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Sonnenschein in der Senioren-WG

Sonnenschein in der Senioren-WG

Im Haus Sonnenschein in Damflos (Kreis Trier-Saarburg) leben zurzeit sieben Senioren gemeinsam mit den Wohngruppen-"Eltern" unter einem Dach. Ein Nachmittag in einer außergewöhnlichen Großfamilie.

Kirchturmidylle, fünf Kilometer entfernt von Hermeskeil. Der Septemberwind streift durch die Bäume, Wiesen und Felder umrahmen das Hochwalddorf. Das Haus Sonnenschein reiht sich zwischen Einfamilienhäusern ein. Kein Schild, nur einige Parkplätze mehr als üblich lassen vermuten, dass man tatsächlich angekommen ist. In dem ehemaligen Landgasthof Christa leben Elvira Pohl und ihr Ehemann Karl-Heinz gemeinsam mit derzeit sieben Senioren. Weil Leistungsdruck und Bürokratie immer mehr zugenommen und die Zeit, die für die Bewohner blieb, immer mehr abgenommen hatte, war die ehemalige Wohnbereichsleiterin eines Altenheims ausgestiegen. Sie hatte Abschied aus einem Berufsalltag genommen, der nicht mehr ihren Vorstellungen entsprach, um ihr eigenes Ding zu machen - eine Wohngemeinschaft (WG) für Senioren - in Damflos. "Ich habe den ehemaligen Gasthof gesehen und gewusst: Das ist es", erinnert sich die 58-Jährige. Unter anderem mit einem Unternehmensberater an der Seite sowie Dieter Ackermann von der Kreisverwaltung Trier-Saarburg als Fürsprecher verwirklichte die gebürtige Morscheiderin Schritt für Schritt ihren Traum auf 800 Quadratmetern. Die Zimmer, in denen einst Hotelgäste nächtigten, wurden zu WG-Zimmern umgebaut sowie zu einer Wohnung für die Pohls. Aus dem ehemaligen Gasthaussaal, wurde seit der Eröffnung 2012 der "Allesraum", wie die WG-"Mutter" sagt. An dem meterlangen Eichentisch wird gegessen, geschwätzt, gestrickt, gebetet, einfach nur da gesessen, in Klatschblättern geschmökert oder getrauert. Ein unfertiger Schal auf der Kommode erinnert an die kürzlich verstorbene Anna (Name geändert). Aber Anna habe auch nicht um des Schals willen gestrickt, sagt Pohl. Sie habe gestrickt, weil es sie beruhigte. "Es ist wichtig, zu schauen, was für den Einzelnen passt", sagt die WG-Leiterin, während Judith in der offenen Küche einen frischgebackenen Kirschkuchen aufschneidet. Die 28-Jährige ist Elvira Pohls Tochter und Angestellte. Sie arbeitet Vollzeit als Fachkraft für Gesundheits- und Sozialdienstleistungen in der WG, neben drei 450-Euro-Kräften. Eine davon ist Mechthild Potreck. Manchmal schiebt sie im Allesraum Tische und Stühle zur Seite, um altersgerechte Gymnastikübungen anzuleiten, manchmal liest sie besinnliche Texte vor. Je nach Wunsch der Bewohner. Denn maximale Selbstbestimmung ist das Credo des Hauses: Das fängt bei der Einrichtung der Zimmer mit den eigenen Möbeln an, welche die WG-Mitglieder Jahre ihres Lebens begleitet haben, und endet beim Wäscheaufhängen, Bügeln, Mirabellenentsteinen oder Kartoffelschälen. "Mithelfen sei erwünscht, aber kein Muss", sagt Pohl. Unterdessen dringt lautes Lachen aus dem lichtdurchfluteten Wohnzimmer mit Zugang zum riesigen Garten und dem Schönwetter-Allesraum, der Terrasse. Dirk Pellny (74) hat einen Witz erzählt. Dass er seinen Humor nicht verloren hat, verdankt er wohl auch der WG. "Nach einer Beinamputation fühlte ich mich in meinem Haus in Geizenburg lebendig begraben und eingesperrt", erzählt der alleinstehende Senior. Seit einem Jahr lebt er in der "eigenständig betreuten Wohngruppe". So heißt das Haus Sonnenschein in der Sprache der Bürokratie. "Ich fühle mich superwohl", sagt der einst europaweit tätige Konzernmitarbeiter. Er schätzt, dass ihm "das Tägliche, was einen belastet", abgenommen wird. Und dass er mit Petronella Kopp (85), Mutter von Elvira Pohl, über Zeiten im Gesangsverein und gemeinsame Bekannte sprechen kann. Die 85-Jährige stammt aus der gleichen Ecke. So wie alle Bewohner, hat Pellny mehrere Verträge mit den Pohls: einen Mietvertrag, Vereinbarungen über Haushalts- und Betreuungskosten. Die Pflege muss von außen, von einem ambulanten Dienst, kommen. So hat es der Gesetzgeber vorgeschrieben, damit keine Abhängigkeit entsteht. Platz ist für maximal zwölf hilfsbedürftige Menschen.Gegen 16 Uhr stößt WG-"Vater" Karl-Heinz Pohl dazu. Er hat Kaffeedurst und wundert sich über die Frage, wie er das Zusammenleben 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche in der WG empfindet. "Es ist das Normalste der Welt", sagt der 62-Jährige. "Wie eine große Familie, mehr ist das hier auch nicht. Jeder hat seinen eigenen Charakter, das muss man respektieren und Rücksicht nehmen." Zu den Pohls gehören fünf erwachsene Kinder, vier Enkel, Hund Xena, Kaninchen, Hühner - und die WG-Bewohner. Weitere Infos bei Elvira Pohl unter Telefon 06503/9817444.volksfreund.de/pflegeExtra

Die Landesregierung bringt den Aufbau von betreuten Wohngruppen und selbst organisierten Wohngemeinschaften für ältere und pflegebedürftige Menschen voran: Mit WohnPunkt RLP hat das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie jetzt ein neues Programm aufgelegt. Gerade kleine Gemeinden im ländlichen Raum, in denen bis zu 3000 Einwohner leben, sollen beim Aufbau solcher Wohnformen unterstützt werden. Ziel des Programms: Ältere und pflegebedürftige Menschen sollen in ihrem Dorf wohnen bleiben können. Geplant ist jährlich der Aufbau von bis zu zehn Wohngruppen und selbst organisierte Wohngemeinschaften in kleinen Gemeinden. Dörfern, die mitmachen, werden sogenannte Projekt-Tandems an die Seite gestellt. Diese bestehen aus einem kommunalen Projektverantwortlichen und einem festen "WohnPunkt"-Ansprechpartner. Das Duo hilft dabei, Fragen zu Themen von der Finanzierung über Architektur, gesetzliche Vorschriften, Betreuungskonzepte bis hin zur Pflege gemeinsam mit der Kommune und den zuständigen Behörden zu beantworten. WohnPunkt RLP wird von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung gesteuert und vom Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie als Teil des Zukunftsprogramms Gesundheit und Pflege 2020 finanziert. kat wohnpunkt-rlp.de