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"Diese Sucht macht mich kaputt"

"Diese Sucht macht mich kaputt"

Mit einem landesweiten Aktionstag zur Glücksspielsucht möchten die Suchtberatungsstellen im Land am 29. September auf ein immer größer werdendes Problem aufmerksam machen: 43 000 Rheinland-Pfälzer haben ihre Spielsucht kaum oder nicht im Griff, 6000 Menschen sind in der Region davon betroffen.

Trier. Das Gejohle und Gegröle in der Spielhalle in Trier-Nord wird immer lauter. Tania S. (Name geändert) hat gerade ihren fünften Jackpot gelandet, die Euromünzen kullern nur so aus dem Geldspielautomaten. "Das ist, als wenn die Eintracht im Pokal 2:0 gegen einen Bundesligisten führt. Es fehlt nur noch, dass die anderen Spieler Fanfaren auspacken." Die 30-jährige Frau aus Trier erinnert sich haargenau an ihren ersten Tag in der Spielothek. Heute, zwölf Jahre später, sieht sie in diesem Erlebnis die Wurzel ihrer Spielsucht. "Als Kind bin ich mit meiner Mutter durch die Kneipen gezogen und durfte ab und zu eine Mark in einen Geldspielautomaten werfen. Als ich dann 18 wurde, fing aber meine Sucht erst an", erzählt die Mutter dreier Mädchen.
Alltagserfahrungen


Wie der jungen Frau geht es vielen Spielsüchtigen. Suchtberater Andreas Stamm und seine Kollegin Sarah Rumpolt kennen solche Lebensgeschichten aus dem Alltag. Am Anfang stehen oft solche Erfolge, die den Spieler glauben lassen, man könne gegen die programmierten Geldspielautomaten gewinnen. "Jährlich betreuen wir mehr als 100 Spielsüchtige und versuchen, ihnen einen Ausweg zu zeigen", erzählt Stamm. Auch etwa 40 Angehörige sind in der Betreuung der Fachstelle Glücksspielsucht bei der Trierer Suchtberatungsstelle Die Tür. "Oft sind es Freunde und Familienangehörige, die am meisten unter der Spielsucht leiden", erklärt Rumpolt. Krankhafte Spieler müssen spielen, obwohl dies negative Folgen im persönlichen, familiären oder beruflichen Alltag nach sich zieht. Auch Tania S. hat diese Erfahrungen gemacht. "Einmal habe ich 3000 Euro an einem Nachmittag gewonnen. Ich war so glücklich", erzählt sie. Doch keine Stunde später hatte sie schon 2000 Euro wieder in die Automaten geworfen. Von den übrigen 1000 Euro hat sie sich einen Flachbildfernseher gekauft. "Doch eine Woche später hab ich den wieder für 150 Euro verscherbelt, weil ich Geld zum Spielen brauchte", erzählt sie von ihrer Sucht. Noch schlimmer: Oft hat die Familie nichts zu essen, weil sie weiter auf der Suche nach dem schnellen Geld ist. "Ich bin in allen Spielhallen bekannt. Wenn ich reinkomme, bekomme ich sofort meinen Kaffee mit Milch und Zucker."
Auch sonst seien die Spielhallen-Angestellten recht freundlich: "Du bekommst alles umsonst, Kaffee, Cola, Chips, mal ne Pizza oder Hähnchenschenkel. Hauptsache, du stehst nicht vom Gerät auf."
Doch als nichts mehr geht, als fast alles verkauft ist, was sich zu Geld machen lässt, hört die junge Frau endlich auf ihren Partner und sucht sich professionelle Hilfe bei den Suchtberatern. Die Tür in Trier sowie die Caritasverbände Mosel-Eifel-Hunsrück in Wittlich und Westeifel in Bitburg bieten hier professionelle und kostenlose Unterstützung an. Die Berater unterliegen der Schweigepflicht. Und ohne geht es nicht. Deshalb sollten Freunde oder Familienangehörige auch nicht zögern, sich bei Spielsucht in ihrem Umfeld helfen zu lassen. "Man darf den Leuten nicht nur das Spielen verbieten, man muss ihnen auch Auswege zeigen", sagt Sarah Rumpolt.
Davon ist Tania S. noch weit entfernt. "Wenn ich Geld in der Tasche habe, möchte ich spielen. Und danach bin ich ganz traurig, wenn ich nichts zum Essen für die Kinder habe." Dabei versucht sie selbst, andere von ihrer Krankheit fernzuhalten. "Ich sag den Jüngsten immer: Lasst den Mist! Doch die werfen 300, 400 Euro ein und freuen sich, wenn sie 100 Euro gewinnen." Nicht anders wie sie selbst. Die Frau wird traurig: "Am liebsten wäre es mir (sie schnippt mit den Fingern), die Dinger wären einfach weg."
Auch Suchtberater Andreas Stamm würde darin die einzig angemessene politische Reaktion sehen. "Das Geschäft mit Geldspielautomaten ist für mich nichts anderes als legalisierte Kriminalität."
Weil aber die Städte (siehe Extra) durchaus ordentliche Steuereinnahmen aus den Spielhallen beziehen, sieht der Suchtexperte nur wenig Chancen auf ein Verbot.
Teufelskreis durchbrechen


"Zumindest aber müsste ein Spielerpass eingeführt werden, damit Betroffene nicht Gelegenheit haben, sich vollkommen zu ruinieren", hofft Stamm. Bis dahin haben er und die anderen Suchtberater nur eine Chance, den Menschen und ihren Familien zu helfen: Sie müssen den Schlüssel finden, um den Teufelskreis zu durchbrechen.
Experten der Beratungsstellen des Caritasverbandes Bitburg und Wittlich (Westeifel und Mosel-Eifel-Hunsrück) sowie der Tür in Trier beraten bei einer TV-Telefonaktion am Mittwoch, 5. Oktober, 17 bis 19 Uhr, Betroffene und Familienangehörige.
In Trier haben Spieler 2010 etwa sieben Millionen Euro in die 324 Geräte in Spielhallen eingeworfen (2000 waren es 2,7 Millionen). In den 176 Spielautomaten in Gaststätten wurden etwa 1,3 Millionen Euro verzockt. In Bitburg wurden in insgesamt 115 Geräte über zwei Millionen Euro und in Wittlich in 111 Geldspielgeräte 1,5 Millionen Euro geworfen. Nachdem Bitburg und Trier vor wenigen Wochen die Vergnügungssteuer erhöht haben, rechnet Trier mit rund einer Million Euro und Bitburg mit 265 000 Euro Einnahmen.hw