Gesundheit : Des Menschen liebstes Spielzeug der Körperpflege

Das größte und schwerste Organ des Menschen, die Haut, bedeckt die gesamte Körperoberfläche unseres Organismus und schützt ihn vor vielerlei Unbilden der Außenwelt. Daher ist sie sehr solide und strapazierfähig gebaut.

Nur an wenigen Stellen zeigt sie sich überaus dünn und verletzlich, wie in unserem Gehörgang. Dort stülpt sie sich röhrenförmig in den Schädel, um nach ca. 3,5 cm die äußere Schicht einer außerordentlich empfindlichen Membran zu bilden, die des Trommelfells. Das dient bekanntermaßen als wichtiger Bestandteil des Hörorgans der Aufnahme des Schalls, um diesen dann über das Mittelohr in die Hörschnecke weiterzuleiten. Um diese sensible Struktur zu schützen, besitzt die Haut am Gehörgangs-Eingang neben (mehr oder weniger) feinen Härchen auch Talgdrüsen, die – wie der Name stark vermuten lässt- Talg produzieren. Mit seinem Säuregehalt schützt das im Fachjargon auch Cerumen genannte schmalzartige Sekret die Haut samt dem dahinter liegenden Trommelfell.

Eben dieses Ohrenschmalz steht allerdings im Zentrum der Reinigungszeremonien sehr vieler Menschen. Um dem ungezügelten Reinigungsdrang des Menschen entgegenzukommen, erfand die Hygieneartikel-Industrie flugs das Wattestäbchen, das sicher nicht ganz zufällig ziemlich genau den Durchmesser eines durchschnittlichen Gehörgangs aufweist. Dieses daher auch fälschlicherweise als „Ohrenstäbchen“ benannte Gerät hat weltweit einen derart durchschlagenden Erfolg gezeitigt, dass es binnen kurzer Zeit zusammen mit anderen Wegwerfprodukten in erschreckendem Ausmaß die Weltmeere verschmutzte und daher 2019 auf den Verbots-Index des EU-Parlaments gesetzt wurde. Nun wird der Wattestab keineswegs der ihm eigentlich gar nicht zugedachten Aufgabe gerecht. Denn unser Gehörgang verfügt über einen Selbstreinigungsmechanismus, der das im äußeren Anteil des Gehörganges produzierte Ohrenschmalz ständig wie ein Förderband nach außen transportiert. Daher ist es absolut kontraproduktiv, das Ohrenschmalz mit dem Wattestäbchen immer wieder entgegen der Transportrichtung ins Ohr hineinzuschieben, anstatt der Selbstreinigung freien Lauf zu lassen. Vielmehr führt die von vielen oft täglich durchgeführte Politur des überaus sensiblen Gehörgangs meist zum sedimentartigen Aufschichten von Cerumen vor dem Trommelfell.

Logische Konsequenz ist eine Hörminderung. Weitere Folgen können schmerzhafte Gehörgangsentzündungen und quälend juckende Ekzeme sein. Besonders gründliche Reinigungs-Fetischisten durchstechen sich schließlich das Trommelfell mit dem Wattestab, ein überaus schmerzhafter Unfall, der nicht selten auch zu dauerhaftem Hörverlust führt. Was also ist zu tun? Zunächst einmal Mutter Natur freien Lauf lassen und lediglich das Ohrenschmalz am Ausgang mit dem Finger oder Waschlappen entfernen.

Zusätzlich kann man den Gehörgang unter der Dusche mit der lauwarmen Brause ausspülen, was bei intaktem Trommelfell vollkommen unproblematisch ist. Erfindungen der Industrie wie Ohrensprays, spezielle ‚Häkelnadeln‘ oder die seit neuestem im Internet angepriesenen Mini-Tannenbäumchen mit Schraubgewinde sind jedenfalls in den seltensten Fällen erfolgversprechend. Dafür sind die Gehörgänge der Menschen viel zu unterschiedlich konfiguriert und eines jeden Ohrenschmalz ist von anderer Konsistenz.  Funktioniert das körpereigene Förderband mal nicht so richtig, steht der HNO-Arzt als professioneller Rohreiniger zur Stelle.

Dr. med. Stefan Pappert
HNO-GMP Dres. Fachinger-Pappert-Preuss
Mitglied vom Medi-Verbund, Trier.