Symptome wachsen sich nicht aus

Symptome wachsen sich nicht aus

Immer mehr Menschen sind von Allergien betroffen. Ralph von Kiedrowski, Landesvorsitzender des Verbands der Dermatologen (Hautärzte), erklärt, woran das liegt und wie Betroffenen geholfen werden kann. TV-Redakteur Bernd Wientjes sprach mit ihm.

Wie viele Menschen sind von Allergien betroffen?
Ralph von Kiedrowski: Allergien sind die Volkskrankheit Nummer eins. Fast ein Viertel der Bevölkerung hat mindestens eine Allergie. Auch schon Kinder und Jugendliche sind betroffen, etwa 17 Prozent der 0- bis 17-Jährigen haben eine Allergie, jeder achte Jugendliche hat allergisches Asthma. Die Zahl der Allergie-Patienten ist innerhalb von acht Jahren um rund 70 Prozent gestiegen.
Was sind die häufigsten Allergien?
von Kiedrowski: Heuschnupfen, auch Gräser- und Getreide-Allergie vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Dann kommen die Allergien gegen Milben, gegen Tiere und gegen Pollen.
Wo liegen die Probleme bei der Behandlung Allergie-Kranker?
von Kiedrowski: Seit einiger Zeit bezahlen die Krankenkassen kaum noch die normalen Allergie-Medikamente. Die Patienten müssen diese selbst zahlen, auch wenn sie vorher bei einem Allergie-Facharzt, einem Allergologen, waren, müssen sie die Medikamente aus eigener Tasche bezahlen. Das hat katastrophale Folgen: Immer weniger Patienten gehen zu einem Allergologen. Sie kaufen die Medikamente und behandeln sich quasi selbstständig, ohne gesicherte Diagnose.

Ab wann sollte man zu einem Allergologen gehen, welche Symptome deuten auf eine Allergie hin?
von Kiedrowski: Viele Allergiker haben zumeist zu Beginn des Frühjahrs oder des Herbstes, wenn sie sich überwiegend draußen aufhalten, die typischen Symptome wie Augenjucken, laufende Augen und Niesreiz bis hin zu Atembeschwerden. Man sollte dann vom Arzt abklären lassen, gegen was man allergisch ist und wie die Allergie am besten behandelt wird.
Volkskrankheit Allergien



Wie sieht so eine Behandlung aus?
von Kiedrowski: Die speziell gegen die Ursache von Allergien gerichtete Behandlung ist die Immuntherapie, also die Impfung. Dazu muss aber genau ausgetestet werden, gegen was der Patient allergisch ist und was dann genau in die Spritze rein muss. Patienten, die sich selbst behandeln, laufen Gefahr, die Erkrankung zu bagetellisieren und nur die Beschwerden zu lindern, nicht aber etwas gegen die eigentliche Allergie zu machen.

Das heißt, viele Betroffene gehen zu spät zum Arzt?
von Kiedrowski: Viele gehen erst dann zum Arzt, wenn die Beschwerden immer größer werden, etwa wenn es zu Atembeschwerden kommt oder wenn Kreuzallergien hinzukommen, also etwa ein Pollenallergiker plötzlich auch die damit zusammenhängenden Lebensmittel nicht mehr verträgt. In solchen Fällen besteht aber die Allergie oft schon seit einigen Jahren. Je früher man sich behandeln lässt, umso größer sind die Erfolge.
Was passiert, wenn Allergien nicht behandelt werden?
von Kiedrowski: Die Krankheiten weiten sich aus. Vier von zehn Patienten mit Heuschnupfen bekommen Asthma, wenn sie nicht behandelt werden. Allergien wachsen sich auf jeden Fall nicht aus.
Woran liegt es, dass es heute so viele verschiedene Allergien gibt?
von Kiedrowski: Unsere Umwelt ist gegenüber früher viel sauberer geworden. Daher hat unser Immunsystem weniger zu tun, es hat also sein Tätigkeitsspektrum geändert, es reagiert jetzt auch auf Umwelteinflüsse, die es früher schon gab, aber keine Reaktionen ausgelöst haben.
Eine allergische Reaktion ist ja nichts anderes als eine ganz normale Abwehrreaktion des Körpers auf Fremdeiweiße, die nicht vom Körper gebildet wurden. Und manche Menschen reagieren eben auch auf harmloses, aber eben fremdes Eiweiß wie eben Pollen oder Nahrungsmittel.
Das heißt: Die ganze normale Abwehrreaktion schadet in dem Fall mehr, als sie nutzt. wie
Extra

Ralph von Kiedrowski, geboren 1961, ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Allergologie in Selters im Westerwald. Vor seiner Niederlassung war er Sanitätsoffizier im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz. Von Kiedrowski ist Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Dermatologen.