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Über die Aufgaben und Ziele des Nationalparkes Hunsrück-Hochwald

SZ-Serie: 5 Jahre Nationalpark Hunsrück-Hochwald : „Der Mensch überlässt den Park der Natur“

Harald Egidi, Leiter des Nationalparkamtes, erklärt die Aufgabe seines Amtes und die Aufgaben und Ziele des Nationalparkes.

2020 ist der Nationalpark Hunsrück-Hochwald fünf Jahre alt, blickt auf in kleines Jubiläum zurück. Nach und nach erobert sich die Natur das mehr als 10 000 Hekar große Gebiet zurück, zu dem auch Teil des Saarlandes gehören. Was hat sich in den fünf Jahren getan? Was ist das Besondere an dem Nationalpark? Eine der Fragen, die der Leiter des Nationalparkamtes, Harald Egidi, im SZ-Interview beantwortet.

Herr Egidi, Skizzieren Sie kurz die Eckdaten des Nationalparkes?

Harald Egidi: Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald ist 10 200 Hektar groß. Er erstreckt sich auf die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland. 90 Prozent seiner Fläche liegen in Rheinland-Pfalz, der Rest im Saarland. Er ist der einzige Nationalpark in Deutschland, der von Anfang an grenzüberschreitend angelegt wurde.

War das eine Herausforderung?

Egidi: Dieser grenzüberschreitende Nationalpark war eine juristische Herausforderung. Es gibt einen Staatsvertrag der beiden Bundesländer, der das Regelwerk beinhaltet. Und beide Länderparlamente haben ein Zustimmungsgesetz verabschiedet. Gegründet wurde der Park 2015, also vor fünf Jahren. Der Park selbst entwickelt sich über die Hochwald- und Hunsrückhöhen von Otzenhausen bis zur Wildenburg.

Beschreiben Sie einige Besonderheiten.

Egidi: Da sind zum einen die landschaftlichen Besonderheiten, die Wälder, die Felspartien und Rosselhalden, die Moore. Ganz fantastisch ist die kultur-historische Bedeutung des Hochwalds und Hunsrücks. Sie reicht zurück in die keltisch-römische Zeit. Eine Region mit langer Geschichte, nehmen Sie nur die keltische Festung von Otzenhausen. Wir können darstellen, wie der Mensch Besitz von der Natur genommen hat, wie er die Landschaft gestaltet hat und wie sich die Natur weiterentwickelt, wenn wir wieder loslassen.

Wie bei den Mooren?

Egidi: Die Moore wurden früher als Unland betrachtet, sie waren wirtschaftlich wertlos. Schon die Franzosen legten Entwässerungsgräben an. Wir haben in den vergangenen Jahren Grabensysteme geschlossen. Auf 120 Hektar haben wir Moore renaturiert. Die Auswirkungen werden wissenschaftlich untersucht. Wir versuchen, der Natur hier ein Stück weit Raum zu geben.

Denkt man an den Nationalpark Hunsrück-Hochwald, dann denkt man aber zunächst einmal an viel Wald.

Egidi: Kein Widerspruch. Viele verbinden mit dem Nationalpark einen geschlossenen Fichtenwald. Und haben dann bei ihrem Besuch ein Aha-Erlebnis. Denn Fichten wachsen nur auf einem Drittel der Fläche. Die Buche ist hier die heimische Baumart. Der Altbestand der Buche wächst auf 46 Prozent der Fläche, rechnet man die jungen Bäume hinzu, macht die Buche schon 55 Prozent des Bestandes aus. Sie erobert sich ihr Territorium zurück. Gäbe es Urwälder in Deutschland, dann wären dies Buchenwälder.

Trockene, heiße Sommer. Ist die Buche nicht aktuell in Gefahr?

Egidi: Die Buche leidet stark unter dem Klimawandel. Wenn die Situation so bleibt, wird die Buche in Hochlagen bleiben, in tieferen Lagen Probleme bekommen. Die Eiche aber profitiert. Wir beobachten die Entwicklung. Für uns ist der Nationalpark ein großes Freilandlabor. Wir gehen der Frage nach, wie organisiert sich der Wald.

Wie sieht es mit der Tierwelt aus?

Egidi: Aushängeschild und Maskottchen des Nationalparkes ist die Wildkatze. Der Park ist aber auch Heimat für das Rotwild, für den seltenen Schwarzstorch und verschiedene Spechtarten, um nur einige Tiere zu nennen.

Wie ist der Nationalpark organisiert?

Egidi: Als gemeinsame Landesbehörde auf beiden Seiten der Landesgrenze. Zugleich ist das Nationalpark­amt auch Forst- und Jagdbehörde. Das alles regelt der Staatsvertrag. Wir beschäftigen 60 Mitarbeiter. Die größte Gruppe mit 28 bilden die Ranger. Sie sind auch die Gesichter des Parks, sind sie doch auch die Gästeführer. Nicht zu vergessen die zertifizierten Nationalparkführer, die fester Bestandteil der Angebote sind und die man auch gezielt buchen kann. Dienstsitz des Nationalparkamtes ist in Birkenfeld, auf dem Umwelt-Campus in Birkenfeld ist der Neubau des Amtes vorgesehen. Wir arbeiten schon von Beginn an eng mit dem Umwelt-Campus zusammen.

Die wissenschaftliche Begleitung spielt eine wichtige Rolle?

Egidi: Dem ist so. Wir haben einen klaren Forschungsauftrag: Wie verändert sich die Waldstruktur, wie setzen sich die Arten zusammen, wie entwickeln sich Fauna und Flora? Da geht es auch um Langzeitforschung. Wir starten darüber hinaus mit der sozioökonomischen Forschung, gehen der Frage nach: Welche wirtschaftliche Entwicklung nimmt die Parkregion?

Welche Aufgaben hat der Nationalpark?

Egidi: Oberstes Ziel ist die ungestörte Entwicklung der Natur, sind die naturdynamischen Prozesse. Der Mensch zieht sich aus der aktiven Bewirtschaftung zurück und überlässt den Park der Natur. Darüber hinaus geht es um Umweltbildung, das Naturerleben, wie schon gesagt um Forschung und Monitoring. Nicht zuletzt soll vom Park ein Impuls für die Regionalentwicklung in strukturschwachen Räumen ausgehen. Das aber ist nicht auf einen Schlag zu erreichen.

Was meinen Sie damit?

Egidi: Der Nationalpark ist ein Entwicklungs-Nationalpark. Wir haben einen Übergangszeitraum von 30 Jahren. Das heißt, nach 30 Jahren soll auf 75 Prozent der Fläche die Wildnis-Entwicklung eingesetzt haben. Wir stehen jetzt schon bei 40 Prozent. Es wird auch kleinere Bereiche geben, in denen wir weiter aktiv sein müssen. Arnikawiesen zum Beispiel müssen gemäht werden. Macht man das nicht, werden sie verschwinden.

Sie haben die Renaturierung der Moore genannt, was hat sich im Park in den vergangenen Jahren denn noch verändert?

Egidi: Fichten-Bereiche in der Kernzone hat der Borkenkäfer gestaltet. Dort, wo Fichten abgestorben oder umgestürzt sind, wächst neues Grün. Rund um Wurzelstöcke sind kleine Biotope entstanden. Wir hatten auch mit 300 Kilometern eine hohe Wegedichte. Diese wollen wir in zehn Jahren um ein Drittel reduzieren. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Natur die Wegfallwege, so nennen wir sie, zurückerobert.

Ist der Park in der Region angekommen?

Egidi: Ja. Hunsrück und Hochwald sind bekannte Begriffe. Nationalparkgemeinden werben mit dem Label Nationalpark. Wir haben inzwischen mehr als 50 Partnerbetriebe, ein Label, auf das Gäste achten. Wir konnten schon einiges aufbauen: Wanderwege, Radstrecken, unsere App. Beliebt sind die Trecking-Camps. Nicht zu vergessen Info-Veranstaltungen und Führungen. Es sind noch nicht zigtausende Gäste gekommen. Es werden aber mehr. Wir haben noch nie so viele Menschen im Wald gehabt, wie in Corona-Zeiten.

Fünf Jahre Nationalpark: Sind Sie zufrieden?

Harald Egidi mitten im Wald mit dem Wildkatzen-Symbol des Parkes. Foto: Konrad Funk
Harald Egidi leitet seit der Gründung vor fünf Jahren das Nationalparkamt Hunsrück-Hochwald. Foto: Konrad Funk

Egidi: Ja. Der Ehrgeiz, das Projekt zum Erfolg zu führen, ist ungebrochen. Das aber braucht Zeit.