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Was Experten auf Angst-Fragen im Zusammenhang mit der Corona-Krise sagen.

Kostenpflichtiger Inhalt: Psychologie : Was Experten auf Eure Fragen zum Thema Angst in der Corona-Krise antworten

Angst ist erst einmal positiv und sinnvoll. Sie ist ein Warnzeichen. Doch was, wenn die Angst überhand nimmt? Diese Fragen zum Thema Angst habt ihr den Psychologen am TV-Telefon gestellt. Diese Ratschläge konnten die Experten euch geben.

Ich lebe getrennt von meinem Mann. Meine Eltern betreuen unsere Kinder während ich arbeite. Jedes zweite Wochenende sind sie beim Vater. Ich habe aber Bedenken, sie zu ihm zu bringen, denn er hat einen Landwirtschaftsbetrieb und Kontakt zu Erntehelfern. Dadurch sind die Kinder meiner Meinung nach gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Und dann werden sie auch für meine alten und vorerkrankten Eltern gefährlich. Darf ich den Umgang der Kinder mit dem Vater aussetzen?

Ludger Brünnette, Diplom-Psychologe und Leiter der Lebensberatungsstelle des Bistums Trier in Wittlich: Einerseits ist klar, dass Sie Ihre Eltern und auch Ihre Kinder vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen möchten, so gut es geht. Andererseits wollen die Kinder wohl gerne zum Vater, und der Umgang ist durch gerichtliche Vereinbarungen festgelegt. Wenn, wie in Ihrem Fall, keine Erkrankung des Vaters vorliegt, keine ärztliche oder behördliche Einschränkung gesetzt ist, sollten Sie mit dem Vater absprechen, dass Ihre Kinder keinen Fremdkontakt während des Umgangswochenendes haben. Das ist sicherlich auch im Interesse des Vaters. Sie können aber auch mit ihm über Ihre Sorgen sprechen und ihm vorschlagen, dass er das Wochenende mit den Kindern zu einem späteren Zeitpunkt nachholt.

Ich, 70, fühle mich sehr fit, habe keine Vorerkrankungen und möchte meinen Lebensgefährten an Ostern treffen. Er möchte partout kein Treffen, da er Angst hat, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Er hat sich seit vierzehn Tagen selbst isoliert und hat keinerlei Kontakte zu Risikogruppen. Wie kann ich ihm die Angst nehmen?

Stefanie Stahl, Diplom-Psychologin und Bestseller-Autorin in freier Praxis in Trier: Seine Angst scheint übertrieben zu sein. Ich sehe kein Problem, dass Sie ihn Ostern treffen. Betrachten Sie gemeinsam mit Abstand und Vernunft die Situation. Man sollte nicht aus der Angst heraus handeln. Wenn sie beide keine Vorerkrankungen und keine Kontakte zu Risikogruppen und generell schon sehr isoliert leben, dürfte die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung gering sein.

Unsere Tochter studiert in Trier, sie wohnt auch dort. Ich möchte so gerne mit ihr in unserem Garten einen Kaffee trinken. Mein Mann ist dagegen, er hat Angst, sie könnte uns anstecken.

Stahl: Dann soll Ihr Mann im Haus bleiben, und Sie trinken mit Ihrer Tochter einen Kaffee. Mit ausreichend Abstand ist das kein Problem.

Wir hatten alle die Grippe, meine Frau, unsere Töchter und ich, sind aber wieder gesund. Ich habe Angst, dass es Corona war. Unser Hausarzt sagt nein. Wo bekommen wir einen Test her?

Stahl: Sprechen Sie nochmal mit Ihrem Arzt und vertrauen Sie ihm. Er wird sich auskennen.

Ich habe riesige Angst mich anzustecken?

Birgit Weinmann-Lutz, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, stellvertretende Leiterin der Psychotherapieambulanz an der Universität Trier: Angst ist erst einmal positiv und sinnvoll. Sie ist ein Warnzeichen. Angst beschützt mich, dass ich vorsichtig bin. Aber wird die Angst zu viel, dann kann sie quälen. Wenn Sie Vorsichtsmaßnahmen treffen, wie Abstand halten und regelmäßig Hände waschen, und Sie erkennen, dass Ihre Angst übertrieben ist, sollten Sie sich von dem Zuviel an Sorge distanzieren. Das kann gelingen, indem Sie sich selbst beruhigen und überlegen, wie Sie früher Ängste bewältigt haben.

Ich sorge mich sehr um die Zukunft, kann nachts kaum noch schlafen?

Weinmann-Lutz: Wichtig ist, die sprichwörtliche Kirche im Dorf zu lassen. Sie sollten prüfen, ob die Verhältnismäßigkeit stimmt. Um mit der Angst besser umgehen zu können, kann ein strukturierter Tagesablauf helfen oder positive Dinge am Tag einzuplanen – ein Buch lesen, Musik hören oder einen Spaziergang machen. So bringen Sie sich in eine andere Gedankenwelt. Und schauen Sie sich nicht jedes Zahlen-Update an. Man muss auch Pause vom Informieren machen.  Aber erlauben Sie sich auch, mal ängstlich und verzweifelt zu sein.

Ich leide furchtbar unter dem Kontaktverbot. Haben Sie einen Tipp wie ich damit klarkommen kann?

Weinmann-Lutz: Unter dem Kontaktverbot leiden viele Menschen. Halten Sie Kontakt auf anderem Weg: Schreiben Sie einen Brief, nutzen Sie die neue Möglichkeit etwa der Videotelefonie. Und denken Sie daran: Irgendwann wird es wieder vorbei sein, und dann werden Sie staunen, was Ihnen die Krise Positives gebracht hat.

Ich kann meine Enkel nicht sehen, weil mein Sohn mich schützen möchte. Es bricht mir das Herz. Wir telefonieren zwar, aber damit komme ich nicht klar.

Soi Papanastasiou, Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in der Ehe-, Familie- und Lebensberatungsstelle der Diakonie in Trier: Ihre Sehnsucht können Sie vielleicht etwas besser stillen, indem Sie Skype oder Facetime nutzen und die Kinder zumindest auf dem Bildschirm sehen können. Oder dass Sie Fotos von den Kindern erhalten. Wichtig ist auch, dass die Eltern mit den Enkeln sprechen und aufklären, warum ein direkter Kontakt derzeit nicht möglich ist.

Unsere Tochter fragt ständig nach dem Coronavirus. Wir haben ihr das schon so oft erklärt. Sie macht sich wohl zu viele Sorgen. Was können wir tun?

Papanastasiou: Es ist eine unsichere Zeit. Und Unsicherheiten kommen immer wieder, sie begleiten Kinder wie Erwachsene. Von daher ist es wichtig, in der aktuellen Situation sehr nah am Kind zu sein und immer wieder Fragen zu beantworten. Nehmen Sie die Sorgen ernst und sprechen Sie offen mit Ihrer Tochter über die Situation. Und beruhigen Sie sie, indem Sie ihr sagen, dass auch einiges getan werden kann, um sich nicht anzustecken.