sondern das Angebot wesentlich zu verbessern“, sagte kürzlich die VRT-Chefin Barbara Schwarz unserer Zeitung.

Das soziale Sahnehäubchen

Der luxemburgische Verkehrsminister glaubt nicht, dass durch kostenlosen ÖPNV mehr Leute auf Busse und Bahnen umsteigen werden.

Von Bernd Wientjes

Er wisse auch nicht, warum im Zusammenhang mit den Plänen, Busse und Bahnen in Luxemburg für die Fahrgäste kostenlos zu machen, immer davon gesprochen werde, dass dadurch mehr Menschen das Auto das stehen lassen würden.

Er glaube nicht, sagt der luxemburgische Verkehrsminister Francois Bausch, dass der Effekt so groß sei, „wie wir uns das erhoffen“. Für ihn sei das viel mehr eine soziale Komponente, damit sich mehr Luxemburger den öffentlichen Nahverkehr leisten könnte, so der Minister gestern bei einer Pressekonferenz, bei der er die Pläne für den Gratis-ÖPNV vorstellte.

Wer dabei genau zuhörte, der merkte, dass der Grünen-Politiker Bausch gar nicht so wirklich von dem Projekt überzeugt ist. Immer wieder verwies er darauf, dass einige Dinge noch nicht geklärt seien. So zum Beispiel wie es sich ab März 2020, wenn Busse und Bahnen (allerdings nur in der 2. Klasse)  in Luxemburg ohne Ticket benutzt werden können, mit grenzüberschreitenden Tarifen etwa von Trier nach Luxemburg verhalte.

Pendler müssten dann zwar nur noch eine Fahrkarte bis zur luxemburgischen Grenze lösen, was das aber etwa für Monats- oder Jahreskarten bedeute, wie sich die Preise bei dem bei Grenzgängern beliebten Luxemburg-Ticket gestalten, darüber müssten noch Gespräche mit den zuständigen Unternehmen, also dem Verkehrsverbund Region Trier (VRT) geführt werden. Unklar ist auch, ob künftig auch die 170 kommunalen Busse in der luxemburgischen Hauptstadt kostenlos genutzt werden können. Er wünsche sich das, aber der Staat habe darauf keinen Einfluss, sagte der Minister.

Bausch macht keinen Hehl draus, dass er es lieber gesehen hätte, dass erst das Angebot und die Qualität des Nahverkehrs in Luxemburg verbessert worden wäre, bevor Busse und Bahnen kostenlos werden. Damit nennenswert viele Menschen vom Auto auf den ÖPNV umsteigen, müsse es unter anderem bessere Verbindungen geben. Daran arbeitet das Nachbarland derzeit. Neben Milliarden-Investitionen in die Bahn und den Bau einer Tram-Verbindung von der luxemburgischen Innenstadt zum Flughafen soll es mehr und bessere Bus-Verbindungen geben.

Die Einführung des kostenlosen öffentlichen Transports sei nur ein Teil des Mobilitätskonzepts des Landes, sei aber eher eine gesellschaftliche Maßnahme, „das soziale Sahnehäubchen auf dem Kuchen“ der Verkehrsoffensive des Landes.

Die Zurückhaltung des Grünen-Ministers liegt wohl darin begründet, dass der Gratis-ÖPNV eher ein Projekt von Premierminister Xavier Bettel ist.

Dem Vernehmen nach hat der Liberale bei den erneuten Koalitionsverhandlungen mit Grünen und Sozialisten darauf bestanden und das vor allem aus PR-Gründen. Denn kaum waren die Pläne bekanntgeworden, wurde weltweit darüber berichtet. Luxemburg sei das erste Land, in dem der Nahverkehr komplett kostenlos sei. Außer Acht gelassen wurde dabei, dass seit Sommer vergangenen Jahres auch Estland Busse und Bahnen kostenlos gemacht hat. Er sei überrascht gewesen von der weltweiten Resonanz auf die Ankündigung Luxemburgs, sagt Bausch, der bei der Pressekonferenz keine Gelegenheit auslässt, die Erwartungen an das Projekt zu dämpfen.

Der Verkehrswissenschaftler und Autor des Buches ÖPNV – Marktchancen und Konzepte für den ländlichen Raum (Blattfuchs Verlag), Karl-Georg Schroll aus Wiltingen (Trier-Saarburg) geht allerdings davon aus, dass durch den kostenlosen Nahverkehr in Luxemburg mehr Menschen das Auto stehen lassen werden.

Er sieht darin eine Chance, Busse und Bahnen attraktiver zu machen. „Auch in der Region Trier wäre kostenloser ÖPNV möglich“, ist der Experte überzeugt. Voraussetzung hier sei allerdings, dass das Angebot deutlich erhöht werde. Auch kleine Dörfer müssten an den Nahverkehr angebunden werden. Außerdem, so Schroll, müsste Bus- und Bahnfahren in der Region billiger werden. „Die Leute müssen einen Anreiz haben, das Auto stehen zu lassen.“

Nicht nur diesseits der Grenze beobachtet man die Pläne in Luxemburg mit Aufmerksamkeit. Auch im Land selbst. So etwa bei der Bahngesellschaft CFL. Auch dort weiß man offensichtlich noch nicht so genau, wie sich der kostenlose Nahverkehr auswirken wird.

Man analysiere derzeit noch die Details, teilte eine Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung mit. Abwartend gibt man sich auch beim Luxemburger Busunternehmen Emile Weber, das einen Linienverkehr zwischen Luxemburg und Trier unterhält und damit vor allem Pendler transportiert. Kürzlich hieß es von dort, man habe noch keine genauen Informationen, was die Pläne konkret für die grenzüberschreitenden Linien bedeuten.