1. Nachrichten
  2. Mehrwert

Arzt: Impfen ist eine soziale Tat

Arzt: Impfen ist eine soziale Tat

Im letzten Teil unserer Serie zum Thema Impfen beschäftigt sich der Trierer Mikrobiologe Ernst Kühnen mit dem Für und Wider der Impfungen.

Solange es Impfungen gibt - und dies schon zu Zeiten Alexanders des Großen oder vor der Zeitrechnung in China und Indien -, gab es nicht nur einen Wortstreit über das Für und Wider. Zweifelsfrei haben sich die Rahmenbedingungen wie eine verbesserte Hygiene gerade bei den großen Volkskrankheiten wie Tuberkulose, Pest oder auch Typhus deutlich in den industrialisierten Ländern verbessert, andererseits sterben jedes Jahr weltweit 17 Millionen von 52 Millionen Menschen direkt oder indirekt an Infektionskrankheiten.
tv-serie impfen


Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation(WHO) wären 26 Prozent davon wiederum durch Impfungen vermeidbar. Viele Krankheiten kommen bei uns praktisch nicht vor, zum Beispiel Diphtherie, daher sind wir oft nicht willens, etwas dagegen zu tun. Gegen andere - und dies ist die große Masse - gibt es bis heute keinen Impfschutz. Trotz Impfmöglichkeit sterben jährlich alleine in Rio de Janeiro mehr als 250 Menschen an Gelbfieber (Denken Sie an die Fußball-WM!), ebenso weltweit circa 400 000 Menschen an Typhus, der bei uns praktisch nicht mehr vorkommt. Selbst bei Kinderkrankheiten wie Keuchhusten muss einem bewusst sein, dass pro Stunde weltweit mehr als 40 Kinder sterben.
Die Erfolgsquote von Impfungen ist zumindest in den industrialisierten Ländern nachvollziehbar, selbst wenn Einzelaussagen dies oft wiederlegen wollen. Nachfolgend sollen Unsicherheiten vieler Impfwilliger abgebaut werden:

Es gibt keine Viren: Impfgegner behaupten noch in diesem Jahrzehnt, dass die Erreger nicht bekannt sind - so gebe es überhaupt keine Viren. Seit 1932, in der Folge bis heute, ist die Existenz unumstößlich bewiesen und jederzeit belegbar.

Impfungen verhindern keine Infektionen, sondern verursachen Infektionen:
Eine Impfung kann immer nur die Erkrankung verhindern, gegen die sie gerichtet ist.
Daher ist es eindeutig so, dass man auch nicht gegen alle möglichen Erkrankungen geschützt ist. Dies wäre zwar wünschenswert, aber die Impfung erfasst nur häufige Volkskrankheiten, leider aber nicht die sehr schwer anzugehenden Bakterien in unseren Krankenhäusern.

Stärkung des Immunsystems verhindert alle Infektionen:
Selbstverständlich ist die Stärkung des Immunsystems eine immer wieder angemahnte gute Sache. Infektionen mit Vitamin C bekämpfen zu wollen, ist hingegen nur bei banalen Infektionen bedingt erfolgreich, unter den durch Impfungen vermeidbaren Infektionen kann man selbst mit einem gestärktem Immunsystem weder Masern, Mumps, Diphtherie, Röteln oder Keuchhusten verhindern. Würden wir in Deutschland aufhören zu impfen, würde dies auch bei uns in einigen Jahren bei abnehmender Durchimpfung - zum Beispiel beim Keuchhusten - dramatische Konsequenzen haben, das heißt, es würden jährlich auch bei uns einige Hundert Kinder sterben.
Damit ist die Entscheidung zur Impfung auch eine soziale Tat, die der Gemeinschaft zugutekommt.

Das Durchmachen von Kinderkrankheiten macht Kinder widerstandsfähiger: Eine durchgemachte Erkrankung hilft normalerweise nur gegen einen gleichen Gegner, nicht aber gegen alle möglichen anderen Erreger. Bestes Beispiel ist die berühmte Influenza, die besonders heimtückisch alleine 2013 in Deutschland bisher 68 000 Menschen betroffen hat, viele gerade ältere Menschen sind daran gestorben. Die Impfung kann aber nicht gegen weitere circa 60 virale Erreger schützen, die eine leichtere, aber doch vergleichbare Infektion hervorrufen können. Aussagen wie "Wir haben als Eltern diese Krankheiten auch durchgemacht und gut überstanden", sind daher überaus kurzsichtig.

Kombinationsimpfstoffe überlasten das Immunsystem:
Manche Menschen glauben, wir würden mit unseren Impfungen Neugeborene überlasten. Fakt ist, dass in einem Gramm Sand oder auch in der Blumenerde circa 80 bis 120 Millionen Antigene vorhanden sind, rechnet man alle Einzelkomponenten aller Impfungen heute zusammen, so handelt es sich um maximal 130 bis 180 Antigene.

Abwehrstoffe aus der Muttermilch schützen ausreichend vor Infektionen:
Die Muttermilch ist hervorragend geeignet, die Abwehrlage des keinesfalls geschützten Neugeborenen zu unterstützen, aber auch hier gilt, dass die bekannten Kinderkrankheiten dadurch nicht verhindert werden können.

Nebenwirkungen von Impfungen sind die Regel:
Der Impfarzt muss entsprechend der zugrunde liegenden Regeln aufklären und damit auch auf mögliche Schäden hinweisen. Eine veröffentlichte Studie zeigt, dass angesichts der millionenfach verimpften Mengen an Impfstoffen die Rate der normalen Nebenwirkungen überschaubar ist.
Neue Entwicklung von Impfstoffen: Wer gegen Impfungen ist, muss auch bedenken, dass Impfstoffe nicht nur gegen Infektionen eingesetzt werden. Seit etlichen Jahren wird mit Erfolg geforscht beim Einsatz gegen Krebsarten, Parkinson und Alzheimer - eine der ganz großen Volkskrankheiten - und gegen die Multiple Sklerose.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass jeder, der sich für oder gegen Impfungen ausspricht, auch die Verantwortung für Abertausende Infizierte sowie leider auch Hunderte von Toten oder auch zeitlebens geschädigten Menschen übernehmen muss.Extra

Ernst Kühnen (Foto: privat) ist Arzt und Diplom-Biologe. Er arbeitet in einem Labor in Trier. Kühnen ist Leitender Arzt der Abteilung Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Virologie und Infektionsepidemiologie. Er ist unter anderem auch Vorstandsmitglied der Bezirksärztekammer und Weiterbildungsbeauftragter. red