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Versunken in der virtuellen Welt

Versunken in der virtuellen Welt

Jugendliche sind mit Smartphone, Notebook oder Computer fast drei Stunden pro Tag im Netz: Das hat eine aktuelle Forsa-Umfrage ergeben. Die ständige Internetnutzung hat nicht nur negative Auswirkungen auf das soziale Verhalten der Zwölf- bis 17-Jährigen, sondern auch auf deren Gesundheit.

Wird die digitale Welt zum Fluch? Manche Eltern klagen bereits, ihren Kindern nicht mehr in die Augen schauen zu können, weil sie nur noch gesenkten Hauptes auf ihr Smartphone starren. Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge verbringt die Hälfte der Zwölf- bis 17-Jährigen nach Ansicht ihrer Eltern zu viel Zeit im Internet - mit negativen Folgen auch für die Gesundheit, wie die Techniker Krankenkasse (TK) erklärt.
Rund um die Uhr im Netz


TK-Vorstandschef Jens Baas hat es in der eigenen Familie erlebt. Während man gemeinsam mit der Tochter einen eineinhalb Stunden langen Film anschaute, waren auf deren Handy 200 Nachrichten von Mitschülern und Freunden aufgelaufen. Die Bundesarbeitsministerin wolle zwar eine Anti-Stress-Verordnung für Betriebe. Aber viele Jugendliche, so Baas, "kennen längst keinen Feierabend mehr, weil sie immer online sind". Deshalb müsse der Umgang mit den digitalen Medien bei der Gesundheitsförderung genauso in den Blickpunkt rücken wie eine sinnvolle Ernährung oder Stressbewältigung, forderte Baas.
Laut Forsa besitzen mittlerweile vier von fünf Jugendlichen ein eigenes Smartphone, das die mobile Nutzung des Internets gestattet. Knapp zwei Drittel verfügen über einen eigenen Computer oder ein Notebook. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede. Während in Baden-Württemberg und Bayern nur 55 Prozent der Jugendlichen einen eigenen Rechner haben, sind es bei den Spitzenreitern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 71 Prozent.
Der Umfrage zufolge begründen Jugendliche den Computer-Bedarf vor allem mit schulischen Notwendigkeiten. Davon lassen sich die Eltern zumeist überzeugen, was auch dazu führt, dass die Geräte in den Kinderzimmern häufig deutlich leistungsfähiger sind als die eigenen - und auch besser ausgerüstet, als es für die schulischen Anforderungen notwendig wäre. Im Schnitt sind Jugendliche täglich fast drei Stunden (179 Minuten) im Netz.
Laut Studie werden aber nur sieben von zehn jungen Leuten von ihren Eltern kontrolliert, was sie sich online anschauen und was nicht. Vier von zehn Jugendlichen dürfen ohne Limit surfen, bekommen von ihren Eltern also keine Vorschriften. Dabei plagt viele Mütter und Väter das schlechte Gewissen. Der Aussage, man müsste sich mehr um die Internet-Nutzung des Kindes kümmern, stimmen 25 Prozent zu. Und immerhin jeder zehnte Erziehungsberechtigte räumt ein, mit seinem eigenen Online-Verhalten kein gutes Vorbild für den Nachwuchs zu sein.
Sitzen Jugendliche nach einem langen Schultag in ihrer Freizeit auch noch lange vor dem Computer, bleibt das nicht ohne Folgen für die Gesundheit. Experten empfehlen mindestens eine Stunde Bewegung am Tag. Das schaffen aber gerade einmal drei von zehn Jungen und nur jedes fünfte Mädchen. Fast ein Fünftel der Jugendlichen, die laut ihren Eltern "deutlich zu viel" im Netz sind, leidet an Rückenschmerzen.
Bei Kindern mit unauffälligem Online-Verhalten ist es nur etwa jedes zehnte. "Jugendliche, deren Gehirn mangels Bewegung schlechter durchblutet ist, haben auch eine geringere mentale Leistungsfähigkeit", erklärte TK-Chef Baas. So leide fast jeder dritte Extremsurfer an Konzentrationsstörungen, ein Viertel klage über Kopfschmerzen. Auch Aggressivität und Schlafstörungen kämen bei den Betroffenen deutlich häufiger vor.
Klar ist allerdings auch, dass sich das digitale Zeitalter nicht zurückdrehen lässt. Was also tun? "Wie bei so vielen Dingen kommt es auf die richtige Dosis an", sagte Baas. "Was wir Medienkompetenz nennen, hat viel mit allgemeiner Lebenskompetenz zu tun."
So wie man ein Kind dazu anhalte, nicht mit Fremden mitzugehen, müsse man sich darum kümmern, was Kinder im Netz machten. "Und wenn sie im wirklichen Leben Anerkennung erfahren", so Baas, "ist die Gefahr geringer, dass sie zu tief in virtuelle Welten versinken."