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Ihr werdet betrogen! - Warum das Studentenleben nicht mehr lustig ist - TV-Serie Generation Y (Teil 4)

Ihr werdet betrogen! - Warum das Studentenleben nicht mehr lustig ist - TV-Serie Generation Y (Teil 4)

Studieren nach Schema F. Durch die europaweite Vereinheitlichung von Studiengängen hat das Studium in Deutschland sein Wesen verloren. Ausbaden müssen dies die Studenten. Eine persönliche Ansprache an die Opfer.

Ihr müsst jetzt stark sein, liebe Studentinnen und Studenten! Was nun folgt, wird nicht schön. Am Ende dieser Abrechnung werdet Ihr Euch wünschen, Ihr hättet 20 Jahre früher studiert - in den 90ern, als das Studium noch keine lineare Fortsetzung der Schule war.

Das ist es nämlich heute. Ihr kommt an die Uni, und es ist so wie damals im Gymnasium. Vor jedem Schuljahr, pardon, Semester, legen andere, quasi die Lehrer, für Euch die Marschroute fest. Sie diktieren Euch den Stundenplan, kontrollieren Eure Anwesenheit und entscheiden nach einem halben Jahr, ob Ihr versetzt werdet. Das alles kommt Euch selbstverständlich vor - Ihr kennt es ja nicht anders. Aber eigentlich hat es mit dem, was ein Studium mal ausmachte, nichts mehr zu tun.

Denn das Studium in der Vor-Bachelor-Ära diente nur vordergründig dem Lernstoff- und Scheinerwerb. Tatsächlich war es eine Scheinverstaltung, bei der der Student phasenweise Leistungsbereitschaft und Zielstrebigkeit simulierte, um sich den Rest der Zeit jede erdenkliche Freiheit herauszunehmen. Das musste er auch, um den ganz normalen Irrsinn einer deutschen Massenuni zu ertragen: selbstgefällige, desinteressierte Professoren, feindselige Verwaltungsangestellte, chronisch überfüllte Seminare sowie Mensawarteschlangen auf DDR-Niveau. Rasch begriff der Student, dass er hier nicht erwünscht war. Er hatte keine Hilfe zu erwarten. Inmitten Tausender von Menschen war er auf sich allein gestellt.

So lernte er Selbstständigkeit. Er begriff, dass er nicht nur gezwungen war, seinen Stundenplan in Eigenregie zusammenzustellen, sondern sein ganzes Leben. Zum ersten Mal musste er eigenverantwortlich Entscheidungen treffen: Brachte einen das Gespräch in der Kneipe oder das Referat in Mittelhochdeutsch weiter? War das Nachtleben es wert, frühmorgendliche Statistikvorlesungen sausen zu lassen? Wie schaffte man die Balance zwischen Scheine erwerben (= Hausarbeiten) und Scheine verdienen (= Jobben)? Und immer wieder die Frage: Pflicht oder Kür?Augen zu und durch!


Man konnte sein Studium in vier, fünf Jahren runterknüppeln - Augen zu und durch! Man konnte sich aber auch sechs, acht oder zehn Jahre Zeit lassen und auf diese Weise nicht nur ein paar Partys mehr mitfeiern, sondern auch das Leben jenseits des eigenen Studienfachs erkunden.

Manch einer entdeckte dabei, dass ihn der Nebenjob beruflich weiter brachte als Exkursionen in Geografie. Und immer wieder geschah es, dass man sich im Auslandsjahr ein neues Vokabular aneignete, das der Liebe.
Auf diese Weise wurde das Studium zu einer Reise ins Ich, zu einem Selbsterfahrungstrip. Der Student lernte nicht für die Hochschule, sondern fürs Leben. Wenn er Diplom, Magister oder Staatsexamen in der Tasche hatte, besaß er neben Wissen auch ein wenig Weisheit.

Davon könnt Ihr, Studenten der Generation Y, nur träumen. Ihr werdet durch die Uni geschleust wie ein Serienprodukt in einer automatisierten Werkhalle: systematisch, effizient, schnell. Da bleibt keine Zeit für Abstecher jenseits des Fließbands. Wenn Ihr mit 23, 24 auf den Markt geworfen werdet, erwartet Euch eine Welt, auf die Ihr - seelisch immer noch Oberschüler - nicht vorbereitet seid.

"Wie ist das, wenn man über seine Zeit selbst bestimmen kann?" Auf diese wichtige Frage verweigert Euch das Studium die Antwort. Denn Ihr werdet betrogen um die Erfahrung der Freiheit. Weil Ihr aber spürt, dass es anders sein müsste, und weil Ihr ahnt, dass diese Hatz im Hamsterrad auf Dauer nicht gutgehen kann, sucht Ihr nach Auswegen. Wenn schon keine große Freiheit, dann wenigstens kleine Fluchten!

Und so ringt Ihr später, im Beruf, um familiengerechte Arbeitszeiten, um die vielzitierte Work-Life-Balance. Ihr kämpft um jede freie Minute und fürchtet insgeheim, dass Ihr den Kampf - wieder einmal - verlieren werdet.
Was bewegt die Jugend? Und wie verändert sie die Gesellschaft? Fragen, die der Volksfreund in der Serie "Generation Y" beantwortet. Eine Generation, geboren nach 1975 und benannt nach dem englischen Wort why (warum). Im nächsten Teil geht es um den Glauben der Jugend - an Gott, Wissenschaft oder fliegende Spaghettimonster.

Unter www.volksfreund.de/geny gibt es weitere Serienteile, Videos, Bilder und Zusatz-Infos rund um die Generation Y.Extra

Frank Jöricke ist Autor der Bücher "Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage" sowie "Jäger des verlorenen Zeitgeists". Darin knöpft er sich Phänomene wie Facebook, Jugendwahn, Eventkultur und moderne Geschlechterrollen vor. Viele dieser Texte waren zuvor im Trierischen Volksfreund erschienen, für den Jöricke - hauptberuflich Mitinhaber einer Werbeagentur - seit 2010 schreibt. redExtra

1999 beschlossen 29 europäische Bildungsminister im italienischen Bologna, einen gemeinsamen Hochschulraum mit standardisierten Lehrplänen und Abschlüssen (Bachelor und Master) zu schaffen. In der Folge wurden Studiengänge europaweit vereinheitlicht, verschult und stärker an den Anforderungen des Arbeitsmarkts ausgerichtet. In Deutschland war eines der erklärten Ziele des Bologna-Prozesses die Verkürzung der Studiendauer. Das ist gelungen. Die durchschnittliche Dauer eines Bachelor-Studiums liegt bei etwa vier Jahren. Vor der Einführung des Bologna-Prozesses brauchten Magister- und Diplom-Studenten zwei Jahre länger, Langzeitstudenten nicht mitgerechnet. red