Die G7-Außenminister warnen vor Flächenbrand in Nahost Capri-Sonne und dunkle Kriegswolken

CAPRI · Wie nur einen Flächenbrand in Nahost verhindern? Die G7-Außenminister beraten in Italien, wie die Gruppe der mächtigsten westlichen Industrienationen den Israel/Iran-Konflikt eindämmen und was sie im Ukraine/Russland-Krieg zur Unterstützung der Ukraine aktuell tun kann. Das Land soll weitere Luftabwehr bekommen, dem Iran drohen zusätzliche Sanktionen.

 Im Angesicht von Krieg und Krise: Die Außenministerinnen und Außenminister der G7 bei ihrem Treffen auf der Mittelmeerinsel Capri

Im Angesicht von Krieg und Krise: Die Außenministerinnen und Außenminister der G7 bei ihrem Treffen auf der Mittelmeerinsel Capri

Foto: dpa/Gregorio Borgia

Vielleicht finden die G7-Außenminister hier ein Beruhigungsmittel gegen aufgeputschte Autokraten, gegen depressive Stimmung, im besten Fall sogar ein Rezept für den Weltfrieden. „Quisisana“ heißt das Hotel, in dem sich die Außenminister der sieben größten westlichen Industriestaaten für knapp drei Tage auf der Insel Capri im Golf von Neapel versammelt haben. „Quisisana“, übersetzt: „Hier heilt man“, könnte zur Behandlungsmethode gegen Friedensmüdigkeit und umgreifende Kriegslust werden. Ein englischer Arzt hatte das Haus einst als Sanatorium bauen lassen, später übernahm es der deutsche Industrielle Max Grundig. Heute, im mittlerweile dritten Jahr des Ukraine-Krieges und im Angesicht eines drohenden Krieges zwischen Israel und Iran, beraten Annalena Baerbock und ihre Amtskollegen aus USA, Kanada, Japan, Großbritannien, Frankreich und Gastgeber Italien, wie der Frieden, der geblieben ist, gerettet werden und eine Ausdehnung von Krieg verhindert werden kann.

„Wir haben überall Krieg“, sagt der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und zählt die Schauplätze auf: Ukraine, Gaza, Rotes Meer, Jemen, Sudan, ja, auch Teile von Äthiopien. Die Gefahr durch chinesische Weltmachtgelüste in der Seestraße von Taiwan erwähnt er dabei noch nicht einmal. Vielleicht kann hier mit der Methode „Quisisana“ die Welt von der Krankheit geheilt werden, mittlerweile alle Arten von Konflikten mit Waffen lösen zu wollen. Wenn jetzt auch noch in Nahost ein Flächenbrand ausbrechen würde, nicht auszudenken. „Das wird Schockwellen auslösen und die ganze Welt treffen“, betont Borrell mit leiser Stimme. Italiens Außenminister Antonio Tajani setzt zum Auftakt auf das Gewicht der G7. „Mit unserer Kraft, mit der Kraft der Diplomatie“ wolle man tunlichst erreichen, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eben nicht zu einem Gegenangriff auf das Staatsgebiet des Iran aushole. Denn danach befürchtet die Gruppe der Sieben (G7) wiederum einen Gegenschlag aus Iran auf Israel. Und darauf wiederum die Antwort Israels. Man nennt es: Spirale der Gewalt. Und die dreht sich immer schneller. In Gaza hungern 1,7 Millionen Menschen. Israelische Geiseln, darunter ein Baby und Kleinkinder, versteckt die Terrorgruppe „Hamas“ seit Monaten unter der Erde. Borrell hofft auf eine Feuerpause. Und nicht nur er.

Baerbock kommt gerade aus Israel, wo sie erneut Netanjahu getroffen und gesprochen hat. 120 Minuten Auge in Auge waren es bei ihrem letzten Gespräch Mitte Februar. 90 Minuten Nahkampf mit Netanjahu dieses Mal. Ob der Mann, der auch bei vielen Israelis als Hardliner gilt, sich von Verbündeten und Partnern überhaupt beeindrucken lässt? Kürzlich erst hat er zur Frage einer israelischen Reaktion auf die iranischen Drohnenangriffe offen in die Kamera gesagt, jede Regierung treffe ihre eigenen Entscheidungen. Baerbock hat Netanjahu gemeinsam mit ihrem britischen Amtskollegen David Cameron bearbeitet. Sehr viel mehr als einen dringenden Appell zur Zurückhaltung kann sie bei Netanjahu auch mit dem Gewicht ihres Ministeramtes nicht platzieren. Reden, zuhören, überzeugen – aber „Bibi“ hört sie am Ende fernsehöffentlich sagen, er mache sein Ding. Nur welches Ding er macht, zu welchem Schlag Israel gegen Iran ausholt, ob womöglich iranisches Kernland angegriffen wird oder doch die sogenannten „Proxys“, die Stellvertreter des Mullah-Regimes – Hamas, Hisbollah oder Huthis -- getroffen werden, ist offen. Der EU-Außenbeauftragte Borrell, der wie Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gleichfalls am G7-Tisch in Capri sitzt, warnt: „Wir sind am Rand eines Krieges.“ Dazu passen die dunklen Regenwolken, die gerade über die Insel vor Neapel ziehen, ehe sich später wieder die Capri-Sonne zeigt. Baerbock spielt auf ihre Anfahrt mit der Fähre am Vorabend an. „Die Überfahrt hierher war stürmisch.“ Das Wetter als Zeichen, „wie stürmisch gerade die globalen Zeiten sind.“ Die Grünen-Politikerin äußert sich überzeugt, dass die iranischen Drohnenangriffe auf Israel dem Regime in Teheran nicht geholfen hätten: „Wir tun alles dafür, dass der Iran, der sich mit seinen Militäraktionen am Wochenende noch weiter isoliert hat, isoliert bleibt.“

Wenn in Capri der Blick zum Himmel geht, haben die G7-Außenminister im übertragenen Sinn ihr nächstes großes Thema: Luftabwehr für die Ukraine. Das angegriffene Land steht massiv unter Druck russischer Angriffe. Vor zwei Wochen erst hat der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba bei der Nato eindringlich um Unterstützung gebeten und vor den Folgen für Europa gewarnt, sollte die Ukraine diesen Krieg verlieren. Nun wollen die G7-Staaten und die EU sehen, wie sie Luftabwehrsysteme, etwa vom Typ „Patriot“, sammeln. Borrell: „Wir können uns einen Sieg Putins in der Ukraine nicht leisten.“ Die Zeit drängt. So sehr, dass Nato-Generalsekretär Stoltenberg für diesen Freitag eine Sondersitzung des Nato-Ukraine-Rates einberufen hat. Zuletzt hatte die Bundesregierung die Lieferung eines dritten „Patriot“-Systems aus Deutschland bewilligt. Nun sollen neben der Nato-Führungsmacht USA vor allem die Europäer sehen, wo sie Luftabwehrsysteme für die Ukraine herbekommen. Borrell: „Wir haben die Systeme. Wir haben sie in den Kasernen. Wir müssen sie nur liefern. Und wir müssen das schnell tun.“ G7, Nato und EU wollen jetzt Tempo machen. Denn ein Land habe keine Zeit mehr: die Ukraine.

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