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„Wenn Kinder den Kontakt zu den Eltern abbrechen“.

Telefonaktion : Seit Jahren kein Kontakt zum Sohn – was tun?

Expertinnen beantworteten pausenlos Leserfragen am TV-Telefon zum Thema „Wenn Kinder den Kontakt zu den Eltern abbrechen“.

Stress mit den eigenen Kindern? Dazu haben sich viele Betroffene gemeldet. Hier eine Auswahl an Fragen und Antworten:

Ich habe seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr zu meinem Sohn. Ich weiß bis heute nicht, warum. Geschenke und Briefe, die ich zu Geburtstagen und Weihnachten schicke, kommen alle ungeöffnet zurück. Was kann ich tun?

Soi Papanastasiou, Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Diakonie in Trier: Es ist schwer zu ertragen, wenn Kinder den Kontakt abbrechen. Aber dies geschieht selten von heute auf morgen, sondern einem Kontaktabbruch geht meist ein langer Entscheidungsprozess voraus. Oft wird dieser Schritt seitens der Kinder als Befreiungsschlag gesehen, als Schritt, um aus alten Mustern und der Beziehung zu den Eltern herauszukommen. Manchmal auch als Schutz, um mit Kränkungen, welche das Kind als solche empfunden hat, umgehen zu können. Häufig wird der Kontaktabbruch als „Auszeit“ gesehen, um sich selbst zu finden und um dann auch wieder auf die Eltern zuzugehen. Die meisten Kontaktabbrüche sind nicht für immer. Ihnen bleibt zurzeit mit anderen darüber zu sprechen und immer mal wieder vorsichtig Kontakt aufzunehmen. Statt großer Geschenke können Sie eine Karte schreiben. Damit signalisieren Sie: Ich denke an dich. Es ist auch überlegenswert, den Versuch, Kontakt aufzunehmen, für eine kurze Zeit komplett einzustellen, um zu signalisieren, dass Sie die Entscheidung Ihres Sohnes respektieren.

Meine beiden Kinder haben den Kontakt zu mir abgebrochen. Sie werfen mir vor, dass ich sie psychisch und physisch misshandelt habe. Ja, ich habe Fehler gemacht, aber dieses harte Vorgehen, verstehe ich einfach nicht. Soll ich den Kindern zu den Geburtstagen schreiben?

Andrea Windau, Bachelor of Arts (B.A.) Bildungswissenschaften und Mitarbeiterin der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Palais e.V. in Trier: Ja, wichtig ist es, in Kontakt zu bleiben. Briefe oder Postkarten könnten den Weg zu einem Gespräch ebnen. Es ist vielleicht viel Geduld nötig, aber sie lohnt sich immer.

Meine Stieftochter ist 60 Jahre alt und hat nach über 30 Jahren, in denen wir nichts von ihr gehört haben, plötzlich angerufen und wünscht sich Kinderbilder. Wie sollen wir uns verhalten?

Windau: Es könnte der Anknüpfungspunkt für eine Versöhnung sein. Eltern sollten ihre Kinder immer wieder aufnehmen, wenn diese sich melden oder auf sie zukommen, ohne Vorwürfe und ohne zu viele Fragen. Ein behutsames Miteinander muss dann gelernt werden.

Nach unserer Scheidung wollen die Kinder lieber beim Vater bleiben. Er hetzt die Kinder gegen mich auf, damit sie nicht mehr zu mir wollen. Was kann ich tun?

Lisa Feils-Endres, Diplom-Pädagogin in der Lebensberatung des Bistums Trier in Hermeskeil: Gerade während einer Trennung und Scheidung kann es in sehr schwierigen Fällen, wenn Eltern sich heftig streiten, zu einem Kontaktabbruch zu einem Elternteil kommen. Die Kinder geraten dann in extreme Loyalitätskonflikte. Da sind keine einfachen Lösungen zu finden und es empfiehlt sich, professionelle Hilfe etwa in Familienberatungsstellen in Anspruch zu nehmen.

Ich habe schon viele Jahre keinen Kontakt mehr zu meiner Tochter. Mit dem Abstand von zehn Jahren sehe ich, dass vieles falsch gelaufen ist. Ich würde mich gerne entschuldigen. Soll ich nochmal einen Brief schreiben?

Feils-Endres: Ja, das kann sehr hilfreich sein, auch dann, wenn man keine Antwort mehr erwartet. Denn es kann entlasten, sich das alles mal von der Seele zu schreiben. Wenn die Bereitschaft da ist, es mit Abstand nochmal zu versuchen, ohne Vorwürfe, mit offenem Ohr und auch der Offenheit eigene Fehler einzugestehen, kann ein Neuanfang möglich werden – wenn das Gegenüber das zulässt. Grundsätzlich besteht auch die Möglichkeit, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen oder zu gründen, dazu kann man Hilfe bei der Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle in Trier (www.sekis-trier.de) erhalten.

Mein Sohn, Mitte 40, hat vor vier Jahren plötzlich und ohne Streit den Kontakt komplett zu mir abgebrochen. Ich weiß bis heute nicht, was er mir, seinem Vater, vorwirft. Die Situation belastet mich sehr.

Feils-Endres: Leider erleben das viele Eltern. Sie erfahren den Grund für den Kontaktabbruch nie und quälen sich mit Gedanken, weil sie es nicht verstehen können. Abschließen kann man mit dem Kontaktverlust nie. Helfen könnte es, den Grund zu verstehen. Auch hier könnte der Austausch mit Eltern, die das auch durchmachen müssen, etwas entlasten oder Gespräche in einer Familienberatungsstelle könnten helfen. 

Viele Leserinnen und Leser kamen während der TV-Telefonaktion nicht durch. Hilfe können „verlassene Eltern“ beispielsweise bei den Lebensberatungsstellen erhalten.