Immer mehr Rentner müssen mit dem Fiskus abrechnen

Immer mehr Rentner müssen mit dem Fiskus abrechnen

Mit 65 Jahren die Beine hochlegen und lästige Pflichten endlich hinter sich lassen. Davon träumen viele Ruheständler in spe. Doch eine Arbeit müssen immer mehr Rentner zeitlebens erledigen: die alljährliche Steuererklärung. Ein Viertel der rund 20 Millionen Senioren in Deutschland füllt bereits Jahr für Jahr die Bögen für das Finanzamt aus. Und die Zahl wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

Das neue Alterseinkünftegesetz beschert den Beziehern von Ruhestandsgeld möglicherweise jede Menge Beschäftigung. In dem Gesetz ist geregelt, dass der steuerpflichtige Anteil der gesetzlichen Rente von Rentnerjahrgang zu Rentnerjahrgang steigt.
Wer sich beispielsweise 2005 in den Ruhestand verabschiedet hat, muss 50 Prozent seiner gesetzlichen Rente versteuern. Für Neurentner des Jahres 2012 liegt dieser Anteil bereits bei 64 Prozent. "Diese Regelung führt dazu, dass immer mehr Ruheständler eine Steuererklärung machen und Steuern zahlen müssen", sagt Josef Ludwig, Vizepräsident der Steuerberaterkammer Rheinland-Pfalz.
Kontrollen


Doch sich vor der lästigen Pflicht zu drücken und unbemerkt davonzukommen ist de facto unmöglich. Mit den Regelungen hat der Staat ein neues Melde- und Kontrollverfahren eingeführt. Seit 2009 sind Rentenzahlstellen verpflichtet, alle Zahlungen der Zentralen Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) zu melden. Die ZfA wertet die Daten aus und leitet sie an die zuständigen Finanzämter weiter. "Daher sind die Finanzbeamten sehr gut informiert, wer welche Zahlungen in welcher Höhe erhalten hat", sagt Christian Rech, Steuerberater in Trier.
Rentner müssen ihre Einkünfte in die "Anlage R" eintragen. In die Zeilen 4-13 tragen sie Renten ein, die mit dem sogenannten Besteuerungsanteil versteuert werden. Dazu gehören beispielsweise Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung, der Rürup-Rente, Auszahlungen aus berufsständischen Versorgungseinrichtungen und landwirtschaftlichen Alterskassen.
Besteuerungsanteil



"Entscheidend für die Höhe des Besteuerungsanteils ist das Jahr, in dem Sie sich in den Ruhestand verabschieden", sagt Alwin Kort vom Steuerberaterverband Rheinland-Pfalz. Wer 2012 erstmals Rente bezieht, muss auf 64 Prozent seiner gesetzlichen Rente Steuern zahlen. Steuerzahler, die sich 2040 oder später zur Ruhe setzen, müssen die Auszahlungen komplett versteuern. Rentenerhöhungen wandern in den steuerpflichtigen Topf (siehe Grafik). "Daher können Renten, die anfänglich noch steuerfrei sind, infolge von Rentenerhöhungen im Laufe der Zeit in die Steuerpflicht hineinwachsen", warnt Peter Kauth von Steuerrat24.de.
Selbstständige, die in die gesetzliche Rentenversicherung und in berufsständische Versorgungswerke eingezahlt haben, füllen die Zeilen 11-13 aus. Für diese Gruppe bieten die Finanzbeamten eine Öffnungsklausel an, sofern sie vor 2005 mindestens zehn Jahre lang Beiträge gezahlt haben, die über dem Jahreshöchstbeitrag in der gesetzlichen Rentenversicherung lagen. "Dann können Betroffene beantragen, dass die auf den übersteigenden Beiträgen beruhende Rente nicht mit dem Besteuerungsanteil, sondern mit dem wesentlich günstigeren Ertragsanteil versteuert wird", sagt Steuerexperte Kauth.
Ertragsanteil


Wer eine lebenslange Rente aus einer privaten Rentenversicherung erhält, muss die Auszahlungen lediglich mit dem sogenannten Ertragsanteil versteuern (Zeilen 14-20). In diese Kategorie fallen auch Renten aus betrieblichen Pensionskassen oder Direktversicherungen, die vor 2005 abgeschlossen und deren Beiträge pauschal versteuert wurden. Entscheidend für die Höhe des Ertragsanteils ist das Alter, in dem Betroffene aus diesen Verträgen erstmals eine Rente erhalten. "Dabei gilt die Faustformel: Je älter Sie bei der ersten Auszahlung sind, umso geringer fällt der Ertragsanteil aus", sagt Steuerexperte Kort. Mit 65 Jahren beträgt der Anteil 18, mit 60 oder 61 Jahren 22 Prozent. Mit dem Ertragsanteil versteuert werden oft auch die Zusatzrenten im öffentlichen Dienst (VBL-Renten) (Zeilen 38-39).
Leibrenten, die nicht lebenslang, sondern befristet gezahlt werden, versteuern die Finanzämter mit dem besonderen Ertragsanteil, der unterm Strich günstiger ausfällt als der für lebenslange Leibrenten. In diesen Fällen richtet sich die Höhe nach der Dauer der Rentenzahlung. "Je kürzer die Laufzeit der Rente, desto niedriger ist der Ertragsanteil", sagt Kauth.
Versorgungsbezüge


Unter Versorgungsbezügen verstehen die Finanzämter beamtenrechtliche Pensionen und Betriebsrenten, die Steuerzahler aufgrund einer Pensionszusage oder aus einer Unterstützungskasse beziehen. Diese Bezüge sind voll steuerpflichtig und müssen daher in die "Anlage N" eingetragen werden. Die Finanzämter gewähren für Versorgungsbezüge einen sogenannten Versorgungsfreibetrag. "Dieser wird in dem Jahr, in dem Sie in Ruhestand gehen, zeitlebens festgeschrieben", sagt Steuerberater Ludwig.
Wer sich beispielsweise 2012 in den Ruhestand verabschiedet hat, erhält zeitlebens einen Versorgungsfreibetrag von 28,8 Prozent der Bezüge, maximal 2160 Euro. Dazu kommt ein Zuschlag zum Versorgungsfreibetrag in Höhe von 648 Euro. "Mitsamt Werbungskosten-Pauschbetrag bleiben die Bezüge also bis zu 2910 Euro steuerfrei", rechnet Steuerexperte Kauth vor.
Andere Alterseinkünfte


Beziehen Senioren weitere Einkünfte wie Zinserträge, Arbeitslohn oder Mieteinnahmen, so müssen diese normal versteuert werden. "Bei diesen Alterseinkünften berücksichtigen die Finanzbeamten einen Altersentlastungsbetrag, sofern Steuerzahler zu Beginn des Steuerjahres mindestens 64 Jahre alt sind", sagt Steuerberater Rech.

Im Internet:
volksfreund.de/steuernsparen
Extra

In folgenden Fällen müssen Ruheständler bei ihrem Finanzamt eine Steuererklärung einreichen: Wenn der Gesamtbetrag der Einkünfte 8004 Euro bei Alleinstehenden bzw. 16 008 Euro bei Verheirateten übersteigt. Wenn Sie als Angestellter in den Ruhestand wechseln und gesetzliche Rente beziehen. Wenn Sie auf der Lohnsteuerkarte einen Freibetrag haben eintragen lassen. Wenn Sie neben Versorgungsbezügen Lohnersatzleistungen wie Arbeitslosengeld I, Insolvenzgeld, Aufstockungsbeträge nach dem Altersteilzeitgesetz von mehr als 410 Euro im Jahr erhalten haben. Wenn Sie noch Einkünfte ohne Lohnsteuerabzug - Mieteinkünfte, Kapital- oder Renteneinkünfte - von mehr als 410 Euro bezogen haben. Wenn Sie Versorgungsbezüge - also Pension oder Betriebsrente - beziehen und der Ehegatte eine Rente erhält. Wenn Sie eine Rente oder Versorgungsbezüge beziehen und der Ehegatte noch arbeitet. Wenn Sie eine Rente beziehen und zusätzlich Arbeitslohn aus einer aktiven Beschäftigung erhalten. Wenn Sie Versorgungsbezüge haben und zudem bei einem anderen Arbeitgeber beschäftigt sind. Doch auch wenn Ruheständler verpflichtet sind, eine Steuererklärung bei ihrem Finanzamt abzugeben, ergibt sich daraus nicht automatisch eine Steuerschuld. Sie müssen nur dann Steuern zahlen, wenn nach dem Abzug von Ausgaben für Kranken- und Pflegeversicherung, Werbungskostenpauschbetrag und Aufwendungen für Haushaltshilfen, Kuren oder Pflege das zu versteuernde Einkommen den Grundfreibetrag von 8004 Euro (Alleinstehende) beziehungsweise 16 008 Euro (Verheiratete) übersteigt. bbrExtra

Rentner, die über geringe Einkünfte verfügen, können sich eine sogenannte Nichtveranlagungsbescheinigung (NV) ausstellen lassen. Dann zahlt die Bank Zinsen, Dividenden und Kursgewinne ohne Steuerabzug aus. "Eine NV-Bescheinigung können Sie beantragen, wenn auch unter Einbeziehung der Kapitalerträge ‚keine Steuer entsteht\\'", sagt Peter Kauth von Steuerrat24.de. Das ist dann der Fall, wenn die Einkünfte den Grundfreibetrag (8004 bzw. 16 008 Euro) plus Sonderausgaben-Pauschbetrag (36 bzw. 72 Euro) und den Sparerpauschbetrag (801 bzw. 1602 Euro) nicht überschreiten. Eine NV-Bescheinigung beantragen Sie beim Finanzamt und legen diese dann bei Ihrer Bank vor. In der Regel ist eine NV-Bescheinigung drei Jahre gültig. Sollten die Voraussetzungen für die Bescheinigung entfallen, müssen Sie die NV-Bescheinigung wieder zurückgeben. Über eine NV-Bescheinigung sollten Sie nur nachdenken, wenn Ihre Zinsen, Dividenden und Gewinne den Sparerpauschbetrag von 801 bzw. 1602 Euro überschreiten. Liegen die Kapitalerträge darunter, empfiehlt es sich, seine Freistellungsaufträge geschickt zu verteilen (mehr dazu in Teil sechs der Serie). bbr