Ein bisschen Dreck tut gut

Ein bisschen Dreck tut gut

Übertriebene Hygiene, fehlende Parasiten, Autoabgase oder der Klimawandel könnten Schuld daran sein, dass es in Industriestaaten immer mehr Allergiker gibt. Hypothesen zu möglichen Ursachen gibt es viele. Eine der Wichtigsten besagt, dass das Immunsystem nicht mehr lernt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

"Spiel mal mit den Schmuddelkindern, denn ein bisschen Dreck schadet nicht." So lautet die pointierte Zusammenfassung der sogenannten Hygienehypothese in einer Publikation zur Allergieforschung in Deutschland, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI).Zu viel Sauberkeit


Die 1989 vom Londoner Wissenschaftler David Strachan veröffentlichte Hypothese will erklären, warum gerade in Industrieländern die Zahl der Allergie-Erkrankungen ansteigt. Seine Theorie, vereinfacht erklärt: Weil wir immer sauberer aufwachsen, muss sich das Immunsystem in der Kindheit immer weniger mit Bakterien oder Viren auseinandersetzen. In vielen Wohnungen könnte man getrost vom Boden essen, der abgelaufene Joghurt wandert in den Müll, zu Stallvieh haben die wenigsten Kontakt, und selbst das Klo ist antibakteriell behandelt. Das Immunsystem kleiner Kinder lernt so nicht, zwischen gefährlichen Keimen und harmlosen Stoffen zu unterscheiden und reagiert als Folge übertrieben auf etwas, das normalerweise gut verträglich wäre. "Ein bisschen Dreck schadet nicht", sagen Experten daher und raten von übertriebener Hygiene ab.
Zu ihnen zählt auch Professor Joachim Saloga, Allergologe bei der Hautklinik der Universitätsmedizin Mainz. Allerdings warnt er davor, die moderne Hygiene zu verteufeln. Nichts habe die Lebenserwartung der Menschen so sehr gesteigert. Da müsse man gegen die Risiken abwägen. "Besser ein Heuschnupfen als Tuberkulose", sagt er.
Volkskrankheit Allergie


Aber es gibt auch eine Schattenseite: Das Immunsystem habe sozusagen Langeweile, erklärt Sonja Lämmel, Ernährungswissenschaftlerin (Oecotrophologin) im Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Deswegen, so die Theorie, suche es sich andere Angriffspunkte. Etwa eigentlich harmlose Pollen oder Lebensmittel.
In Wissenschaft und Medien werden diese auch Dreck- und Urwaldhypothese genannte Theorie und ihre möglichen Konsequenzen immer wieder kontrovers diskutiert.
Dafür, dass der moderne westliche Lebensstil eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Allergien spielt, sprechen auch Ergebnisse, zu denen andere Wissenschaftler gekommen sind: In den Industrieländern kommen Allergien demnach viel häufiger vor als in Entwicklungsländern. Auch zeigte sich, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und Kontakt mit Tieren haben, seltener Allergien haben als andere Kinder aus derselben Region.
Weitere Theorien


Doch gibt es noch zahlreiche andere Theorien, warum immer mehr Menschen Allergiker sind. Auch Impfungen und Antibiotika stehen im Verdacht, Allergien zu begünstigen, da auch sie dem Immunsystem die Arbeit abnehmen. Rauchen, Stress, Autoabgase, ein zurückgezogenes Leben und kürzere Stillzeiten ebenfalls.
Eine ebenso einfache wie einleuchtende Hypothese besagt: Die Zahl der Allergiker steigt, weil Menschen immer öfter oder immer länger mit allergenen Stoffen in Kontakt kommen können: Infolge des Klimawandels fliegen die Pollen früher und stärker als zuvor, auch kommen neue Pflanzenarten hinzu. Neben dem einheimischen Obst gibt es nun Neuzüchtungen und exotische Früchte zu kaufen, die allergische Reaktionen auslösen können.
Ursache moderner Lebensstil


Und je mehr Menschen Latexhandschuhe benutzen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einige von ihnen das Material nicht vertragen.
Selbst Würmer und andere Parasiten, die sich im oder auf dem Menschen tummeln, stehen im Verdacht, etwas mit dem veränderten körperlichen Abwehrverhalten zu tun zu haben. Und zwar deshalb, weil sie sich heute eben nicht mehr tummeln. Mangels Parasitenbefall müssen sich die menschlichen Antikörper nun andere Ziele suchen - und das sind, sehr salopp formuliert - dann unter Umständen Nüsse oder Pollen. So die Hypothese. Eine von vielen. Weitgehend einig scheinen sich die Wissenschaftler darin zu sein, dass die Zahl der Allergiker tatsächlich steigt und dass das irgendetwas mit dem modernen westlichen Lebensstil zu tun haben muss.Extra

"Trotz einer Reihe effektiver Behandlungsmethoden sind Allergien in sehr vielen Fällen nicht heilbar", schreibt Karl-Christian Bergmann, Professor am Allergie-Centrum-Charité Berlin, in einer Broschüre zum Thema Allergien der Techniker Krankenkasse (als Download zu finden auf www.tk-online.de ). Nach einer Diagnose sollte überlegt werden, wie allergische Reaktionen verhindert werden können. Sollte es nicht möglich sein, das Allergen zu meiden, müsse überlegt werden, ob eine Hyposensibilisierung oder eine medikamentöse Behandlung vorzuziehen sei. Pollenallergikern empfiehlt Bergmann unter anderem die Seite www.pollenflug.de der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst. Ein Kalender informiert, wann Pollen unterwegs sind. Zur Bekämpfung von Hausstaubmilben rät er unter anderem zu einem Test, der den Kot der Milben nachweist. Anschließend können die Milben mit einem Mittel bekämpft werden. Test und Mittel gibt\\'s in Apotheken. Bei einer Tierhaarallergie sei die einzig wirksame Prophylaxe gegen weitere allergische Reaktionen die Entfernung des Haustieres aus der Wohnung. Ständiges Staubsaugen und Wischen helfe leider nicht. arn Die Broschüre "Allergien - Erkennen, behandeln, vermeiden" mit allen Tipps ist unter www.tk-online.de als Download verfügbar.Extra

In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene über den Umgang mit ihren Allergien austauschen. Die Selbsthilfe Kontakt- und Informationstelle Trier (Sekis) e.V. nennt für die Region Trier folgende Gruppen, die auch für Allergiker interessant sein können: Neurodermie und Psoriasis Eifel; Jodallergie/Morbus Basedow/Hyperthyreose-Kranke in Trier; Deutsche Zöliakie Gesellschaft Bitburg in Kröv. In Idar-Oberstein trifft sich eine Selbsthilfegruppe zu den Themen Morbus Crohn und Zöliakie. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund listet auf www.daab.de regionale Ansprechpartner auf. Ortsgruppen der Patientenliga Atemwegserkrankungen sind auf www.patientenliga-atemwegserkrankungen.de zu finden. Kontaktdaten zu den Gruppen und weitere Informationen gibt es bei Sekis unter 0651/141180 (montags 9 bis 12 Uhr und 16 bis 19 Uhr, mittwochs 14 bis 16 Uhr, donnerstags 9 bis 12 Uhr), www.sekis-trier.de arn

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