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Naturoase in ungewohnter Höhe

Naturoase in ungewohnter Höhe

Die Lust am Gärtnern macht vor den Toren der Stadt nicht halt. Doch wo und wie findet sich im urbanen Raum Platz dafür? Ein Beispiel liefert ein Trierer Stadtgarten im Maarviertel. Der heute dicht bebaute Siedlungsbereich war im 19. Jahrhundert eine Gartenoase.

"Das war Kuba in Trier", erinnert sich Peter Merten. Vor neun Jahren zieht die junge Familie in eine Baustelle im Maarviertel. Der Architekt und die Psychotherapeutin haben zwei ehemalige Tagelöhnerhäuser in verwahrlostem Zustand, einen Mittelgang und eine Menge heruntergekommener Schuppen gekauft. Grundstücksgröße 140 Quadratmeter, Wohnfläche beider Häuser 20 Quadratmeter. "Aber was will man mit zwei getrennten Häusern", stellt der Bauherr die Frage, die jeden interessiert. Man muss sie verbinden. "So entstand die Idee eines Atriumgartens", sagt der 41-Jährige und öffnet die Schiebetür einer Glasfront, die den heutigen Wohnraum zum Außenraum erweitert.
Natur zurückgeholt


In der Römerstadt Trier liegt die auf urbane Räume zugeschnittene Gartenform doppelt nahe. Innenhofgärten waren zur Regierungszeit des Stadtgründers Augustus (27 v. Chr. - 14. n. Chr.) populär geworden. Doch anders als beim römischen Vorbild findet man in dem ostasiatisch inspirierten Atriumgarten keine Illusionsmalerei an den Wänden, die den Raum optisch vergrößern sollte. Atmosphäre wird durch Mittel geschaffen, die die Sinne anregen. Licht fällt von oben durch das filigrane Blätterdach eines Japanischen Fächerahorns. "Der färbt orange-rot", weiß Sohn Aaron zu berichten. Bereits im Winter lässt ein besonders früh blühender Duftschneeball Dawn die Jahreszeiten bewusst erleben. Vor der Rotsandsteinmauer ragt immergrüner Bambus dem blauen Himmel entgegen. Ein Rascheln fährt durch seine Grashalme. Mit solchen Pflanzen holt man sich ein Stück Natur in die Urbanität zurück.
Die Stadtidylle wird durch Vogelgezwitscher von links perfekt. "Das ist eine Schallreflektion", sagt Peter Merten und zeigt rechts auf die Vögel, die sich in den hohen Bäumen hinter der Dachterrasse gesammelt haben. Der Atriumgarten funktioniere wie ein Ohr: Wenn der Gospelchor von St. Martin im Sommer probe, höre man auf der Dachterrasse nichts, aber hier unten.
Dachterrasse ist das Stichwort für die nächste Grünraumidee im städtischen Umfeld. "Wir sind die einzigen, die dieses Niveau bewohnen", sagt Alexandra Merten und lässt sich auf ihrem Gartenstuhl nieder.
Die Anlage eines Dachgartens muss auf die Tragfähigkeit des Daches abgestimmt werden. "Wir haben hier einen Minimalaufbau", erläutert ihr Mann. Mehr als fünf Zentimeter Erdschicht auf einem kleinen Streifen rund um die Flachdachfläche waren nicht drin.
Experiment mit Gräsern


Gartenarchitekt Jörg Kaspari ließ sich auf das Experiment ein und setzte den Eigentümern hohe Ziergräser. Voraussetzung: Tröpfchenbewässerung und regelmäßige Zufuhr von Dünger. So kommen die Überlebenskünstler mit den Extrembedingungen auf dem Dach zurecht. Chinaschilf und Reitgras wiegen sich im Wind.
Alexandra Merten schätzt die Intimität bei gleichzeitigem Weitblick, den die hohen Ziergräser schaffen. Man habe eine Art Vorhangeffekt. An der Mauer zum Nachbarhaus werfen die Wedel des Riesen-Pfeifengrases Schatten an die Wand. Die Herbstfärbung setzt ein. Pflanzen für begrenzten Raum müssen mehr zu bieten haben als eine schöne Blüte.