Nach Attentat in Halle - Antisemitismusbeauftragter in Rheinland-Pfalz warnt vor wachsendem Judenhass

Nach Attentat in Halle : Antisemitismusbeauftragter in Rheinland-Pfalz warnt vor wachsendem Judenhass

Der Wittlicher Dieter Burgard spricht von geschändeten Friedhöfen und wüsten Beschimpfungen. Synagogen im Land werden immer mehr zu Hochsicherheitsanlagen. Der Trierer Bischof nennt die Attacke in Halle "einen Angriff auf die ganze jüdische Gemeinschaft in Deutschland".

Der rheinland-pfälzische Antisemitismusbeauftragte Dieter Burgard sieht in dem rechtsradikalen Angriff auf eine Synagoge in Halle „eine Eskalation des Judenhasses“. Der Wittlicher sagt: „Ich hätte eine solch unfassbare Menschenverachtung in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten.“ Burgard will in Rheinland-Pfalz zu einem runden Tisch einladen, in dem er mit jüdischen Gemeinden, Sicherheitsbehörden und Ministerien über Folgen aus dem Attentat in Sachsen-Anhalt reden will.

Burgard spricht davon, dass ihm auch im Land mehr Hass auf Juden zugetragen werde: „Es gibt Schändungen auf Friedhöfen, auf vielen Schulhöfen ist ,Jude’ ein Schimpfwort, auf Sportplätzen werden Fußballer und Trainer als ,Judensau’ bezeichnet“, sagt der Wittlicher. Sorge bereite ihm der Hass in sozialen Netzwerken, wo Burgard härtere Strafen für Hetzer und rigoroses Löschen von rassistischen Einträgen fordert.

Innenstaatssekretärin Nicole Steingaß (SPD) sagt: „Rheinland-Pfalz ist im Ländervergleich kein Schwerpunkt des Antisemitismus, aber auch nicht vor verabscheuungswürdigen antisemitistischen Taten gefeit. Äußerste Wachsamkeit bleibt daher überall geboten. Jede einzelne antisemitisch motivierte Tat ist eine zu viel, jede antisemitische Äußerung ist ein Angriff auf die Menschenwürde.“

Die Zahl antisemitischer Straftaten in Rheinland-Pfalz ist im vergangenen Jahr von 22 auf 33 gestiegen. Eine Konsequen daraus: Das Land hat die Sicherheit in Synagogen längst erhöht – mit Sicherheitsschleusen, Videokameras und Polizeipräsenz bei Gottesdiensten, wie die Staatskanzlei mitteilt. 375.000 Euro zahlte das Land in den Jahren 2018 und 2019, um jüdische Einrichtungen zu sichern.

Nach dem Attentat in Halle überwachten zusätzliche Polizisten die Synagogen im ganzen Land, in denen Menschen das Versöhnungsfest feierten. "Das hat uns das wichtige Gefühl von Sicherheit gegeben", sagt Avadislav Avadiev, Landeschef der jüdischen Gemeinden aus Koblenz. Er sehe den "wachsenden Antisemitismus mit großer Besorgnis", so Avadiev. „Wir waren schockiert und sprachlos. In unserer Geschichte haben wir doch schon so viel mitgemacht“, sagt Jeanne Bakal, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Trier, wo in diesem Jahr aufgrund des Attentats spürbar weniger Menschen das Fest in der Synagoge gefeiert hätten. Drohungen, sagt Bakal, habe sie in Trier bislang nicht erlebt. „Viele Trierer haben als Reaktion vor unserer Synagoge sogar Blumen und Kerzen abgelegt", sagt sie.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat den jüdischen Kultusgemeinden in Koblenz, Trier und Saarbrücken Anteilnahme bekundet. Die Attacke sei „ein Angriff auf die ganze jüdische Gemeinschaft in Deutschland“ schreibt Ackermann in einem Brief, in dem der Bischof ankündigt, „jetzt und in Zukunft“ antisemitischen und menschenfeindlichen Äußerungen entgegenzutreten. „Solche Machenschaften dürfen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben“, so Ackermann. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) schrieb auf Twitter, sie sei "bestürzt über die furchtbaren Ereignisse in Halle". Dreyer kündigte zugleich an, Deutschland werde brutale Gewalt gegen jüdisches Leben "niemals dulden". CDU-Fraktionschef Christian Baldauf sagte: "Keine Glaubensgemeinschaft in Deutschlan darf in Angst leben. Egal ob Christen, Juden oder Muslime, in einem demokratischen freien Land muss jeder seinen Glauben friedlich leben können, ohne Angriffe oder gar Anschläge befürchten zu müssen."

Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft, die am Donnerstag einen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gegen den 27-jährigen Deutschen Stephan B. stellen will, hat die Tat in Halle ein rechtsextremistisches und antisemitisches Motiv. Der schwerbewaffnete Mann hatte versucht, in eine Synagoge in Halle einzudringen und unter Dutzenden Gläubigen ein Blutbad anzurichten. Sein Versuch scheiterte, woraufhin er vor der Synagoge und danach in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und zwei weitere verletzt haben soll.

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