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Mit Fieber in die Kita: Berufstätige Eltern in der Region geben häufig Nachwuchs trotz Krankheit ab

Mit Fieber in die Kita: Berufstätige Eltern in der Region geben häufig Nachwuchs trotz Krankheit ab

Das Kind hat immer noch Fieber, doch die Terminliste ist erdrückend lang. Immer mehr berufstätige Eltern geben in ihrer Not ihre kranken Kinder in der Kindertagesstätte (Kita) ab. Eine Situation mit vielen Verlierern, die Unternehmen und Eltern herausfordert.

Maria P. (Name geändert) hat genug. Die Erzieherin in einer Kita im Kreis Trier-Saarburg schimpft: "Ständig geben Eltern ihre Kinder krank ab." Manche Eltern drückten das Fieber morgens bewusst mit Medikamenten runter, behauptet sie. Viel Ärger schwingt auch mit, wenn sie sagt: "Schon manches Mal mussten wir uns rechtfertigen, wenn wir anriefen, damit das kranke Kind abgeholt werden sollte."

Kerstin M. , auch sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, ist Mutter zweier Kinder, arbeitet Teilzeit in der Werbebranche und hat ihre Kinder auch schon "noch kränkelnd" in der Kita abgegeben. "Mit einem wahnsinnig schlechten Gewissen", sagt sie. "Aber ich hatte einen wichtigen Termin, und weit und breit war niemand, der hätte zu Hause einspringen können."

Ihren Anspruch auf bezahlte Freistellung bei Krankheit des Kindes (siehe Extra) hat sie noch nie voll ausgeschöpft. Sie glaubt, das hätte berufliche Nachteile.

Kerstin M. ist kein Einzelfall. Beate Walgenbach-Anheier vom Kinderschutzbund Trier sagt: "Viele Eltern können es sich nicht leisten oder trauen sich nicht, wegen der Erkrankung ihrer Kinder zu Hause zu bleiben."Arbeitgeber zeigen Unverständnis


Angelika Winter, Frauenbeauftragte der Stadt Trier, weiß, dass der Druck, insbesondere bei Alleinerziehenden, enorm ist. Oftmals reiche der Anspruch auf bezahlte Freistellung nicht aus oder die Arbeit sei termingebunden und unaufschiebbar. Laut Ingo Klein von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigen Arbeitgeber oft Unverständnis, wenn Eltern wegen eines kranken Kindes fehlen. "Um diesem Druck zu entgehen, werden nicht selten Kinder trotz Krankheit in die Kita gebracht", sagt Klein.Familie & Volksfreund


Mit Folgen: Krankheiten verbreiteten sich schnell, Erzieherinnen würden unzumutbar belastet. "Das Personal ist einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt, und kranke Kinder bedürfen einer besonders hohen Aufmerksamkeit", sagt der GEW-Mitarbeiter. Was bei den derzeit geltenden Personalschlüsseln und bei dem allgemeinen Fachkräftemangel nicht adäquat zu leisten sei. David Terres von der Kita gGmbH findet den Spielraum, den die Krankentage berufstätigen Eltern pro Jahr bieten, nicht großzügig und je nach tatsächlicher Arbeitssituation auch nicht beliebig nutzbar. Als großer Betriebsträger von Kitas müssten die Belange der Gemeinschaftseinrichtungen im Blick gehalten werden, um Kinder und Personal zu schützen. "Dabei ist der Betreuungsvertrag mit den Eltern Grundlage", sagt Terres. Darin seien Regelungen im Krankheitsfall und zum Infektionsschutzgesetz enthalten (siehe Extra).

Ein verändertes Bewusstsein auf Seiten der Arbeitgeber plus angemessene Vereinbarungen können seiner Meinung nach Entspannung bringen. Arbeitgeber müssten sich Gedanken darüber machen, familienfreundliche Arbeitsplätze zu gestalten, sagt auch Klein. Es gebe Betriebe, die Eltern bei der Erkrankung der Kinder selbstverständlich freistellten oder es zumindest gestatteten, Teile der anfallenden Arbeit von zu Hause aus zu erledigen. "Manche Unternehmen bieten sogenannte Eltern-Kind-Zimmer an", weiß die Trierer Frauenbeauftragte. Etwa an der Uni Trier. Schließt die Kita früher oder das Kind ich noch nicht wieder richtig gesund, bietet das Eltern-Kind-Arbeitszimmer im Drittmittelgebäude mit einem PC-Arbeitsplatz, Wickeltisch, Babyreisebett und Schlafsessel eine zusätzliche Lösung an. Die Agentur für Arbeit hat laut seiner Sprecherin Dominique Gottwald den sogenannten "Okip". Hinter der Abkürzung steckt: Organisationsservice Kinderbetreuung und Pflege.

Die Bundesagentur für Arbeit hat mit dem Eltern-Service der Arbeiterwohlfahrt eine Vereinbarung geschlossen. Der Elternservice organisiert etwa kurzfristig eine Notfallbetreuung.

Diese Beispiele dürften Doro Engel vom Verband berufstätiger Mütter gefallen. Sie plädiert dafür, dass es insbesondere Müttern leichter gemacht werden muss, sich nicht zwischen Job und Kind entscheiden zu müssen. Denn genau das führe dazu, dass Mütter Kinder in Kitas abgeben würden, die eigentlich zu Hause betreut werden müssten. Sie rät berufstätigen Eltern immer, eine sogenannte Back-up-Lösung parat zu haben. "Und wir wünschen uns von den Unternehmen, das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie aktiv zu fördern", sagt Engel.Extra

Berufstätige Eltern haben als Versicherte einer gesetzlichen Krankenkasse pro Jahr einen Anspruch auf zehn Tage Freistellung, wenn das Kind krank ist. Sie erhalten dann das sogenannte "Kinderkrankengeld". Vorausgesetzt das Kind ist jünger als zwölf Jahre, keine andere mit im Haushalt lebende Person kann es betreuen, und der Arzt bescheinigt, dass der betreffende Elternteil zur Betreuung des erkrankten Kindes der Arbeit fernbleiben muss. Bei allein erziehenden Eltern verdoppelt sich dieser Anspruch. Bei mehreren Kindern ist der Anspruch je Versichertem auf maximal 25 Arbeitstage begrenzt, bei Alleinerziehenden auf 50 pro Jahr. (Quelle: Tanja Börner, Sprecherin des Verbands deutscher Ersatzkassen)

Anders sieht es bei Privatversicherten aus: Hier besteht der Anspruch auf Krankengeld nicht. Die Eltern können sich zwar krankschreiben lassen und mit ihrem Kind zu Hause bleiben, aber: Ein finanzieller Leistungsanspruch besteht nicht. Ist ein Elternteil privat und das andere gesetzlich versichert, ist entscheidend, bei wem das Kind mitversichert ist. kat/sasExtra

Die sogenannten hygienischen Belange für Schulen und sonstige Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas sind laut Harald Michels, Leiter des Gesundheitsamtes Trier, im Infektionsschutzgesetz geregelt. Kinder, die an bestimmten dort aufgelisteten Erkrankungen wie Cholera, Diphtherie, Keuchhusten, Masern, Mumps, Pest, Krätze oder Windpocken erkrankt sind, oder wenn der Verdacht besteht, dürfen Gemeinschaftseinrichtungen nicht besuchen. So lange nicht, bis nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit oder der Verlausung nicht mehr zu befürchten ist. Bei Kindern, die noch keine sechs Jahre alt sind, kommt zusätzlich die infektiöse Gastroenteritis - umgangssprachlich als Magen-Darm-Infekt bezeichnet - hinzu. Der Krankheitsverdacht reicht aus. Laut Michels gehören aus Vernunftgründen Kinder mit fieberhaften Erkrankungen nicht in Gemeinschaftseinrichtungen, sondern sie sollten bis zur Genesung zu Hause betreut werden, bei schweren Verläufen im Krankenhaus. kat