Der Leidensweg überzüchteter Haustiere

Der Leidensweg überzüchteter Haustiere

Die Züchtungen bringen immer weiter neue Tierrassen zum Vorschein. Im Vordergrund steht dabei das Aussehen: Schöner, süßer oder aber ganz besonders soll das Erscheinungsbild des neuen Haustiers sein.

Das eigene Tierwohl gerät dabei immer mehr in den Hintergrund. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es sich bei fast allen Haustieren letztendlich um Züchtungen handelt. Doch problematisch werden diese, wenn das Tier darunter leidet. In einem solchen Fall wird von einer Überzüchtung gesprochen. Für das Aussehen der Rasse werden dann gesundheitliche Beschwerden des Tieres, meist wohlwissend, in Kauf genommen.

Der Mops: süß verknautscht und Atemnot

Eine der bekanntesten Zuchtformen, bei der die Überzüchtung deutlich zu Tage tritt, ist der Mops. Auch wenn einige das zerknautschte Aussehen des typischen Mopsgesichts niedlich finden, für das Tier selber stellt es kein Vergnügen dar. Durch die verkürzte Nase leidet er oftmals unter Kurzatmigkeit und bei zu viel Bewegung teilweise sogar richtig unter Atemnot. Hörbar werden die Luftprobleme durch das Schnarchen, dass für die Möpse charakteristisch ist.

Doch das ist noch nicht alles. Da dem Mops die hundetypische Hechelatmung aufgrund der stark verkürzten Schnauze schwer fällt, fehlt ihm die Möglichkeit seinen Körper ausreichend zu Kühlen. Bei hoher körperlicher Anstrengung oder warmen Temperaturen kann das Tier schnell einen Hitzeschlag erleiden.

Zu zusätzlichen Problemen kommt es bei trächtigen Hundeweibchen bei der Geburt. Zum einen nimmt oftmals durch die höhere Anstrengung die Atemnot zu. Zum anderen ist der Kopf der Mops-Welpen meist zu groß für den Geburtskanal. Sehr oft werden Möpse daher per Kaiserschnitt zur Welt gebracht.

Typische Überzüchtungsfehler bei Hunden

Allerdings steht der Mops mit seiner Überzüchtung nicht alleine dar. Auch bei anderen Hunderassen mit großem Kopf und platter Schnauze wie englische Bulldoggen oder Pekinesen kommt es zu Atemproblemen und Schwierigkeiten bei der Geburt.

Der chinesische Faltenhund Shar-Pei wurden dahingehend gezüchtet, dass sich ihre Hautstruktur verändert und Falten entstehen. Diese Falten sich optisch so gewollt. Jedoch kommt es bei diesen Hunden, genau wie beim Mops, häufig zu einem nach Innen Einwachsen des Augenlids. Dadurch entstehen Hornhautreizungen und Augenentzündungen. Zudem kommt es aufgrund der starken Faltenbildung schnell zu Hautproblemen.

Bei vielen andern Rassen gehören typische Skeletterkrankungen oder Stoffwechselstörungen zu den Überzüchtungsfolgen. Schäferhunde sind bekannt für Hüftleiden und kleine Hunde haben oftmals missgebildete Knie- und Hüftgelenke. Dies gilt besonders für Züchtungen, bei denen versucht wird möglichst winzige Tiere auf den Markt zu bringen. So werden teilweise extra kleine Chihuahuas gezüchtet, die auch als Teacup Chihuahua oder Mini-Chihuahua bezeichnet werden. Hierzu werden zwei schwache Elterntiere miteinander verpaart. Folglich sind auch die Nachkommen schwächlicher und anfälliger für Krankheiten. Teilweise sind sogar die Köpfe zu klein für das Gehirn, so dass das Tier durch den erhöhten Druck unter Kopfschmerzen leidet.

Andere Züchtungen hingegen wurden bereits vor sehr langer Zeit praktiziert. Dazu gehören haarlose Hunderassen wie der mexikanische Nackthund, auch Xoloitzcuintle genannt. Diese Hunderasse gibt es als haarlose und als behaarte Variante. Häufig kommt es vor, dass bei der haarlosen Variante Zähne im Gebiss fehlen. Ein genetischer Defekt, der bei Xoloitzcuintle häufig gekoppelt an die Haarlosigkeit vorliegt. Um die nackte Hunderasse zu erhalten, muss das nackte Elterntier immer mit einem haarigen Elterntier gekreuzt werden. Die Nachkommen werden dann zu 50 Prozent haarlos und zu 50 Prozent mit Fell geboren. Werden zwei haarlose Xoloitzcuintle gekreuzt, sterben die Nachkommen bereits im Mutterleib.

Nackte Haustiere für Allergiker

Doch mittlerweile sind nackte Haustiere recht verbreitet. Ein Argument welches von einigen für die Haltung von nackten Haustieren ins Feld gebracht wird ist, dass diese Tiere besonders gut für Allergiker geeignet seien, da die Allergie gegen Tierhaare und nicht gegen da Tier selber bestünde.

Allerdings ist diese Annahme nicht ganz korrekt. Im Grunde bestehen die Allergien nicht gegen die Tierhaare, sondern gegen eiweißhaltige Stoffe, die sich oft auf den Haaren wieder finden. So sind die eigentlichen Allergieträger meist Bestandteile von Talg, Hautschuppen, Speichel oder Urin. Je nach Auslöser bleibt daher eine Allergie auch weiterhin bestehen.

Die Tiere selber hingegen sind meist empfindlicher gegenüber Wärme und Kälte und haben einen vergrößerten Wärmeverlust, da das isolierende Fell fehlt. Demensprechend benötigen sie mehr Nahrung, um den höheren Energieverbrauch für die Wärmeproduktion auszugleichen.

Bei Nackthaarkatzen wie der Sphynx, ist oftmals noch ein leichter Haarflaum vorhanden. Sind bei den Tieren die Tast- oder Schnurrhaare (Vibrissen) nicht mehr vorhanden, fallen sie laut dem Tierschutzgesetz unter Qualzucht. Dasselbe gilt für nackt gezüchtete Meerschweinchen . Die Züchtungen der haarlosen Rassen Skinny und Baldwin erfolgen bereits seit den 70er Jahren. In Kanada und den USA gehören sie zu den klassischen Meerschweinchen-Rassen dazu. Hierzulande werden diese Züchtungen jedoch aufgrund der fehlenden Vibrissen oft kritisch gesehen.

Egal ob Katze oder Meerschweinchen, die langen Tasthaare, die im Bereich der Nase links und rechts vom Kopf abstehen, sind für die Tiere essentiell. Sie benötigen diese zur Orientierung und zur besseren Wahrnehmung ihrer Umgebung. Fehlen diese Haare, fehlt den Tieren damit ein Teil ihres Tastsinns.

Katzen wie Stoffpuppen

Doch bei Katzen handelt es sich damit nicht um die einzige Überzüchtung. Um wahre Schmusekatzen zu erhalten, wurden bei einigen natürliche Reflexe weggezüchtet und der Bewegungsdrang minimiert. Diese hübschen und kuscheligen Ragdoll Katzen besitzen ein sehr träges Katzenwesen. Die meiste Zeit liegen sie auf dem Arm des Besitzers oder der Couch herum. Werden die Katzen hoch gehoben, lassen sie sich reflexartig schlaff hängen. Dieses Gefühl, als hebe man eine Stoffpuppe hoch, brachte ihr die Bezeichnung Ragdoll ein.

Der Nachteil dieser Züchtung ist, dass diese Katzen aufgrund des verringerten Bewegungsdrangs schneller zu Verfettungen neigen. Aufgrund der stärkeren Inzucht unter den Rassekatzen, treten zudem vermehrt genetisch bedingte Erkrankungen auf. Bei Ragdolls kommt demnach häufig eine hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) auf. Diese angeborene Herzerkrankung, die oft zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr in Erscheinung tritt, ist nur mit großem Aufwand zu behandeln und kann zum Tod der erkrankten Katze führen.

Typische Überzüchtungsfehler bei Katzen

Allerdings weisen viele gezüchtete Katzen rassetypische Beschwerden auf. Bei einer der ältesten Rasse-Katzen, der Siam-Katze, gehörten früher offensichtliche Mutationen und Fehlstellungen mit zu den verlangten Standards. Geknickter Schwanz und Schielen war bei der Rasse weit verbreitet und wurde mit in die Zucht hineingenommen. Mittlerweile erkennt man diese Merkmale als Fehler an, und versucht sie nicht mehr extra mit einzuzüchten.

Da Siam-Katzen Teilalbinos sind und großer Wert auf den Erhalt der blauen Augenfarbe und des hellen Fells gelegt wird, treten vermehrt Erkrankungen auf, die mit dem Albinismus in Zusammenhang stehen. Unter anderem gehört dazu auch das Schielen, aufgrund des Melaninmangels. - Weitaus schlimmer sind jedoch die mit den Züchtungen einhergehenden Stoffwechselerkrankungen. Bei der Siam-Katze sind dies Blutzelldefekte, die zu einer Anämie führen können, oder Enzymdefekte, die zu einem fehlerhaften Abbau von Stoffwechselprodukten führen. Die Folgen sind eine Übersäuerung des Blutes (metabolische Azidose) oder eine Degeneration des zentralen Nervensystems durch Anreicherung von Fett-Zucker-Verbindungen (Gangliosiden).

Ähnliche Erkrankungen kommen auch gehäuft bei anderen Rassekatzen vor. Mit zu den häufigsten Erkrankungen bei Rassekatzen gehören die Hypertrophe Kardiomyopathie, die polyzystische Nierenerkrankung (PKD), Erkrankungen des Blutes, die zu Anämien oder Leukämie führen können und Enzymdefekte, die zu verschiedenen Stoffwechselstörungen führen.

So gehen die Überzüchtungen meist mit einer verstärkten Anfälligkeit gegenüber Erkrankungen, mit Tierleiden und mit einer geringeren Lebenserwartung einher.

Überzüchtungen bei anderen Tieren

Doch das Bild überzüchteter Rassen findet sich nicht nur bei Hunden und Katzen. Auch bei Kleintieren wie Kaninchen oder Vögeln, tauchen typische Überzüchtungsprobleme auf. So gibt es vom Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter (ZDRK) allein sieben verschiedene, anerkannte Zwergkaninchen-Rassen.

Bei der Herauszüchtung der gewünschten Merkmale werden oftmals Eigenschaften mitgezüchtet, die nicht erwünscht oder für das Tier nachteilig sind. Zudem ist der verwendete Genpool bei den Züchtungen meist begrenzt. Demnach können sich in den Rassen Merkmale ansammeln, die die Anfälligkeit gegenüber Erkrankungen erhöhen. Die Krankheiten unter den Kaninchen sind bereits am zunehmen. Die Anfälligkeit für Erkrankungen geht zudem mit einer geringeren Lebenserwartung einher.

Ohne Vibrissen fehlt den Tieren ein Teil ihres Tastsinns. Foto: Pixabay.com, ©ronymichaud (CC0-Lizenz)

Ähnliches kann bei einigen Vogelarten beobachtet werden. So soll sich die Krankenrate bei Wellensittichen mittlerweile erhöht haben. Am häufigsten werden dabei Tumorerkrankungen beobachtet. Hier ist allerdings noch nicht erwiesen, ob die Anfälligkeit für Virus- und Tumorerkrankungen auf die Folgen einer Überzüchtung zurückgeht, oder Haltungs- und Ernährungsfehler ursächlich sind.

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