Das Gefühl des Gebrauchtwerdens

Das Gefühl des Gebrauchtwerdens

Die Bundesregierung sucht derzeit nach Menschen, die sich gegen ein Taschengeld freiwillig für die Gesellschaft engagieren wollen. Denn wenn der Zivildienst in wenigen Wochen endet, stehen viele Einrichtungen ohne diese freiwilligen Helfer vor einem Problem.

Trier/Berlin. "Nichts erfüllt mehr als gebraucht zu werden." Mit diesen Worten wirbt seit wenigen Tagen eine Kampagne. Sie soll dazu führen, dass es Deutschland nicht allzu hart trifft, wenn in wenigen Wochen die letzten der ehemals rund 90 000 Zivildienstleistenden aufhören zu arbeiten. Denn das Ende des Wehrdienstes bringt am 1. Juli auch das Ende des Zivildienstes mit sich. Einen Ersatz wird es nicht geben. Aber eben den Versuch, die zu befürchtenden Folgen teilweise zu kompensieren. Das Mittel dazu ist der Bundesfreiwilligendienst. Er soll nach Wunsch der Bundesregierung "der Nährboden für eine neue Kultur der Freiwilligkeit sein". Ein Nährboden, der gut gedüngt wird: Rund 250 Millionen Euro sollen bereitgestellt werden, in der Hoffnung 2011 rund 14 000 und ab 2012 rund 35 000 Menschen für den Freiwilligendienst gewinnen zu können. Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um den Bundesfreiwilligendienst (BFD): Wer kann beim BFD mitmachen? Alle, die ihre Schulpflicht absolviert haben. Das Programm soll explizit nicht nur Jugendliche ansprechen, sondern Frauen und Männer aller Altersschichten. Wo kann man arbeiten? Überall dort, wo das Gemeinwohl im Vordergrund steht. Ein wichtiger Bereich ist das Soziale - also zum Beispiel die Jugend- und Behindertenhilfe oder Altenpflege. Doch auch die Bereiche Sport, Umwelt- und Naturschutz, Integration, Kulturpflege, Bildung und Zivilschutz sollen unterstützt werden. Daher zählen zu den möglichen Einsatzstellen nicht nur Wohlfahrtsverbände, Kinderheime, Behindertenwerkstätten & Co., sondern auch Sportvereine, Museen, Träger ökologischer Projekte oder Kommunen. Zudem werden alle rund 160 000 Zivildienststellen, die es bisher gab, automatisch zu potenziellen Stellen für die neuen Freiwilligen. Wird man bezahlt und versichert? Die Freiwilligen erhalten ein Taschengeld in Höhe von maximal 330 Euro im Monat. Wie hoch es tatsächlich ist, wird mit der Einsatzstelle vereinbart, die auch Unterkunft, Verpflegung oder Arbeitskleidung zur Verfügung stellen kann. Der "Arbeitgeber" zahlt zudem die Sozialversicherungsbeiträge. Wie lange dauert der Bundesfreiwilligendienst? In der Regel wird der Vertrag über zwölf Monate geschlossen. Mindestens jedoch über sechs und höchstens über 18 Monate. Wie viel arbeitet man? Grundsätzlich arbeiten die Freiwilligen in Vollzeit. Menschen, die älter als 27 Jahre sind, können auch Verträge über mindestens 20 Wochenstunden vereinbaren. Gibt es eine Ausbildung? Freiwillige brauchen keine bestimmte Qualifikation. Jeder kann mitmachen. Pro Jahr stehen den Freiwilligen 25 Seminartage zu, davon fünf zu Themen der politischen Bildung. Vor Ort werden sie von einer Fachkraft unterstützt und angelernt. Gibt es auch Urlaub? Ja, Freiwillige haben Anspruch auf mindestens 24 Tage Urlaub. Wird während des BFD weiterhin Kindergeld gezahlt? Ja.Wo muss man sich bewerben? Direkt bei der Einrichtung, für die man arbeiten möchte und mit der der Vertrag ausgehandelt wird. Informationen zu freien Plätzen gibt es unter www.bundesfreiwilligendienst.deIst das das Ende der Jugendfreiwilligendienste? Nein. Das freiwillige soziale oder ökologische Jahr (FSJ/FÖJ) soll es weiterhin geben. Auch diese Jugendfreiwilligendienste unterstützt der Bund ab Juli mit insgesamt 100 Millionen Euro. Wie ändern sich die Verwaltungsstrukturen: Das Bundesamt für Zivildienst wird zum Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Die rund 100 Regionalbetreuer für den Zivildienst sowie die 17 deutschen Zivildienstschulen, von denen eine in Trier ist, sind künftig für den Bundesfreiwilligendienst zuständig. Weitere Infos unter bundesfreiwilligendienst.de, unter Telefon 0221/36730 oder bei den Einsatzstellen vor Ort. ... Jens Kreuter, Bundesbeauftragter für den Zivildienst, der auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Patrick Schnieder in Bitburg über das neue Programm der Bundesregierung informiert hat. Es gab 90 000 Zivildienstleistende. Sehen Sie überhaupt die Chance, das durch den Bundesfreiwilligendienst (BFD) auszugleichen? Kreuter: Selbstverständlich nein. Es hat auch nie jemand behauptet, dass das möglich wäre. Die Aussetzung wird natürlich spürbar sein. Der Bundesfreiwilligendienst ist ein Schritt, um die Auswirkungen abzufedern. Aber er wird den Zivildienst nicht eins zu eins ersetzen. Welche Einrichtungen werden besonders vom Ende des Zivildienstes betroffen sein? Kreuter: Betroffen sind zunächst einmal alle, die mit Zivis gearbeitet haben. Ich glaube nicht, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen verschiedenen Einsatzbereichen gibt. Wie sehr eine Einrichtung den Wegfall spürt, wird sich daran messen, wie gut es ihr gelingt, Freiwillige für sich zu begeistern. Das hat auch mit dem Betriebsklima zu tun. Wie glauben Sie denn, dass es gelingen kann, Freiwillige zu motivieren? Kreuter: Ich bin überzeugt, dass materielle Anreize nicht der Schlüssel sind. Der Anreiz muss ein innerer sein. Man muss es attraktiv machen. Zum Beispiel dadurch, dass man Praktikanten für die Arbeit begeistert. Zunächst muss man Aufmerksamkeit wecken. Die kann man bekommen, indem sie 17-Jährigen zum Beispiel sagt: "Wer bei uns den BFD macht, dem finanzieren wir einen Führerschein." Das ist mit dem Fördergeld möglich. kah