Karriereberater

Der Jüngling war unsterblich verliebt - verliebt in ein Wesen, das ihn aus dem Wasser einer Quelle anschaute, verliebt ins eigene Spiegelbild. Die Sache ging tragisch aus, wie uns der römische Dichter Ovid überliefert: Narziss griff nach seinem Spiegelbild, stürzte ins Wasser, ertrank.

Verliebt ins eigene Spiegelbild: Diese Beschreibung trifft auch auf Chefs bei der Personalsuche zu. Wer studierter Betriebswirt ist, zieht studierte Betriebswirte vor. Wer lange im Ausland war, gibt Legionären eine Chance. Doch nicht nur der Werdegang, auch das Geschlecht führt das Händchen bei der Personalauswahl: Nach einer Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung stellen Männer eher Männer, Frauen eher Frauen ein. Das dürfte ein Grund sein, warum man Frauen auf den Hierarchie-Gipfeln noch immer mit der Lupe suchen muss: Die Herren der Schöpfung geben ihre Erbhöfe in starke Männerhände weiter. Als gäbe es eine Korrelation zwischen Bart- und Gewinnwuchs. Weibliche Wesen werden natürlich auch eingestellt - fürs Sekretariat, um den Herren die Bärte zu kraulen. Wenn Sie als Frau Karriere machen wollen, haben Sie bessere Chancen in Firmen, wo andere Frauen bereits ihren Weg bis ins Topmanagement gemacht haben. Steuern Sie als Bewerberin bevorzugt Einheiten an, die fest in Frauenhand sind. Vielleicht sitzt dort ja ein Mann im Sekretariat. Unser Kolumnist Martin Wehrle (geboren 1970) gehört zu den erfolgreichsten Karriereberatern in Deutschland. Sein aktuelles Buch: "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus", Econ, 14,99 Euro. Diese und weitere TV-Kolumnen finden Sie auch im Internet auf www.volksfreund.de/kolumne