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Was Sie bei einer Scheidung wissen sollten

Soziales : Das verflixte Jahr — Scheidung und nun?

Anja Ruland arbeitet als Anwältin für Familienrecht in Trier. Mit dem TV sprach sie über häufige Trennungsgründe, Scheidungskosten und darüber, was Paare, die sich scheiden lassen wollen, wissen und unbedingt vermeiden sollten.

Von den rheinland-pfälzischen Familiengerichten wurden im Jahr 2019 insgesamt 8008 Ehen geschieden. Das ist die aktuellste Zahl des Statistischen Landesamtes, die es derzeit gibt. Damit lag die Zahl der Scheidungen nur geringfügig unter der des Vorjahres (17 Scheidungen weniger). Schaut man jedoch weiter zurück, in die Anfänge dieses Jahrtausends, ergibt sich ein Rückgang von rund 30 Prozent. Und das siebte Jahr scheint nicht mehr so verflixt zu sein. Bundesweit erhobene Daten verraten, dass Ehen in Deutschland im Schnitt im fünfzehnten Jahr geschieden werden.

Frau Ruland, laut Statistiken sind Scheidungen rückläufig. Woran liegt das?

Ruland: Zum einen gibt es weniger Ehen als früher, zum anderen halten sie durchschnittlich länger. Vielleicht liegt es daran, dass die Gründe, zu heiraten, heute andere sind als früher. Ein gemeinsames Kind ist ein schöner Grund, um zu heiraten, aber ein gesellschaftlicher Zwang besteht zum Glück nicht mehr.

Die Zahlen sagen auch, dass das siebte Jahr nicht mehr verflixt ist. Die meisten Ehen werden nach etwas mehr als vierzehn Jahren geschieden. Was passiert im 15. Jahr?

Ruland: Ich glaube nicht an das „verflixte Jahr“. Es gibt viele Ehen, die nach mehr als 20 Jahren geschieden werden, und viele, die weit vor dem 14. Jahr der Ehe geschieden werden.

Sie arbeiten als Anwältin für Familienrecht. Was hat Sie dazu motiviert?

Ruland: Dass ich mit vielen, unterschiedlichen Menschen zu tun habe. Im Familienrecht ist der Kontakt zu den Mandanten ein anderer als bei der Abwicklung eines Verkehrsunfalls mit Blechschaden. Und ich habe Glück, in der Kanzlei Adrian und Becker angestellt zu sein. Dort profitiere ich von der langjährigen Erfahrung Karin Adrians.

Was sind die drei häufigsten Trennungsgründe?

Ruland: In langen Ehen kommt es häufig vor, dass sich die Paare auseinandergelebt haben. Menschen verändern sich im Laufe der Jahre und entwickeln sich weiter - und manchmal passen sie dann nicht mehr zusammen. Häufig wird auch über Geld, mangelnde Kommunikation, Interessenlosigkeit gestritten. Oder ein neuer Partner kommt ins Spiel.

Wer plötzlich mit einer Trennung konfrontiert ist, steht in der Regel vor einem Berg an Fragen. Was sollte zuerst geklärt werden?

Ruland: Es kommt auf den Einzelfall an. Sind Kinder da, sind beide berufstätig, gibt es Immobilien, eine Firma? Wichtig ist, unmittelbar nach der Trennung die Wohnsituation und den Unterhalt zu klären.

Braucht man zwingend einen Anwalt oder eine Anwältin?

Ruland: Ja, den Scheidungsantrag kann nur ein Anwalt stellen. Es herrscht ein sogenannter Anwaltszwang. Nur bei einer einvernehmlichen Scheidung reicht es aus, dass nur eine Partei einen Anwalt beauftragt. Die andere kann dann einer Scheidung zustimmen.

Auf was sollte man bei der Wahl eines Anwalts oder einer Anwältin unbedingt achten?

Ruland: Grundsätzlich rate ich dazu, einen Fachanwalt zu konsultieren.

Ist der Antrag gestellt, wie geht es dann weiter?

Ruland: Dann muss ein Gerichtskostenvorschuss gezahlt werden, damit das Gericht der Gegenseite den Antrag zustellt. Anders ist dies bei Verfahrenskostenhilfe, dann entfällt der Vorschuss. Wurde der Antrag der Gegenseite zugestellt, werden beide Parteien aufgefordert, Fragen zum Versorgungsausgleich zu beantworten. Der Versorgungsausgleich, das heißt der Ausgleich, der während der Ehezeit erworbenen Rentenanwartschaften, ist gesetzlich vorgeschrieben. Ausnahmen gibt es beispielsweise bei sogenannten Kurzzeitehen, also Ehen, die bis zur Zustellung des Scheidungsantrags noch keine drei Jahre dauerten.

Und was, wenn einer der beiden sich nicht scheiden lassen möchte?

Ruland: Voraussetzung, dass eine Ehe geschieden wird, ist das Scheitern der Ehe. Stimmt einer der beiden einer Scheidung partout nicht zu, bleibt letztlich Paragraph 1566 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches: ´Es wird unwiderlegbar vermutet, dass die Ehe gescheitert ist, wenn die Ehegatten seit drei Jahren getrennt leben´. Eine Ehescheidung lässt sich einseitig dauerhaft nicht verhindern.

In Deutschland ist eine Zeit der Trennung Voraussetzung, um geschieden werden zu können. Was gilt als getrennt? 

Ruland: Das ist nicht ganz einfach. Oftmals trennen sich Paare, sie können sich aber nicht sofort räumlich trennen. Etwa wenn die Miete für eine weitere Wohnung nicht aufgebracht werden kann. Auch wenn der Auszug eines Ehepartners nach außen hin ein klares Zeichen für eine Trennung ist, ist er nicht unbedingt erforderlich. Die Ehepartner können auch in der gemeinsamen Immobilie getrennt leben. Voraussetzung ist, dass nicht mehr gemeinsam gewirtschaftet wird.

Um was streiten Paare während Scheidungsverfahren am meisten?

Ruland: Um den Unterhalt für den Ehepartner und für die gemeinsamen Kinder. Und es kommt häufig zu Streit um das Vermögen, also um den Zugewinnausgleich.

Wie lange dauert es durchschnittlich vom Tag der Trennung bis zur Scheidung?

Ruland: Wenn die Parteien sich einig sind und sich nicht um Unterhalt, Kinder oder Vermögen streiten, kann es nach Ablauf des Trennungsjahres schnell gehen. Die meiste Zeit brauchen die Rententräger zur Berechnung des Versorgungsausgleichs.

Und was kostet eine Scheidung?

Ruland: Der sogenannte Verfahrenswert errechnet sich für die Scheidung aus dem dreifachen monatlichen Nettoeinkommen beider Ehegatten, wobei der Mindestwert 3000 Euro beträgt. Es kommt also auf das jeweilige Einkommen an. Der Verfahrenswert ist nicht das, was der Mandant zahlen muss, sondern nach diesem Wert werden dann die anfallenden Anwaltsgebühren und Gerichtskosten bestimmt.

Wenn Sie Paaren, die sich trennen, einen einzigen Tipp geben dürften. Welcher wäre das?

Anja Ruland,  Anwältin für Familienrecht.
Anja Ruland,  Anwältin für Familienrecht. Foto: TV/Privat

Ruland: Wenn Kinder da sind, sollten diese vor allem im Blick behalten werden und nicht im ´Kampf´ gegen den anderen instrumentalisiert werden. Das passiert leider zu oft!