Garten : Im Schneeglöckchenfieber

TV-Garten im Februar: Im Corona-Lockdown haben viele Menschen das Gärtnern entdeckt. In Arbeit soll es aber nicht ausarten. Vorfrühlingsblüher, die sich zum Verwildern eignen, erfüllen diesen Wunsch. Vorneweg mischt das Schneeglöckchen mit.

Jan Willem Overmars beobachtet mit Freude, wie sich eine neue Art des Gärtnerns verbreitet. „Es ist eine noch ziemlich unbekannte ökologische Art des Gärtnerns“, erklärt der Niederländer. Historisch gesehen sei sie auf Landgütern und Landsitzen betrieben worden, eigne sich aber für jeden Hausgarten.

Er spricht vom Verwildern. Unkomplizierte Frühjahrspflanzen, vor allem Zwiebel- und Knollengewächse, bieten sich dafür an. Overmars betreibt einen Blumenzwiebelhandel. Das Familienunternehmen De Warande hat sich auf Stinsenpflanzen spezialisiert: „Stinsenpflanzen ist ein Sammelname für diese besondere Gruppe“, erklärt er. Darin steckt das friesische Wort „Stins“ für Burg oder Landsitz.

„Ungefähr ab dem 16. Jahrhundert hat man auf Landsitzen, rund um Schlösser und Landhäuser die Park-Wälder und Bäume mit solchen Frühlingsblumen unterpflanzt.“ Ganz ohne menschliches Zutun sind sie mit den Jahren verwildert. „Es gibt Orte, wo die ehemaligen Landhäuser nicht mehr stehen, aber die Stinsenpflanzen noch üppig blühen.“

Viele hätten noch die Vorstellung, Zwiebelblumen müssen im Herbst eingepflanzt und im Frühjahr nach der Blüte wieder rausgenommen werden, wundert sich der Niederländer. Sie seien dann ganz begeistert, dass man Stinsenpflanzen einfach sich selber überlassen kann. Besonders gut funktioniere das mit den Schneeglöckchen. „Sie wachsen beinahe überall und sind ideal zum Verwildern.“ Das gelte sowohl für das gewöhnliche Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), als auch für das Große Schneeglöckchen (Galanthus elwesii).

Als erste Blüher in Gärten und Parks sind die weißen Teppichbildner Pflanzen, die wohl jeder kennt. Doch die wenigsten würden sich vermutlich als Galanthophile bezeichnen. In dem Begriff für alle Schneeglöckchenliebhaber steckt die botanische Bezeichnung für die Zwiebelblume „Galanthus“. Erstmalig soll der bekannte britische Gärtner E.A. Bowles (1865-1954) einen befreundeten Schneeglöckchenbegeisterten in einem Brief so angesprochen haben.

Aus England ist die Welle der Begeisterung für die kleinen Vorfrühlingsboten im neuen Millenium nach Deutschland geschwappt. Auf der Insel hatte eine Sammelleidenschaft bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Einführung neuer Arten begonnen. Impulsgeber waren britische Soldaten, die eine neue Art (Galanthus plicatus) aus dem Krimkrieg mitbrachten. Man darf sich das Interesse wohl nicht als Botanisieren im Schützengraben vorstellen. Es erklärt aber jene urbritische Garten-Verrücktheit, die vielen Kontinentaleuropäern unverständlich bleibt.

Vor allem in den herrschaftlichen Parks der Herrenhäuser entstanden ganze Sammlungen und verwilderten. Da sich Schneeglöckchen leicht kreuzen, kann man in solchen Beständen die verschiedenartigsten Mutanten finden.

Zur Blütezeit unternehmen Galanthophile regelrechte Besichtigungs-Safaris und gehen vor den Schneeglöckchen auf die Knie. Mit geübtem Schneeglöckchengriff, bei dem man die Blüte an der grünen Fruchtknotenverdickung zwischen Zeige- und Mittelfinger nimmt und umdreht, inspizieren sie die Zeichnung.

Was genau sehen die Galanthophilen bei ihrer Untersuchung? An der einen entdecken sie eine große herzförmige Markierung im Inneren, an einer anderen formt die grüne Zeichnung ein X. Ein Big Boy ist sogar an den spitzen grün gestrichelt. Blonde Inge hat einen gelben Krönchenrand. Anhand der äußeren Merkmale lässt sich die Sorte bestimmen.

Schneeglöckchenblüten setzen sich aus zwei Kreisen von Blütenblättern zusammen. Die drei äußeren umschließen das Innere wie ein Tropfen, was die Briten zum englischen Namen „Snowdrop“ für Schneetropfen inspiriert hat. Scheint die Sonne, öffnen sich die sogenannten Außentepalen flügelartig. Jetzt wird es doch mehr ein Schneeglöckchen. Weil die Blüten an einem dünnen Stielchen, dem Pedikel aufgehangen sind, bewegen sie sich beim leisesten Windhauch. Das hat so etwas Liebreizendes, dass man die Begeisterung für die zarten Zwiebelblumen verstehen kann.

 Jan Willem Overmars beschäftigt sich als Blumenzwiebelhändler nicht nur von Berufs wegen mit Zwiebelblumen, die sich zum Verwildern eignen.
Jan Willem Overmars beschäftigt sich als Blumenzwiebelhändler nicht nur von Berufs wegen mit Zwiebelblumen, die sich zum Verwildern eignen. Foto: De Warande www.starkezwiebeln.de

Über 800 Sorten soll es weltweit geben. Bei Ebay-Auktionen werden Preise von mehreren hundert Euro für seltene Sorten geboten. Begehrte Sammlerstücke bekommt man häufig nur im Tausch gegen andere kostbare Sorten. Der Spaß an Schneeglöckchen lässt sich aber schon mit ein paar kleinen Nestern im Garten oder getopften Exemplaren auf dem Balkon genießen.