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Verkehr
Nach der Tram ist vor der Tram

Luxemburg. Seit Dezember rollt eine Straßenbahn über den Luxemburger Kirchberg. Die Erwartungen sind weit übertroffen, nun gibt es sogar neue Pläne zur Ausweitung der Strecke bis nach Esch. Von Sabine Schwadorf
Sabine Schwadorf

Wer von der Hauptstadt Luxemburg in den Süden und Frankreich Richtung Esch-sur-Alzette unterwegs ist, steht auf der Autobahn 4 meist mehr im Stau als dass er vorwärtskommt. Und auch von Deutschland her kommend kennen Grenzpendler das stetige Stop-and-Go.

Zumindest fürs Minett deutet sich nun eine Lösung an, die in wenigen Jahren die Verkehrspolitik des Großherzogtums völlig auf den Kopf, oh pardon, auf die Schiene stellen wird: Nachdem die erste Strecke der neuen Straßenbahn im vergangenen Dezember eröffnet wurde, bricht das Verkehrsmittel alle Rekorde. Dies beflügelt Politik und Verkehrsplaner so sehr, dass bis zum Jahr 2035 auch der Süden Luxemburgs per Überland-Straßenbahn mit der Hauptstadt verbunden sein soll.

8400 Menschen pro Tag hatte Verkehrsminister François Bausch im Winter als Tram-Passagiere für die Hauptstadt erwartet. Doch seine Prognosen sind bereits wenige Monate nach der Eröffnung weit übertroffen: Mehr als 17 000 Fahrgäste schleichen mit den elektrischen Wagen über den Kirchberg bis zur Haltestelle Rote Brücke/Pfaffenthal (Rout Bréck/Pafendall). Dabei ist die Straßenbahn aktuell nur auf dem kleinsten Teil ihrer eigentlichen Strecke unterwegs. Ab Ende Juli kommen drei weitere Haltestellen bis zur Place de l’Étoile (Stäreplaz) von insgesamt 24 hinzu. Nach dem Sommer beginnt dann der Bau des dritten Bauabschnitts bis zum Bahnhof. Ab dem zweiten Halbjahr 2020 soll die Strecke dann freigegeben sein.

Der Clou: Die Tram ist damit nicht nur eines der größten Prestige-Objekte des Staates, sondern auch der Stadt Luxemburg. Denn mitten in der City wird die Straßenbahn nicht über Oberleitungen geführt, sondern fährt per Akku. „Eine schöne Tram für eine schöne Stadt“, kommentiert denn auch die hauptstädtische Bürgermeisterin Lydie Polfer das Projekt. Hinzu kommen 72 neue Bäume.

Jenseits vom Charme grüner Sauerstoffoasen und Projektkosten von 565 Millionen Euro bringt die Tram aber noch eines: Verkehrsminister Bausch rechnet vor, dass mit dem Beginn des vollständigen Verkehrs auf der Tram im Jahr 2021 auf 16 Kilometer Länge insgesamt 2200 Busfahrten von der Straße auf die Schiene verlegt werden können. Die Folge: saubere Luft, weniger Staus.

Folglich denkt der Verkehrsminister schon weiter und will auch Luxemburgs Süden und die zweitgrößte Stadt Esch-sur-Alzette von Motorenrauschen, Abgasen und Stau befreien. Und so könnte 79 Jahre nach dem Ende der letzten Tram in der Minett-Stadt erneut eine Straßenbahn durchs Luxemburger Revier sausen. Hintergrund: In den kommenden 15 Jahren rechnen die Verkehrsplaner mit einer Zunahme des Verkehrsaufkommens um weitere 50 Prozent. „Besonders diese Verkehrsanbindung ist extrem belastet und wird weiter wachsen“, sagt Bausch. Denn im ehemaligen Stahlkocher-Viertel Belval entsteht ein komplett neues Wohnviertel für 550 Familien, womit der Verkehrsknotenpunkt dort weiter an Bedeutung gewinnen wird. Würde man all diese neuen Bewohner sowie zusätzliche Pendler aus Frankreich in Busse setzen, bedeutete das eine Vervierfachung der heutigen Busfahrten im Takt von 45 Sekunden! Doch ob Bauschs Idee umgesetzt werden wird, ist noch unklar. Denn am 14. Oktober wird in Luxemburg eine neue Regierung gewählt und mit ihr ein neuer Verkehrsminister.