1. Nachrichten
  2. Mehrwert

Notfallsituation Herzinfarkt

Gesundheit : Herzinfarkt? Jede Sekunde zählt

Am 29. September ist Weltherztag. In diesem Jahr geht es um die Notfallsituation Herzinfarkt.

Professor Nikos Werner leitet das Herzzentrum Trier und ist Chefarzt der Kardiologie/Intensivmedizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier. Der Mediziner sprach mit dem TV über Risikofaktoren, Symptome bei Männern und Frauen und erste wichtige Schritte.

 

Professor Werner, wir führen dieses Interview in aller Herrgottsfrühe. Wann und wie sind Sie heute in den Tag gestartet?

Werner: Ich bin kurz nach sechs Uhr aufgestanden, kleines Frühstück, dann bin ich mit dem Fahrrad in die Klinik gefahren, jetzt telefonieren wir.

 

Sind Frühaufsteher, die einen vollen Terminkalender vor sich haben, gefährdeter einen Herzinfarkt zu bekommen als Langschläfer, die eher einen gemütlich Tag vor sich haben?

Werner: Das ist eine spannende Frage. Einer der Risikofaktoren für den Herzinfarkt ist Stress. Aber Stress ist schwierig zu fassen, es gibt den positiv wirkenden und den negativ wirkenden Stress. Wer viel negativen Stress hat, erleidet häufiger einen Herzinfarkt. Es sind aber eher emotionale Ereignisse, die dann dazu führen.

 

Was kann einen Herzinfarkt noch begünstigen?

Werner: Die klassischen Risikofaktoren, die wir alle kennen: Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht, erhöhte Blutfette, erhöhter Blutzucker, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung. All das können wir beeinflussen. Aber es gibt auch Faktoren, die nicht in unserer Hand liegen: männliches Geschlecht, höheres Lebensalter, eine familiäre genetische Vorbelastung. An den beeinflussbaren Faktoren können wir alle arbeiten.

 

Und wie kann man das Herz stärken und einem Infarkt vorbeugen?

Werner: Sehr wichtig ist Bewegung und auf sich zu achten. Über die Jahre schleicht sich manches ein, Übergewicht oder dass man raucht. Mit dem Alter nehmen bei fast allen Menschen die Blutfette zu, das Cholesterin steigt an. Doch mit Bewegung und Stressabbau kann man etwas dagegen tun.

 

Steht man vor einem üppigen Buffet, wovon sollte man lieber die Finger lassen und was sollte auf den Teller?

Werner: Nach wir vor ist es so, dass die mediterrane Küche vermutlich am besten vor koronaren Herzerkrankungen und Herzinfarkt schützt. Das zeigen verschiedene Studien. Viel Gemüse, viele ungesättigte Fette, wie hochwertiges Olivenöl, wenig Fleisch, vor allem wenig rotes Fleisch, sollte auf den Teller.

 

Wie viel und welcher Sport stärkt das Herz?

Werner: Es gilt, regelmäßig Sport zu machen. Die Leitlinien der Europäischen Gesellschaften geben vor,  dass man sich am Tag 30 Minuten ordentlich belasten soll, man außer Atmen kommen soll und dass die Herzfrequenz dabei deutlich steigt. Zum Beispiel stramm laufen, Rad fahren, schwimmen.

 

Menschen, die im Büro arbeiten sind ja regelrecht an den Schreibtischstuhl gefesselt und bewegen sich oft wenig. Was raten Sie ihnen?

Werner: Bewegung lässt sich in den Alltag integrieren: Beispielsweise kann man die Treppe statt den Aufzug nehmen oder in der Mittagspause stramm um die Ecke spazieren. Und morgens und abends kann man Zeit für Sport einplanen. Generell sollte man versuchen, über den Tag hinweg in Bewegung zu bleiben.

 

Und wenn es dann doch passiert. Was sollte danach unbedingt der erste Schritt sein?

Werner: Wichtig ist das Erkennen des Herzinfarktes. Damit tun sich viele Patienten schwer. Man muss die typischen Symptome kennen, um sie dann richtig interpretieren zu können. Wenn man den Verdacht hat, sollte man keine Hemmungen haben und die 112 wählen! Auch sollte dann gesagt werden, dass man vermutet, einen Infarkt zu haben, damit der Notarzt gleich vor Ort ist.

 

Was sind die typischen Symptome?

Werner: In erster Linie starke Schmerzen und Druck im Brustkorb. Patienten schildern ein heftiges Brennen, ein massives Engegefühl, als ob jemand mit dem Knie auf der Brust sitze und sie zusammendrücke. Auch kalter Schweiß auf der Stirn kann ein Hinweis sein, Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen, Luftnot.

 

Bei Frauen soll sich der Herzinfarkt anders zeigen als bei Männern. Stimmt das?

Werner: Ja, wir sehen in allen großen Studien, dass Frauen andere Beschwerden haben als Männer. Unspezifischere wie mehr Übelkeit, Rückenschmerzen, auch mal Magenbeschwerden. Und Frauen neigen dazu, solche Beschwerden zu verharmlosen, sie glauben, das gehe schon wieder weg. Interessanterweise sagen Männer häufig, wenn ihre Frau sie nicht zum Arzt gezwungen hätte, wären sie nicht mehr da. Männer erleiden häufig früher einen Herzinfarkt als Frauen. Frauen sind meist bis zur Menopause aufgrund des Östrogens relativ gut davor geschützt.

 

Was sagen Ihnen Patienten und Patientinnen, hat sich der Infarkt angebahnt, war er vielleicht sogar vorhersehbar?

Werner: Es gibt interessante Studien und Patienten sagen,  vor dem Infarkt hätten sie ein leichtes Engegefühl gehabt und ein bisschen Brennen, das relativ schnell wieder weggegangen sei. Oder bei leichter Belastung hätten sie ein Druckgefühl gespürt. Bei der Hälfte der Patienten gibt es eine Art Vorboten, die aber nicht als solche gedeutet wurden. Hätten sie diese richtig interpretiert, hätten sie schneller versorgt werden können.

 

Wie viele Herzinfarkte wurden im vergangenen Jahr im BKT behandelt?

Werner: Deutschlandweit sind die im Krankenhaus behandelten Herzinfarkte während der Pandemie überraschenderweise zurückgegangen. Im Jahr 2020 haben wir rund 600 Infarkte behandelt, im vergangenen Jahr waren es knapp 500.

 

Wie gut sind die Aussichten, nach einem Infarkt wieder ein „normales Leben“ führen zu können?

Werner: Wenn man schnell handelt, ist das Herz nach einem Infarkt  durch moderne Therapieverfahren kaum geschädigt. Das Problem ist, je länger man wartet und je länger der Infarkt abläuft, desto größer ist der Schaden am Herzen. Wenn sich größere Narben gebildet haben, dann ist die Pumpfunktion eingeschränkt und das kann das Leben nachhaltig beeinflussen. Je früher der Infarkt behandelt wird, umso geringer ist der Schaden. Jede Minute zählt.