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Flutkatastrophe: Ernst Mettlach über den Einsatz in Trier-Ehrang

Flutkatastrophe : „Das Wasser kam von allen Seiten“

Seine Bilder vom überfluteten Trier-Ehrang gingen im Juli 2021 um die Welt: Ernst Mettlach spricht über einen Tag, den er sich „nicht schlimmer hätte ausmalen können“ – und der trotzdem noch einen Lichtblick hatte.

Die Lage ist kritisch. Das weiß Ernst Mettlach an jenem folgenschweren Mittwoch, 14. Juli, als ihn die
Trierer Berufsfeuerwehr am Nachmittag anfordert. Wie bedrohlich sie noch werden sollte, das ahnt der Trierer zu diesem Zeitpunkt aber nicht: Dass seine Bilder aus dem überfluteten Ehrang um die Welt gehen würden und sie auf den Titelseiten der
„Washington Post“ oder dem „Wall Street Journal“ landen. Dass das BBC-Frühstücksfernsehen ein Interview anfragen wird oder dass seine kurzen Handyvideos aus dem Katastrophengebiet bei „Markus Lanz“ und bei RTL ein Millionenpublikum erreichen werden. Schon gar nicht, dass seine Schwieger­eltern auch fünf Monate später noch nicht wieder zurück in ihr Haus in Ehrang können. Wie hunderte andere Menschen an der Kyll und in der ganzen Region. Die Lage war
kritisch, anfangs.

Dann wurde sie katastrophal. „Ich war in meinem Leben noch nie so fertig wie an jenem Donnerstagabend“, erinnert sich Mettlach, „ich war völlig am Ende.“ Als Student hat er viel für Agenturen fotografiert, war in Reportereinsätzen, bei nicht ganz so fried­lichen Demos. „Aber so was habe ich noch nie erlebt – und will es auch nie mehr erleben“.

Er ist als Pressesprecher der Stadt Trier auch Sprecher der Feuerwehr und übernimmt bei größeren Einsätzen das Sachgebiet Presse- und Medienarbeit im Krisenstab der Feuerwehr. „Die Berufsfeuerwehr fordert uns an, wenn sie sieht, dass was Größeres passieren kann – um die Öffentlichkeit zu informieren und um für Presseanfragen zur Verfügung zu stehen. Wenn die Hütte brennt, haben sie keine Zeit und Muße für Presseanfragen“, berichtet er. Zugleich war Mettlach aber auch familiär betroffen.

Die Bilder, die Dramaturgie, der Geruch – das sei alles noch sehr präsent. „Allein diese Gewalt: Es kamen Gartenhäuser die Kyll runter und wurden unter der Brücke zermalmt. Dann dieser Gestank nach Diesel und Fäkalien, der die ganze Nacht schon in der Luft lag, weil kyll­aufwärts Tanks weggespült waren. Die ganze Szenerie hatte etwas Apokalyptisches.“

Es ist ein Foto, das um die Welt ging, um die verheerende Flutkatastrophe zu dokumentieren, die allein im Ahrtal mehr als 130 Menschenleben forderte: Das Bild in der Kyllstraße, das den Unimog der Freiwilligen Feuerwehr Pfalzel zeigt. Auf dem Dach: Berufsfeuerwehrleute, die die Menschen aus ihren Häusern retten. Für Ernst Mettlach war  das eine der vielen dramatischen Situationen: „Wenn ich mir die Szene noch mal vor Augen rufe, dann war das wie in einem schlechten Katastrophenfilm: Das Wasser kam von allen Seiten. Mir kam eine Frau entgegen, die ihre zwei Kinder an den Händen hatte: Sie lief um ihr Leben. Das muss man so sagen.“

In der Nacht zuvor waren die Ehranger mit Lautsprecherdurchsagen gewarnt worden. „Als klar wurde, dass es heftiger kommt, sind wir mit Kräften der Freiwilligen Feuerwehr von Haus zu Haus gegangen und haben den Leuten gesagt, dass sie sich auf die Evakuierung vorbereiten sollen.“

Ab nachts seien die komplette Berufsfeuerwehr und alle freiwilligen Lösch­züge vor Ort gewesen. „So schlimm es war, muss man trotzdem sagen: Dass keine Person körperlich zu Schaden gekommen ist, das war ein Riesen-Erfolg. So sehe ich das persönlich. Wie sich alle Feuerwehrleute engagiert haben, das war ein enormer Einsatz. Als ich in der Kyllstraße stand und dieses Bild gemacht habe, hätte ich nicht gedacht, dass wir ohne Personenschäden davonkommen – zumal in Ehrang ja auch ein Krankenhaus evakuiert werden musste.“

 Ernst Mettlach auf einem Selfie bei den Aufräumarbeiten in Ehrang.
Ernst Mettlach auf einem Selfie bei den Aufräumarbeiten in Ehrang. Foto: Ernst Mettlach

Auch andere Bilder dokumentierten das schiere Ausmaß der Flut. Etwa das vom freien Fotografen Sebastian Schmitt mit einer Drohne aufgenommene Bild vom überfluteten Kordeler Bahnhof – mit der komplett im Wasser stehenden Regionalbahn, das Aufmacherbild der „New York Times“ war.

Ernst Mettlach stand in Ehrang selbst hüft­hoch im Wasser. Seine Fotos, die auch in Japan und in arabischen Ländern gedruckt wurden, sind mit dem Smartphone entstanden. Zuerst liefen sie über den Twitter-Kanal der Stadt Trier, dann wurden große Agenturen darauf aufmerksam – obwohl Mettlach auch eine Profi-Kamera dabei hatte. „Ich musste mich mit einer Hand am Verkehrsschild festhalten und kam nicht an den Kamera-Rucksack ran. Ich habe mein Handy aus der Jacke gezogen und mir gedacht. Wenn du das hier nicht filmst, glaubt dir das keiner – dass ein Unimog fast von der Strömung weggerissen wird.“

Irgendwann wurde es ihm zu heikel, „als hinter mir aus den Kellerluken das Wasser in riesigen Fontänen rauskam und mir den Rückzug versperrt hat“.

Das Hochwasser war schnell wieder weg. Aber die gravierenden Auswirkungen für die vielen Betroffenen bleiben. „Diese Tage haben mich auch privat sehr getroffen“, erzählt Mettlach. Als das Wasser aus einigen Straßen langsam wieder abzog, kämpfte er sich „brusthoch in der Wasser-Diesel-Gülle-Brühe“ zum Haus seiner Schwiegereltern vor. Mit der kleinen Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm sein würde. „Aber es war viel schlimmer als alles, was wir uns hätten ausmalen können. Mein erster Gedanke war: Das kriegen wir nie mehr hin.“

Es sei schwer zu beschreiben, was das mit Menschen macht, die ein Haus selbst gebaut, die Möbel selbst geschreinert haben – „und dann sind alle Erinnerungen weg: Die Fotoalben sind kaputt. Das alte Klavier, das noch von der Urgroßmutter meines Schwiegervaters stammte, mussten wir mit der Axt klein machen, weil es völlig hinüber war.

Das hat nicht nur mit rational feststellbaren Schäden zu tun. Alte Bücher, Erbstücke, das ist alles weg. Und das betrifft ja auch ganz, ganz viele andere Leute genauso.“

Viele Häuser sind immer noch unbewohnbar. „Die großen Herausforderungen liegen bei den Leuten, die schauen müssen, dass ihr Haus oder ihre Wohnung wieder bewohnbar wird – das kostet jede Menge Nerven, Geld, Zeit. Das macht ja was mit den Menschen, es ist viel mehr als nur eine Renovierung des Hauses. Es ist ja auch die Erfahrung, dass man schutzlos ausgeliefert ist.“

Das betreffe genauso die Menschen an der Sauer, an der Our, an der Prüm oder an der Nims, und besonders an der Ahr, „die es noch viel dicker getroffen hat“. Aber Vergleiche brächten auch nichts, sagt Ernst Mettlach. „Was hilft es dir, wenn dir das Haus abgesoffen ist und dir dann jemand sagt: ‚Seid froh, an der Ahr sind Menschen ertrunken’. Leid ist nicht relativierbar.“

Das verbindet heute noch viele, die vom Hochwasser im Juli unmittelbar betroffen waren: Es ist noch viel zu tun – und so wie vor dem 14. Juli 2021 wird es nie wieder sein.