Wenn Schule krank macht

Die Situation ist alarmierend: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an psychischen Erkrankungen. Auch Schule spielt dabei eine Rolle. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Qualität des Unterrichts, Mobbing und das Klassenklima massiv auf die Gesundheit von Schülern auswirken. In einer Serie beleuchtet der Trierische Volksfreund unterschiedliche Aspekte dieses Problems.

Dresden/Schweich. Ein- bis zweimal täglich behandelt die Kinder- und Jugendärztin Agathe Traut aus Schweich ein Kind, das unter Schulstress oder -angst leidet. Unklare Bauchschmerzen, Sehstörungen, Kopfschmerzen und Herzrasen sind einige der Symptome, die sich bei den jungen Patienten zeigen. "Dahinter stecken oft psychosomatische Beschwerden, die durch eine Überforderung in der Schule enstehen - häufig durch Mobbing oder weil das Kind in Mathe nicht so gut ist", sagt Traut.

Dass Schule krank machen kann, bestätigen Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) Dresden. Im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sie untersucht, wie Schule die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinflusst. "Viele der befragten Kinder und Jugendlichen litten unter Ängsten, depressiven Symptomen und psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen", berichtet Psychologe Ludwig Bilz von der TU Dresden. "Darunter sind viele Mädchen ab der siebten Klasse."

Die Folgen: enormer Leidensdruck und Beeinträchtigungen. Laut Bilz sind depressive Schüler weniger belastbar, und es fällt ihnen schwerer, sich zu konzentrieren. Sie fehlen häufiger, und das soziale Miteinander leidet.

Unterricht soll nicht überfordern



"Generell nehmen psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu", sagt der Experte. Für die Entstehung seien immer mehrere Dinge verantwortlich. Stressfaktoren, die zum Ausbruch psychischer Erkrankungen führten, könnten auch von der Schule ausgehen.

Besonders gefährdet seien Opfer von Mitschüler-Mobbing. Aber auch die Faktoren Lernklima und die Unterrichtsqualität spielten eine Rolle: Die Forscher haben herausgefunden, dass sich das Risiko für psychische Beeinträchtigungen erhöht, wenn Schüler sich überfordert fühlen.

Und nicht die Schul- und Klassengröße seien entscheidend, sondern vielmehr das Klassenklima und die Unterrichtsqualität.

Was muss sich ändern? "Ziel sollte es sein, dass Kinder und Jugendliche nicht trotz, sondern gerade wegen der Schule gesund bleiben", sagt der Dresdner Psychologe.

Die Studie habe auch gezeigt, dass eine Absenkung und sogar Vorbeugung von Beschwerden mit einem gut ausbalancierten, nicht überfordernden Unterricht einhergingen.

Weiter sei ein auf individuelle Voraussetzungen abgestimmter Unterricht, "der alle mitnimmt", wichtig. "Mit einem Schulklima, das Gewalt und sozialer Ausgrenzung entschieden entgegentritt. Mit engagierten Lehrern, die auf Unterstützung durch Kollegen, Schulleiter und -psychologen zurückgreifen können. Und mit einem Schulprogramm, das die Gesundheit von Schülern und Lehrern als ein wichtiges Ziel definiert, kann Schule zu einem gesundheitsförderlichen Ort werden", sagt Bilz.

Der TV behandelt in einer fünfteiligen Serie das Thema "Schulangst und -stress - Wenn Schule krank macht". Nächste Woche: Eine ehemalige Trierer Lehrerin behauptet, dass das Schulsystem den Bedürfnissen von Kindern nicht gerecht wird und viele Schüler daran erkranken. Extra Die HBSC-Studie (Health Behaviorist in School-Age Children) wird international in über 40 Ländern im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt und untersucht mit Erhebungen im Abstand von vier Jahren die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten von Schülerinnen und Schülern im Alter von elf bis 16 Jahren. Forschungsschwerpunkt der Technischen Universität Dresden war der Zusammenhang von Schule und psychischer Gesundheit. Literatur: Ludwig Bilz, "Schule und psychische Gesundheit!", ISBN 978-3-531-15986-7.