Zwischen Baum und Borke

Die Suche nach dem richtigen Anwalt ist nicht immer leicht. Viele Rechtsschutzversicherungen verfügen über ein Netzwerk an Anwälten, das ihre Kunden in Anspruch nehmen können. Doch Mandanten sollten abwägen: Der Vertragsanwalt kann in Konflikte geraten.

Berlin. Die Auswahl ist groß. Rund 150 000 Rechtsanwälte gibt es in Deutschland. Für manchen Mandanten kann das ein Problem sein, denn wie soll er aus diesem Heer den passenden Anwalt für sein Problem finden? Hilfe bekommen Verbraucher unter anderem von ihrer Rechtsschutzversicherung.
"Viele Menschen rufen bei der Hotline ihrer Rechtsschutzversicherung an und holen sich dort Rat", sagt Herbert Peter Schons, Vizepräsident des Deutschen Anwaltvereins (DAV) in Berlin. In der Regel bekommen Kunden dort auch die Adresse eines Rechtsanwalts, mit dem die Versicherung eng zusammenarbeitet. Allerdings ist der Vertragsanwalt nicht in jedem Fall der optimale Rechtsbeistand.
Viele Rechtsschutzversicherungen verfügen über ein Netzwerk von Anwälten und Kanzleien. "Ein solches Netzwerk kann den Unternehmen helfen, die Kosten niedrig zu halten", erklärt Christian Lübke vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Denn die Anwälte seien Spezialisten auf dem jeweiligen Rechtsgebiet und zudem mit den Arbeitsabläufen der Versicherungen vertraut.
Für die Verbraucher sei diese enge Zusammenarbeit zwischen Versicherungen und Vertragsanwälten daher auch grundsätzlich positiv, findet Monika Maria Risch, Fachanwältin für Versicherungsrecht. Ein Anruf bei der Hotline könne Versicherungsnehmern Orientierung geben. Das gelte insbesondere dann, wenn sie bisher noch nie anwaltliche Hilfe benötigten. Eine Einschätzung, die GDV-Experte Lübke teilt: "Die Kunden schätzen es, dass sie einen Anwalt empfohlen bekommen und nicht selbst einen geeigneten Rechtsbeistand suchen müssen."

Nicht immer die beste Wahl


Möglicherweise kann es sogar einen finanziellen Vorteil für die Kunden haben, zu einem Vertragsanwalt zu gehen. Manche Unternehmen würden in einzelnen Fällen schon mal auf die Selbstbeteiligung verzichten, weiß Peter Schons. Allerdings muss ein Vertragsanwalt nicht immer die beste Wahl sein. "Problematisch wird es immer, wenn es zu Konflikten mit der Versicherung kommen kann", erklärt Fachanwältin Risch. So habe ein Mandant kürzlich ein Problem mit seinem Vermieter gehabt und deswegen Rechtsberatung in Anspruch genommen. Die Rechtsschutzversicherung will die Kosten jedoch nicht übernehmen, weil ihrer Ansicht nach für solche Fälle kein Versicherungsschutz besteht.
Für einen Anwalt aus dem Netzwerk einer Versicherung könne ein solcher Fall zum Problem werden, sagt Risch. "Der Anwalt steht zwischen Baum und Borke." Zum einen müsse er dem Mandanten raten, gegebenenfalls auf dem Rechtsweg gegen den Versicherer vorzugehen, damit er eine gerichtliche Klärung herbeiführen kann. Andererseits dürfte der Vertragsanwalt an der Führung eines solchen Prozesses gehindert sein, da er ja selbst einen Vertrag mit dem Rechtsschutzversicherer habe.
Versicherte sollten daher abwägen, ob sie den empfohlenen Vertragsanwalt aufsuchen oder sich einen eigenen Rechtsvertreter suchen. "Grundsätzlich gilt das Recht der freien Anwaltswahl", sagt Christian Lübke vom GDV.