Mauerfall - Nach 30 Jahren wird die Erinnerung immer schiefer

Falsche Bilder und Deutungen : Der Mauerfall, der eigentlich anders war

Dem historischen Tag werden heute Bilder und Bedeutungen angeheftet, die er vor 30 Jahren – am 9. November 1989 – nicht hatte.

Jubelnde Menschen auf der Mauerkrone vor dem Brandenburger Tor. Das Symbolbild schlechthin für den 9. November 1989. Und ein Irrtum. Das Brandenburger Tor war ungefähr der einzige Ort in Berlin, an dem die Mauer in jener Nacht nicht aufging. Dort gab es keinen Übergang, sogar bis zum 22. Dezember nicht. Auch befinden sich so gut wie keine Ostdeutschen auf dem Foto, sondern fast nur feiernde West-Berliner und Touristen. Die Ost-Berliner gingen zur Bornholmer Brücke oder zur Invalidenstraße, wo man wirklich rüber konnte. Und von da aus zum Kurfürstendamm, dem großen Sehnsuchtsziel.

In Wirklichkeit zeigt das Bild sogar einen Moment, der diese ganze friedliche Nacht jäh hätte beenden können, noch ehe sie so richtig begonnen hatte. Denn die DDR-Grenztruppen interpretierten die Szene als das, was ihre Propaganda immer prophezeit hatte: Einen Angriff aus dem Westen auf den „antifaschistischen Schutzwall“. Es ist wenig bekannt, aber der West-Berliner Senat schickte noch in der Nacht Polizeifahrzeuge an diese Stelle, um das Grenzwerk zu schützen und die Lage zu beruhigen. Es blieb bei einem kurzen Wasserwerfer-Einsatz durch die DDR-Soldaten.

Im Nachhinein verschwimmen die Fakten. Weil man sich nicht anders erinnert oder erinnern will. Die mutige Bürgerbewegung der DDR habe die Mauer zum Einsturz gebracht, heißt es. Wenn, dann hat sie das ganz sicher nicht gewollt. Ihr Verdienst liegt darin, das Regime geschwächt und verunsichert zu haben. Und die Menschen mutig gemacht zu haben. So mutig, dass sie nach Günter Schabowskis Pressekonferenz zu den Grenzübergängen gingen, völlig ohne Angst. Bis an der Bornholmer Straße ein einzelner Grenzoffizier namens Harald Jäger dem Druck nachgab und die Schleusen öffnete, die dann nie mehr zugingen. Er hat neben Schabowski persönlich wohl den größten Anteil an diesem historischen Ereignis.

Die Maueröffnung in dieser Form wollte die Bürgerbewegung nicht. Noch heute geben ihre wichtigsten Aktivisten zu, dass sie damals geschockt waren, weil mit diesem Tag ihr großer Traum endete. Der von einer eigenständigen, wirklich demokratischen, kurz besseren DDR. Mit dem Mauerfall ging es nur noch um die D-Mark. Erst als Begrüßungsgeld, bald als gemeinsame Währung. Damit lockte Helmut Kohl im Wahlkampf zur ersten demokratischen Volkskammerwahl am 18. März 1990. An jenem März-Sonntag traf ich zufällig Bärbel Bohley, die große Ikone der Bürgerbewegung, in einem Flugzeug von Bremen nach Berlin. Ich saß neben ihr. Sie zeigte nach unten, als wir über der DDR flogen und sagte: „Jetzt wählen sie die Bananen“.

Heute wird der Mauerfall immer wieder mit der Einheit gleichgesetzt. Bei den Rückblicken werden die beiden Ereignisse regelrecht vermischt. Natürlich war die Grenzöffnung im Ergebnis der entscheidende Sargnargel für die DDR als Staat. Nur: Am Tag des Mauerfalls selbst spielte die Einheit noch überhaupt keine Rolle. Auch nicht bei den DDR-Bürgern, die hunderttausendfach West-Berlin stürmten. Den Kurfürstendamm, das KaDeWe, die Kneipen. Wenn, dann war diese Sehnsucht der meisten DDR-Bürger nach West-Konsum und West-Wohlstand der entscheidende Faktor für die Einheit.

Die DDR-Regierung wollte eigentlich einen geordneten, aber freien Reiseverkehr ab dem Morgen des 10. November einführen. Antrag bei den Polizeidienststellen, „Genehmigungen werden kurzfristig erteilt“. So stand es in dem Beschluss. Damit wäre auch die Bürgerbewegung einverstanden gewesen. Hätte Günter Schabowski nicht diesen Plan mit seiner Bemerkung, das Ganze gelte „ab sofort“, so grandios verstolpert, die DDR-Führung hätte womöglich die Kontrolle behalten. Wie wäre die Geschichte dann weitergegangen? Hätte sich das Regime stabilisieren können, vielleicht unter Einbeziehung der Opposition? Und: Hätten die DDR-Bürger einem solchen Experiment eine Chance gegeben? Einem zweiten deutschen Staat, demokratisch, aber arm und ohne D-Mark? Hätte schließlich Helmut Kohl ihm eine Chance gegeben, vielleicht mit Krediten?

Der Bundeskanzler vermied es am Nachmittag des 10. November bei seiner Rede vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin peinlichst, das Wort Einheit in den Mund zu nehmen. Weil es noch lange nicht soweit war. Außenpolitisch ohnehin nicht. Außerdem gab es damals weder in Bonn noch im Berliner Senat in den Schubladen irgendwelche Pläne für eine Wiedervereinigung. Niemand hatte noch an sie geglaubt. Dann soll man nicht nachträglich so tun, als sei am 9. November schon alles klar gewesen.

Der Mauerfall steht heute auch für die friedliche Überwindung von Grenzen. Es ist ein Mutmacher-Ereignis. Freilich hätte es leicht ganz anders kommen können. Die „chinesische Lösung“, im Sommer zuvor in Peking auf dem Tiananmen-Platz blutig praktiziert, lag lange in der Luft. Auch noch am 9. November. In jener Nacht wurde eine Eliteeinheit aus Potsdam in Marsch gesetzt, berichten Historiker. Auch ich habe am Übergang Invalidenstraße damals einen Bus mit solchen Soldaten im Hintergrund gesehen. Sie warteten auf ihren Einsatzbefehl, der offensichtlich nicht mehr kam. Die SED hatte 1989 nicht mehr die Kraft für einen Gewaltakt, zumal die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow sie dabei nicht unterstützt hätte. Aber dass auch nicht eine einzige Einheit von Stasi, Grenzern oder Polizei ausrastete, nicht ein einziger Offizier, das war wirklich verdammt großes Glück. So wie dieser ganze Tag.

Der Autor Werner Kolhoff war 1989 Sprecher des Senats von Berlin

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