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Die Krankheit akzeptieren ist am wichtigsten

Die Krankheit akzeptieren ist am wichtigsten

Allergien sind erblich: Sind Eltern belastet, ist die Gefahr, dass die Krankheit bei ihrem Kind auftritt, hoch. Auch der 16-jährige Felix aus Trier kämpft mit mehreren Allergien. Heute treibt er trotz Asthmas Leistungssport, kann fast alle Lebensmittel essen und macht eine Hyposensibilisierung gegen den Heuschnupfen und die Hausstaubmilbenallergie.

Hautausschlag, Atemnot, triefende Nase: Der 16-jährige Felix aus Trier (Name geändert) kennt das alles. Erst eine Nahrungsmittelallergie, dann Neurodermitis, dann Asthma bronchiale, schließlich Heuschnupfen sind bei ihm im Verlauf der Kindheit aufgetreten. "Felix hat alle Stationen durchgemacht", sagt Dr. Michael Collet, Kinder- und Jugendarzt aus Trier, der den Jungen seit dem vierten Lebensmonat behandelt. Collet spricht von einer regelrechten Allergikerkarriere.volkskrankheit allergie


Kinder und Jugendliche erkranken zunehmend an Allergien. Mittlerweile sind laut einer Publikation zur Allergieforschung, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), 18 Prozent betroffen. Die Häufigkeit für Heuschnupfen liegt bei ihnen demnach bei neun Prozent, für Neurodermitis bei acht, für Asthma bei drei. Und: Allergien treten bei Kindern aus Risikofamilien, in denen die Eltern ebenfalls Allergiker sind, besonders häufig auf. Dort erkrankt jedes vierte Kind an Allergien (sonst jedes zehnte). Auch die Eltern von Felix sind vorbelastet. Mediziner sprechen von Atopien: Sie bezeichnen die erblich bedingte Bereitschaft zu bestimmten allergischen Erkrankungen. Für Risikofamilien gibt es Vorbeuge-Tipps, die während und nach der Schwangerschaft befolgt werden können (siehe Extra Risikofamilien).
Noch viele Vermutungen


Für jede atopische Erkrankung gibt es ein Alter, bei dem die meisten Neuerkrankungen diagnostiziert werden. Diesen sogenannten atopischen Marsch skizziert Collet so: "In den ersten Monaten die Nahrungsmittelallergie, im ersten Lebensjahr die Neurodermitis, mit zwei bis drei Jahren Asthma, mit sechs bis sieben Jahren Heuschnupfen." Die meisten entwickelten aber nur eine oder zwei Erkrankungen. Warum bei manchen die Allergie erst im Erwachsenenalter auftritt, wisse man nicht genau. Vermutlich werde sie durch Faktoren wie Umwelteinflüsse, hormonelle Veränderungen oder eine Krankheit ausgelöst.
Vorsichtige Versuche


Felix\' Mutter blättert in einem Notizbuch. Mit Kopfschütteln sieht sie sich die akribischen Eintragungen an, die sie und ihr Mann gemacht haben, als Felix ein Baby war. Sie erinnert sich, wie sie ihm etwas Möhre auf die Zunge legten und warteten: Passiert etwas? Wenn nicht, dann ein Löffelchen wagen. Drei Tage warten. Noch mal versuchen. Gab es dann immer noch keine Reaktion, konnten sie sicher sein: Felix verträgt Möhre.
Bei Asthma nicht abwarten


Besonders kritische Lebensmittel wie Milch oder Dinkel testeten sie beim Kinderarzt, damit er bei heftigen Reaktionen handeln kann. Heute kann Felix wieder fast alles essen. Es gibt viele Fälle, wo die Symptome im Kindesalter wieder verschwinden. Warum, wisse man nicht, so Collet. Die allergisch bedingte Neurodermitis verschwinde in etwa 80 Prozent der Fälle, wenn sie in sehr frühen Jahren aufgetreten sei, das Asthma zu rund 60 Prozent.
Doch gerade beim Asthma warnt er davor, einfach abzuwarten. "Wenn Kinder nicht behandelt werden und die Lunge sich aufgrund der immer wiederkehrenden Entzündungsreaktionen verändert, kann es zu einer Schädigung der Lunge mit Spätfolgen kommen." Auch Felix behandelt sein Asthma medikamentös - und treibt sogar Leistungssport. Gegen den Heuschnupfen und die Hausstaubmilbenallergie macht er eine Hyposensibilisierung. Felix\' Mutter betont, dass es sich nicht um eine Leidensgeschichte handelt, auch wenn es oft hart gewesen sei. "Man kann viel tun", versichert sie. Disziplin und Konsequenz und ein enges, vertrauensvolles Verhältnis zum Arzt seien wichtig. Doch am allerwichtigsten sei: Die Krankheit akzeptieren und offen damit umgehen!Extra

Vor allem, wenn beide Eltern Allergiker sind, sollten vorbeugende Maßnahmen während und nach der Schwangerschaft ergriffen werden, rät die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). In einem Elternratgeber der GPA werden zwölf Empfehlungen aufgeführt. Eine rauchfreie Umgebung und eine Stillzeit über vier Monate wird allen Eltern empfohlen, da auch ohne Vorerkrankungen in der Familie ein Allergie-Risiko besteht. Risikofamilien, in denen Eltern oder Geschwister an Allergien leiden, sollten alle Tipps befolgen, so die GPA. Wenn etwa das Stillen nicht möglich ist, sollte eine sogenannte Hydrolysatnahrung zugefüttert werden, bei der die Eiweißbestandteile in kleinere Bausteine gespalten sind. Ist das Kind vier Monate alt, kann mit der Beikost begonnen werden. Schrittweise soll ein Nahrungsmittel pro Woche eingeführt werden. Widersprüchlich sind laut GPA die Aussagen dazu, wie sich Haustiere auf die Entstehung von Allergien auswirken. Risikofamilien sollten zumindest keine Felltiere neu anschaffen und Katzenhaltung vermeiden. Weitere Empfehlungen sind unter anderem: Luftschadstoffe im Kinderzimmer und Übergewicht vermeiden sowie schonende Hautreinigung und -pflege. arn Elternratgeber zum Thema Allergie-Vorbeugung auf gpau.deExtra

Eine sehr starke Allergieform mit oft heftigen Symptomen ist die Bienen- und Insektengift allergie. "Nicht selten führt sie auch zu einem anaphylaktischen Schock", sagt Sonja Lämmel, Ernährungswissenschaftlerin (Oecotrophologin) im Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Diese allergische Reaktion, bei der der Kreislauf zusammenbrechen kann, kann lebensbedrohlich sein. Erst mal sollte herausgefunden werden, ob es sich um eine Reaktion auf Bienen- oder Wespengift handelt, um dann eine entsprechende Hyposensibilisierung einzuleiten, rät Lämmel. Bei dieser Immuntherapie wird versucht, den Körper an das Allergen zu gewöhnen, indem ihm dieses in ansteigender Dosis zugeführt wird. Die Erfolgschancen liegen laut Lämmel bei der Insektengift allergie bei mehr als 90 Prozent. Zudem sollten Betroffene bei Ausflügen in die Natur ein Notfallset mit Medikamenten griffbereit halten. Dieses besteht aus drei Komponenten: einem Antihistaminikum, einem Cortisonpräparat und Adrenalin zum Injizieren. Mit dem Autoinjektor können sich die Patienten das Adrenalin im Notfall selbst spritzen. Betroffene sollten die Handhabung vorher mit einer ungeladenen Spritze üben. Außerdem sei es wichtig, das Umfeld zu informieren, so Lämmel. arn Weitere Tipps auf daab.de