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Kriminalität
Tatort Albertinum: Mehr Fälle, mehr Opfer

Ehemalige Schüler erzählen von dem, was jahrelang hinter diesem Zaun vorgegangen sein soll. Das Albertinum in Gerolstein steht heute leer.
Ehemalige Schüler erzählen von dem, was jahrelang hinter diesem Zaun vorgegangen sein soll. Das Albertinum in Gerolstein steht heute leer. FOTO: TV / Mario Hübner
Gerolstein. Das Bistum Trier hat weitere Fälle von sexuellem Missbrauch eingeräumt. Unsere Reportage widmet sich exemplarisch dem einstigen Internat in Gerolstein. Die Betroffenen beschuldigen Mitarbeiter, die vormals als unbescholten galten – und fragen nach einer Mitschuld der Kirche. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Die Vorhänge sind offen. Sind sie immer. Manchmal schaut er nur zu, wie sie sich die Schüler duschen. Und manchmal dreht der Direktor des Albertinums das Wasser eiskalt. Dann hält er den Strahl der Brause direkt auf die Genitalien seiner Schützlinge, sieht ihnen zu, wie sie sich winden. Doch an diesem Tag hat der Leiter des Gerolsteiner Internats etwas anderes im Sinn. So erinnert sich ein heute 78-Jähriger.

Der Internats-Leiter geht in die Kabine. Alle sind nackt, nur der Leiter trägt einen Talar. Die Kinder weichen vor dem Gottesmann zurück. Sie wollen sich nicht untersuchen lassen. Nicht wieder. Doch der Direktor kann sich nicht mit allen anlegen. Also schlägt er Zweien ins Gesicht. „Ihr seid die Schlimmsten“, sagt er und scheucht alle Jungs aus der Kabine. Alle bis auf zwei. Einer von ihnen: der heute 78-Jährige.

Der Direktor sperrt den Raum zu, in dem vor wenigen Minuten Dutzende verschwitzte Leiber standen. Wasserdampf bildet Schwaden, setzt die Lunge zu, macht das Atmen schwer. Der einzige Ausweg: das Kellerfenster, aus dem die Schüler türmen. Sie laufen in ein Café mit einer Telefonzelle. Dort wählt der heute 78-Jährige die Nummer des Großvaters. „Pack deine Sachen“, sagt der am Telefon: „Ich hol dich raus.“ Noch am selben Tag steht der alte Herr vor der Tür. Und mit dem Taxi geht es weg vom „Knast“, Richtung zu Hause: „Ich hatte Glück, war raus aus der Hölle.“

Seine Erzählungen reihen sich in die anderer mutmaßlicher Betroffener ein, die in den vergangenen Monaten mit dem TV gesprochen haben. Seit der Veröffentlichung eines Artikels über sexuellen und körperlichen Missbrauch im Gerolsteiner Internat Albertinum haben sich Dutzende ehemalige Schüler bei der Redaktion gemeldet. Ihre Geschichten passen zu dem, was das Bistum jüngst auf TV-Anfrage bestätigte. Dass nicht nur einer der Direktoren des Internats die ehemaligen Schüler geprügelt, gedemütigt und sexuell missbraucht haben soll. Laut Bistumssprecherin Judith Rupp gebe es inzwischen Vorwürfe gegen alle drei Männer, die das Albertinum von den 1940er Jahren an leiteten.

Die mutmaßlichen Taten liegen lange zurück, die jüngsten sollen sich Ende der Siebziger ereignet haben. Inzwischen sind die früheren Leiter gestorben. Ein Straf- oder Disziplinarverfahren komme daher nicht mehr infrage, schreibt Rupp. Die Aufarbeitung dessen, was sich wohl jahrzehntelang im Albertinum abgespielt hatte, wolle man aber weiter verfolgen. Zudem laufe ein Antrag auf finanzielle Leistungen in Anerkennung des Leids. Ein weiterer wurde bewilligt.

Es gibt einige, denen das nicht reicht.

Der Lehrer: Manchmal fragen sich die Leute, warum er nicht weinen könne, sagt Marzellus Boos. „Ich habe gelernt, mich in mir selbst zu vergraben“, so drückt er es aus. Diesen Reflex, seine Gefühle zu verbergen, habe er aus Internatszeiten. Gewalt habe im Albertinum zum System gehört, sagt der ehemalige Schüler und heutige Lehrer. Respekt vor Autorität: Den hätten die Verantwortlichen versucht, in Schützlinge hineinzuprügeln: „Und so wurden wir verschlagene Typen.“

Boos war bis zum Abitur auf dem Gerolsteiner Gymnasium und lebte so lange im Albertinum. Dann „schaffte ich es aus dem Knast“, sagt er. Bei seinem Bruder sei es anders gewesen. Der sei zwar schon nach der mittleren Reife abgegangen, habe es aber „nie rausgeschafft“. Zeit seines Lebens habe er nicht verwunden, was ihm im Albertinum passiert sei, habe Depressionen entwickelt und sich Jahre später das Leben genommen.

Für Boos ist die Auseinandersetzung mit dem Internat also etwas Persönliches. Er gibt aber nicht nur den mutmaßlichen Tätern, den Leitern und Oberpräfekten, die Schuld, sondern auch dem Bistum. „Die Institution hat versagt“, sagt Boos. Was er der Kirche vor allem vorwirft, ist, dass sie so viele Jungs in die Obhut weniger pädagogischer Dilettanten gesteckt hätten. „Die hatten keinerlei Ausbildung und das bei einem Erziehungsverhältnis von eins zu 40“, sagt der Lehrer: „Die waren überfordert, wussten nicht, wie sie unser Herr werden sollten.“

Also hätten die Direktoren und Präfekten zur Gewalt gegriffen, um sich Autorität zu verschaffen. Ansonsten hätten sich die Leiter und Betreuer, die auch Erzieher sein sollten, kaum für die Schüler interessiert: „Wir sollten satt und sauber sein. Mehr nicht.“ Es habe keinerlei Hilfe gegeben, höchstens Kopfnüsse: „Anregungen, eigene Fähigkeiten zu erkennen und zu entwickeln, gab es keine.“ Also habe man sich gegenseitig erzogen, „was meistens nicht gut ging.“

Die Erfahrung im Albertinum habe ihn auch in seiner späteren Laufbahn als Lehrer, unter anderem am Prümer Regino-Gymnasium, geprägt. „Ich wollte den Schülern das zurückgeben, was ich im Internat nicht bekommen hatte: Zuwendung und Verständnis.“

Dass Generationen von Schülern dies verwehrt blieb, sei mit Geld nicht gutzumachen, meint der Lehrer: „Von der Schuld kann sich das Bistum nicht freikaufen.“ Was er sich stattdessen wünschen würde, wäre eine Entschuldigung an alle, die das hätten durchmachen müssen. Und noch wichtiger: ein Eingeständnis der Schuld: „Wem verziehen werden soll, der muss bekennen.“

Das Bistum setzte sich inzwischen immerhin mit der Frage nach der Mitschuld auseinander, schreibt Pressesprecherin Judith Rupp auf TV-Anfrage. „Mitschuld“ setze aber ein bewusstes Handeln oder Unterlassen der Verantwortlichen voraus. Dies aus heutiger Sicht zu bewerten, sei schwierig, die Aktenlage dünn.

Rupp räumt aber ein: „Eine Personalisierung mit solch mangelnder pädagogischer Qualifizierung in der Leitung eines Internats wäre heute nicht mehr vorstellbar.“ Mit dieser Erklärung ist Boos alles andere als zufrieden: „Da ist es wieder, das Abwiegeln, sich auf die Aktenlage beziehen. Das ist eine Frechheit.“

Diese Einstellung verbindet zwei Männer, die sich nicht kennen, die aber ein ähnliches Schicksal teilen.

Der Stifter: Wenn Pater P. kam, wussten die Schüler, was sie erwartete: Minutenlange „Verhöre“ im Beichtstuhl, die sich fast ausschließlich um das Thema Sex drehten. Viel wussten die Kinder dazu nicht zu erzählen, hatten sie ja meist nur Erfahrungen mit sich selbst gemacht. Doch der Priester wollte alles haarklein erfahren. Heute vermutet Herbert Steffen, dass die Schilderungen den Pater erregt haben. Es ist eine der bleibenden Erinnerungen, die der ehemalige Schüler mit seiner Zeit im Albertinum von 1947 bis 1957 verbindet, aber längst nicht die einzige negative.

Der Mann, der heute in Oberwesel am Rhein wohnt, erzählt unter anderem die Geschichte eines Subpräfekten, eines Aufsehers, der eines Tages von einem Krankenwagen abgeholt worden sei. Danach kursierte im Internat wohl das Gerücht, dass der Aufseher sich gelegentlich zwei bis drei Schüler mit aufs Zimmer genommen habe. Die sollten ihn mit einem Strick um den Hals an einen Haken hängen und den Raum verlassen. Offenbar bereitete es dem Mann Lust, nicht atmen zu können. Doch einmal ließen die Jungs ihn aus Versehen zu lange hängen, so erzählten es sich die Schüler. Sie kamen fünf Minuten zu spät ins Zimmer. Und da sei der Mann dem Erstickungstod nahe gewesen.

Er überlebte. Später sei er bei einem Prozess in Daun aber wegen sexueller Nötigung verurteilt worden, was Steffen erst Jahre später erfahren haben will. Die Akten aus den 1950er Jahren liegen der Staatsanwaltschaft Trier heute nicht mehr vor.

Viel gesprochen worden sei über diese Dinge nie unter den Schülern. Dazu seien die Tage zu durchgetaktet gewesen, sagt Steffen. „Freigang, wie in einer Zuchtanstalt“ habe es außer auf dem Weg von und zum Gymnasium nur für zwei Stunden am Samstagnachmittag gegeben. Hinzukomme, dass die Priester die Schüler „indoktriniert“ hätten: „Sie haben uns nicht nur geschlagen wie die Weltmeister, sondern uns auch eine tiefsitzende Angst vor der Hölle und der Sünde eingeimpft.“ So hätten die Priester stets überprüft, ob vor dem Schlafen die Hände der Schüler über den Decken waren: „Selbstbefriedigung galt als schlimme Sünde.“ Wer sich schuldig machte, musste auch bei Schnee und Regen mehrere Runden um das Internat, den „Kasten“, wie Steffen und seine Freunde das Albertinum nannten, laufen.

Diese „Erziehung“ habe Eindruck hinterlassen, sagt Steffen: „Ich war nicht frei im Denken, auch Jahre später nicht.“ Nach seinem Abgang vom Internat sei er nicht von der Einrichtung losgekommen, auch nicht vom Glauben. Er blieb fromm, fuhr zwei- bis dreimal im Jahr nach Gerolstein, wollte Priester werden.

Doch irgendwann seien die Widersprüche zu groß geworden. Er habe von Missbrauchsfällen erfahren, von Priestern, die trotz des Zölibats Kinder zeugen – und von der Duldung der Kirche. Also habe er seinen Austritt beschlossen, sei zunächst zwar dreimal vor der Tür des Amtes umgedreht, habe es aber schließlich doch durchgezogen.

Heute hat sich der Hunsrücker so weit von der katholischen Kirche entfernt, wie es nur möglich scheint. Zusammen mit dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon hat Steffen die „Giordano-Bruno-Stiftung“ ins Leben gerufen. Sie ist benannt nach einem Mönch, der 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Die Stiftung vertritt die Ansicht, „dass Religionen die kulturelle Evolution der Menschheit bis heute auf unheilvolle Weise beeinflussen“.