KArriere Berater

Als meiner Klientin Tanja Kaiser (27) auffiel, dass sie am Arbeitsplatz keiner ernst nahm, war es fast schon zu spät. Nach ihrem BWL-Studium hatte sie den begehrten Job in der Marketingabteilung eines Autokonzerns ergattert.

Dort ließ sie ihrer "sozialen Ader" freien Lauf. Schon nach einigen Monaten kochte sie den Kaffee, organisierte Geburtstage, kaufte Geschenke und sprang für überlastete Kollegen in die Bresche. Bei Meetings erwies sie sich als vorzügliche Zuhörerin, auch wenn sie selbst unterbrochen wurde. Nach einem Jahr kam sie ins Grübeln. Immer öfter blieb ihre eigentliche Arbeit liegen. Und was war eigentlich der Grund, dass gleichaltrige Kollegen an wichtigen Konferenzen teilnahmen, sie aber nur für Kaffee und Kekse verantwortlich war? Auch hatte ihr Chef seine Wutanfälle schon mehrfach an ihr gekühlt. Ausgerechnet an ihr! "Ich glaube, ich werde von allen unterschätzt", klagte sie schließlich bei mir in der Karriereberatung. Wer vorankommen möchte, darf eben nicht nur als hilfsbereit, als Sozialarbeiter(in) vom Dienst wahrgenommen werden. Hilfsbereitschaft wird in der Arbeitswelt schnell mit Schwäche verwechselt. Wer wie ein harmloses Schaf wirkt, lockt die Wölfe an. Oft wird er zum Sündenbock gestempelt. Zumindest traut ihm keiner eine Karriere zu. Man bezweifelt, dass ein ewig freundlicher Mensch auch unerfreuliche Entscheidungen durchsetzen kann. Seien Sie nett zu denen, die auch nett zu Ihnen sind. Helfen Sie Kollegen aus, die auch Sie unterstützen. Aber zeigen Sie all jenen, die sie ausnutzen wollen oder Ihnen ständig ins Wort fallen, dass Sie Ellenbogen haben. Sagen Sie "nein", wenn Sie überfordert werden. Seien Sie hart, wenn Ihnen jemand Härten zumuten will. Keine Skrupel gegenüber Skrupellosen! Der Porzellanunternehmer Philip Rosenthal sagte: "Erfolg im Leben ist etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein." Unser Kolumnist Martin Wehrle (geboren 1970) gehört zu den erfolgreichsten Karriereberatern in Deutschland. Sein aktuelles Buch ist der Bestseller "Ich arbeite in einem Irrenhaus" (Econ, 14,99 Euro). Weitere TV-Kolumnen lesen Sie unter www.volksfreund.de/kolumne