Leckeres Obst mit Lokalkolorit

Leckeres Obst mit Lokalkolorit

Der TV-Garten im Oktober: Warum es sich lohnt, Obstsorten, die früher ganz selbstverständlich auf hiesigen Streuobstwiesen wuchsen, vor dem Verschwinden zu retten.

Biersdorf Jeder Obstbaum auf der Wiese hinter dem 120 Jahre alten Bauernhaus in Biersdorf (Eifelkreis Bitburg-Prüm) hat seine Geschichte. Aber an manche erinnert sich Arthur Brand besonders gerne: "Bei diesem hier", sagt der Bewahrer regionaler Obstsorten, und nimmt einen Apfel mit roten Bäckchen in die Hand, "haben mir Leute derart von einem Apfelbaum aus ihrer Kindheit vorgeschwärmt, dass ich dachte, davon musst du Edelreiser haben."
Zusammen gehen sie auf die Suche nach dem Baum. Auf der Weismark in Trier werden sie fündig. Brand fährt weiter über Land, probiert alte Sorten und erbittet sich Vermehrungsmaterial von den Bauern. Oft sind die alten Bäume schon abgestorben, wenn er Veredlungsreiser von den letzten oberen Trieben nimmt. Seit 30 Jahren sammelt er Grau- und Langäpfel, Nelchesbirne und Mispeln. 60 verschiedene Sorten aus der Region hat er bis heute zusammengetragen und auf 500 Bäume veredelt. "Im Prinzip ist das hier eine Gendatenbank", sagt der Biersdorfer.
In Zukunft könnte so ein Genpool noch von großer Bedeutung sein. Artenvielfalt schafft die Möglichkeit, auf zukünftige Veränderungen zu reagieren. Mit dem Klimawandel sind Obstsorten gesucht, die sich an Extreme anpassen können. Sorten wie der Eifeler Rambour beweisen seit vielen Generationen, wie unempfindlich sie gegen Krankheiten sind. Im Supermarkt findet man sie nicht mehr. Im eigenen Garten kann man sie erhalten.
Aber nicht nur aus rein funktionellen Überlegungen ist Streuobst schützenswert. Pfannkuchenapfel und Klunkigbirne sind Kulturgüter mit Lokalkolorit. Ihre Namen leiten sich oftmals von der Form und Verwendung ab. Der breite Pfannkuchenapfel eignet sich besonders gut für runde Apfelscheiben im Pfannkuchen und verrät damit auch etwas über die Essgewohnheiten einer Region. Die Klunkigbirne verdankt ihre umgangssprachliche Bezeichnung einem Erscheinungsbild, das den Eifeler an einen wohlgeformten Allerwertesten erinnert: "Man sagt ja, den hat en dick Klunk", meint Brand lachend. Sorten sind schon immer der Mundart angepasst worden. War die Aussprache französischer oder belgischer Sorten schwierig, wurde aus der "Beurré Gris" die "Gute Graue".
Das süß-säuerliche Aroma der schmelzend saftigen Birne ist für den Obstfreund ein weiteres Argument, auf alte Sorten zu setzen. Jede Sorte habe ihren eigenen Geschmack. Neben Boden und Wetter entscheidet der richtige Erntezeitpunkt über das Aroma: "Diesen Weißen Wintercalvill müssen Sie bis Mitte Oktober hängen lassen, dann bekommt er immer mehr Aroma", meint Brand. Dabei sind Pflück- und Genussreife zwei verschiedene Dinge. Lassen sich die Früchte durch Anheben und Abbiegen leicht vom Fruchtholz lösen, sind sie reif zum Ernten. Ihre Genussreife erreichen sie dagegen, wenn sie ihr volles Aroma entwickelt haben. Je nach Sorte kann das Wochen später sein. Typische Winterlageräpfel wie der Schöne von Boskoop schmecken ab Ende Dezember erst richtig gut. "Dafür können Sie solche Äpfel bis Mai aufheben", weiß der Kenner.
Für die Herbsternte hat er sich seinen Urlaub aufgespart. Meist ab Mitte Oktober pflückt der Kaufmann zwei Wochen lang seine Obstbäume durch. Die beste Erfahrung hat er mit einem Pflücktuch aus Tirol gemacht. "Den Beutel hänge ich mir vor den Bauch", erklärt Brand. "Dann habe ich die Hände frei." Bis zu 20 Kilo passen in das Tuch, "ohne dass ein Apfel gedätscht wird". Die Früchte müssen bei jedem Wetter gepflückt werden. Am schönsten sei es, wenn die Sonne scheine und Sternrenetten, Brettacher und der Rote Kardinal gegen den blauen Himmel leuchteten. "Oder hier, diese vielen kleinen Holzäpfel", begeistert sich der Erhalter. Apfelsaft und Most verleihen sie ein besonderes Aroma. Arthur Brand findet, ihr Erhalt lohne sich allein schon wegen der Schönheit ihrer Früchte. Und deshalb wird er auch in diesem Herbst wieder neue Obstbäume pflanzen.Extra: APFELBAUM IM HERBST PFLANZEN


Ab Oktober und solange der Boden offen ist, können wurzelnackte Bäumchen gesetzt werden. Apfelbäume in Containern wachsen oft rund und wurzeln durch den Drehwuchs schlechter ein. Bei der wurzelnackten Ware kürzt man lange Wurzeln ein. Die Pflanzgrube hebt man zwei Spaten tief aus. Arthur Brand's Tipp: "Später kommt die obere Erde des Pflanzaushubs nach unten und die tiefere Schicht nach oben. Die Veredelungsstelle darf auf keinen Fall im Boden liegen. Dabei muss man beachten, dass sich der Baum noch setzt. Ebenso wichtig ist ein Pfahl zur Befestigung. Er wird 20 cm vom Stamm entfernt in den Boden gerammt. Mit einem Kokosstrick bindet man den Baum fest." Gegen Wühlmäuse hilft ein Drahtgeflecht um den Pflanzballen. Sinnvoll ist ein Gießrand. Wer eine alte Sorte entdeckt hat, die er auf einem eigenen Baum im Garten pflanzen will, sollte sich in Obst- und Gartenbauvereinen erkundigen. Dort gibt es meistens jemanden, der das Veredeln beherrscht und das Edelreis alter Obstsorten auf einen jungen Baum pfropft oder okkuliert. Edelreiser werden im Dezember/Januar und spätestens bis Februar geschnitten. Bis zur Veredelung im Frühjahr schlägt man sie in feuchten Sand ein und bewahrt sie kühl und dunkel auf.