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"Jeder kann sich abgrenzen"

"Jeder kann sich abgrenzen"

Martin Wehrle, TV-Kolumnist und Bestseller-Autor, veröffentlicht heute sein neues Buch "Bin ich hier der Depp?: Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen".

Im Volksfreund-Interview erläutert der bekannte Karriere-Trainer, was verrückt ist an den Anforderungen der modernen Arbeitswelt - und wie Arbeitnehmer trotzdem im Berufsalltag bestehen. Die Fragen stellte unser Redakteur Oliver Haustein-Teßmer.Wieso brauchen Arbeitnehmer heute eine Anleitung gegen den Arbeitswahn?Martin Wehrle: Weil die Arbeit keine Grenzen mehr kennt. Früher stieß die Arbeit an den Damm des Feierabends, heute schwappt sie gnadenlos ins Privatleben: per Handy, per Mail, per SMS. Immer weniger Mitarbeiter müssen mehr Arbeit schultern. Die Deutschen leisten im Jahr drei Milliarden Überstunden, die Hälfte davon unbezahlt. Wer sich nicht gegen den Arbeitswahn wappnet, kann gesundheitlich auf der Strecke bleiben. Das klingt gefährlich. Woran machen Sie das Wahnsinnige in der Arbeitswelt fest?Wehrle: Daran, dass nur noch die Zahlen im Mittelpunkt stehen. Nehmen Sie das Stellwerk in Mainz: Die Bahn hat so lange gekürzt, bis alle Räder stillstanden, weil die Mitarbeiter nicht mehr konnten. Früher ging es um langfristigen Erfolg, heute nehmen viele Großfirmen ihre Quartalszahlen wichtiger als die Gesundheit der Mitarbeiter. Die Jungen bekommen keine festen Verträge mehr, die Alten werden rausgekegelt. Und die Verbleibenden arbeiten oft für zwei.Trotzdem müssen ja die meisten arbeiten. Welche Hoffnung bleibt den Berufstätigen?Wehrle: Jeder kann sich abgrenzen. Auch in Hamsterrad-Firmen gibt es Mitarbeiter, die pünktlich nach Hause gehen und die Nacht zum Schlafen und nicht zum Mail abrufen nutzen. In meinem Buch beschreibe ich, wie das mit der Hilfe eines Selbstvertrags gelingt. An Abgrenzung gewöhnen sich auch Chefs schnell. Umgekehrt auch: Wer einmal nachts ranklotzt oder im Urlaub auf Mails antwortet, von dem wird solcher Einsatz künftig immer erwartet.Können Chefs auch anders?Wehrle: Das ist die zweite Hoffnung: Ich glaube, dass menschliche Unternehmen auf längere Sicht erfolgreicher sind - denn sie haben nicht nur die gesünderen, sondern auch die motivierteren Mitarbeiter. Etliche Mittelständler haben das schon begriffen und sind immer noch verantwortungsbewusste Arbeitgeber. ohtMartin Wehrle: "Bin ich hier der Depp?: Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen", Mosaik, 14,99 Euro.