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Diagnose Krebs muss kein Todesurteil sein

Auch miteinander lachen hilft gegen die Angst: Schwester Steffi mit der Spremberger Patientin Kati M. kurz vor der Chemo. Foto: Michael Helbig/mih1
Auch miteinander lachen hilft gegen die Angst: Schwester Steffi mit der Spremberger Patientin Kati M. kurz vor der Chemo. Foto: Michael Helbig/mih1 FOTO: Michael Helbig/mih1 (g_mehrw
Nirgendwo in einem Krankenhaus liegen Leben und Sterben so nah beieinander wie in Frauenkliniken. So werden auch im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum Kinder geboren und in anderen Abteilungen schwerste Krebserkrankungen behandelt. Andrea Hilscher

Wenn Pawel Gruszecki, Facharzt für Gynäkologie, und die Assistenzärztin Juliane Bock sich treffen, dann geht es tatsächlich um Leben und Tod. Zusammen mit Chef- und Oberärzten der Frauenklinik, mit Strahlentherapeuten, Pathologen und Radiologen treffen sie sich regelmäßig zum sogenannten Tumorboard, einer Konferenz, auf der fachübergreifend über die Behandlung jeder Tumorpatientin gesprochen wird, die sich im Cottbuser Klinikum vorstellt.
Schon vorher haben die Frauen eine umfangreiche Diagnosemaschinerie durchlaufen, in der von der ersten Sprechstunde über Mammografien, Biopsien, Ultraschall, immunhistologische Untersuchungen bis hin zu Röntgen, MRT und CT alle relevanten Daten über eine bösartige Geschwulst gesammelt wurden. "Wenn die Frauen hier angekommen sind, dann ist der Krebs für sie real geworden", sagt Juliane Bock, die sich als Assistenzärztin speziell um Brustkrebspatientinnen kümmert. "Es ist erstaunlich, wie viele Frauen ihre Erkrankung lange Zeit verdrängen. Sie spüren einen Knubbel, haben vielleicht auch eine Entzündung an der Brust. Aber sie schweigen, cremen und pflegen die entzündete Stelle und hoffen, dass der Knoten von allein wieder verschwindet."
Dabei gilt, trotz aller medizinischen Fortschritte in der Krebsbehandlung, bis heute der Grundsatz: Je früher und je kleiner ein Tumor entdeckt wird, umso besser die Heilungschancen. "Wird ein Gebärmutterhalskrebs im Frühstadium oder gar in einer Vorstufe entdeckt, haben wir Heilungschancen von bis zu 99 Prozent", sagt Pawel Gruszecki, Facharzt für Gynäkologie.Den Krebs besiegen


Marion Rose, 64, hatte Glück. Beim Ultraschall entdeckte ihr Frauenarzt eine verdächtige Stelle in der Gebärmutter, entnahm ambulant eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. "Sobald der Befund da war, kümmerte er sich für mich um einen Termin im Krankenhaus", erinnert sich Rose. Schon fünf Tage später wurde sie stationär aufgenommen und operiert. Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke wurden minimalinvasiv entfernt. "Der Tumor und ein weiterer verdächtiger Polyp wurden so rechtzeitig entdeckt, dass ich weder Chemo noch Bestrahlungen brauchte", sagt sie erleichtert.
Alle drei Monate stellt sie sich zu Kontrolluntersuchungen im Klinikum vor. Röntgen, CT, Ultraschall - bisher ist der Krebs nicht zurückgekehrt. Marion Rose lebt ohne jede gesundheitliche Einschränkung wie vor ihrer Erkrankung.
Auch Lisa Schmidt, 77, kann sich als geheilt betrachten. Bereits im Jahr 2000 entdeckte sie eine Hautveränderung an ihrer Scheide, zwei Jahre später stellte sie sich mit einer pflaumengroßen Geschwulst bei ihrer Ärztin vor. "Ich musste noch am gleichen Tag ins Krankenhaus." Der Tumor wurde entfernt, mit ihm große Teile der Scheidenwand. Nach einer ausführlichen Beratung entschloss sie sich, auf Bestrahlung und Chemo zu verzichten. "Deshalb muss ich bis heute alle sechs Wochen zur Kontrolluntersuchung", sagt sie.
Noch immer kämpft sie mit Beschwerden, ist dennoch unendlich dankbar für die Kunst der Ärzte und Schwestern. "Vor allem die Freundlichkeit hier tut meiner Seele gut. Ich habe in all den Jahren auf dieser Station noch nie ein böses Wort gehört."
Pawel Gruszecki beugt sich derweil über ein Gewirr von Zahlen und Buchstaben, hinter denen sich eine Klassifizierung des Krebses verbirgt. "Gute" Tumoren, die langsam wachsen und gut behandelbar sind, "böse", bei denen es kaum Chancen auf Heilung gibt. Zahlen? Statistiken? Lebenserwartung? Hier schütteln beide Ärzte den Kopf. "Kann man nie sagen, jede Frau ist anders." Selbst bei Patientinnen mit vielen Metastasen geben die Mediziner keine Prognose ab. "Das kann ein halbes Jahr dauern oder zwei Jahre, wir wissen es nicht." Überhaupt gehe es selbst bei den aussichtslosen Fällen nicht darum, dem Leben mehr Jahre zu geben, viel wichtiger sei es, die Jahre lebenswert zu machen. "Aber die Frauen denken oft noch, Krebs wäre in jedem Fall ein Todesurteil. Dem ist längst nicht mehr so, wir haben auch dank neuer Medikamente enorm viele Möglichkeiten", sagt Pawel Gruszecki.Operation erst nach Chemo


Überhaupt geht der Trend dahin, Tumoren zunächst durch Medikamente und Bestrahlung zu verkleinern und erst dann zu operieren. Die genauen Therapieempfehlungen arbeiten die Ärzte gemeinsam beim Tumorboard aus. "Aber letztlich entscheidet die Patientin, was passiert", sagt Ärztin Juliane Bock.
Im Idealfall wird der Tumor entfernt, die Frau einige Monate mit Strahlen- und Chemotherapie behandelt und die Erkrankung so besiegt. In der Regel gelten Frauen nach fünf Jahren ohne Rückfall als geheilt, bei Brustkrebs treten Rezidive allerdings oft auch erst nach zehn Jahren auf. Und dann? Beginnt die ganze Prozedur von vorn. Untersuchungen, Tumorboard, Operation. "Wenn nur eine einzelne Metastase aufgetreten ist, die wir gut entfernen können, gibt es auch dann immer noch Hoffnung auf Heilung", so Pawel Gruszecki.Palliativmedizin hilft am Ende


Hat der Krebs stärker gestreut, wird aus der kurativen eine palliative, eine aufhaltende Behandlung. Immer wieder wird abgewägt, welche Operationen oder Chemotherapien noch Sinn machen, ab wann es Zeit ist für eine reine Schmerztherapie. Schmerzmittel werden inzwischen vorbeugend eingesetzt, in schweren Fällen auch Morphine. "Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man fast darüber lachen, wenn Frauen selbst in diesem Stadium noch Angst haben, dass sie davon abhängig werden", sagt Juliane Bock.
Sie versucht, ihren Patientinnen und den Angehörigen in jedem Krankheitsstadium das Gefühl zu geben, dass sie Hilfe bekommen. Bei Schmerzen, bei Ängsten, bei ganz praktischen Problemen. "Natürlich ist es immer schöner, wenn wir eine Patientin heilen können", sagt Pawel Gruszecki. "Aber es ist auch für uns Ärzte gut zu wissen, dass wir selbst bei aussichtslosen Fällen noch hilfreich sein können."
Die individuelle Behandlung spielt bei Krebserkrankungen eine immer wichtigere Rolle. Die "personalisierte Medizin" ist deshalb das Thema am Donnerstag.
volksfreund.de/krebsExtra

Rheinland-Pfalz verfügt über ein Krebsregister. Für Frauen sind diese Zahlen für 2011 dokumentiert: Bösartige Neubildungen: 10 986; mittleres Erkrankungsalter: 70 Jahre; Brustkrebs: 3546 (32,3 Prozent an allen Neuerkrankungen); Nicht-melanotische Hauttumoren: 4818 (30,5 Prozent); Darmkrebs: 1424 (13 Prozent); Lungenkrebs: 813 (7,4 Prozent); Malignes Melanom der Haut: 595 (5,4 Prozent): Bauchspeicheldrüsenkrebs: 419 (3,8 Prozent); Eierstockkrebs: 354 (3,2 Prozent); Magenkrebs: 301 (2,7 Prozent); Gebärmutterhalskrebs: 222 (2 Prozent). r.n. krebsregister-rheinland-pfalz.deExtra

Trier Krebsgesellschaft Trier, Telefon 0651/40551, www.krebsgesellschaft-rlp.de: Offene Gesprächsgruppe für Betroffene (Leitung Carlita Metzdorf-Klos); Gesprächsgruppe für Junge Frauen (Kornelia Huber); Frauen-Stammtisch (Hiltrud Monschauer); Therapeutisches Malen (Gertrud Rieke); Sport in der Brustkrebsnachsorge (0651/4629864); Im Tanz die Welt umarmen - Therapeutischer Tanz (Beata Krischel); Selbstheilungskräfte stärken (Mechthild Grüger). Pinkpaddler Trier (Marion Hoffmann, Telefon 0172/6571213, www.pinkpaddler-trier.de Frauenselbsthilfe nach Krebs (Trier: Telefon 0651/5616147; Hermeskeil 06503/99258; Kusel: Telefon 06387/925028) Gesprächskreis Mamma mia - Birkenfeld (Suse Albers-Druglat, Telefon 07685/1202) Mosel Sport in der Krebsnachsorge (Polizeisportvereine Wengerohr, Pia Meuren, Telefon 06571/260500), www.polizeisportverein.de SHG krebskranke Frauen Wittlich (Hiltrud Müller, Telefon 06534/18170). Frauenselbsthilfe nach Krebs (Traben-Trarbach: Telefon 06542/22838; Cochem: Telefon 06545/573). Eifel Mamma live Bitburg (Monika Biwer, Telefon 06569/960776). redExtra

Jährlich erhalten 220 000 Frauen in Deutschland die Diagnose Krebs. Die gemeinnützige Gesellschaft DKMS Life bietet ihnen unter dem Motto "Look good, feel better" kostenfreie Kosmetikseminare an. Geschulte Kosmetikexpertinnen zeigen den Krebspatientinnen Schritt für Schritt, wie sie die äußerlichen Folgen der Therapie kaschieren können. Außerdem gibt es eine Tasche mit Kosmetikprodukten. Die Krebsgesellschaft Trier bietet in diesem Zusammenhang die Selbsthilfegruppe "Freude am Leben - Kosmetikseminar für krebskranke Frauen" an, Telefon 0651/40551. red krebsgesellschaft-rlp.de