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Kein Ende der Corona-Sommerwelle in Sicht​

Debatte über Quarantänepflicht : Infektionszahlen steigen weiter - Kein Ende der Corona-Sommerwelle in Sicht

Laut Robert-Koch-Institut steigen die Infektionszahlen weiter an. Auch Modellierungen lassen noch kein Ende der Corona-Sommerwelle erkennen – im Gegenteil. Geht nun eine Welle in die nächste über? Zugleich wird über die Beibehaltung von Isolationspflichten debattiert.

Die Omikron-Variante BA.5 hat Deutschland seit Mitte Juni fest im Griff. Denn trotz sommerlicher Temperaturen ist kein Rückgang der Infektionszahlen zu erkennen – im Gegenteil: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz der gemeldeten Fälle stieg im Vergleich zur Vorwoche weiter an, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in dem jüngsten Wochenbericht schreibt. Am Freitag meldete die Forschungseinrichtung eine Inzidenz von 729,3. Was bedeuten diese Zahlen für die Herbst- und Wintermonate?

Die aktuelle Sommerwelle werde durch die Sommerferien gedämpft, da es weniger Infektionen in Schulen und am Arbeitsplatz gebe. Das geht aus einem Modell hervor, dass ein Expertenteam um Sebastian Alexander Müller und Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin erstellt hat. Nach den Ferien rechnen sie jedoch mit einem erhöhten Infektionsimport aus dem Ausland. Auch die Rückkehr in die Schulen und Büros sowie die Verlagerung von Aktivitäten in Innenräume werden zu steigenden Zahlen führen. „Bleibt es bei den aktuellen Maßnahmen, werden wir laut unserem Modell auch im Herbst und Winter sehr hohe Infektionszahlen haben“, sagten Müller und Nagel auf Anfrage unserer Redaktion.

Im Hinblick auf die schon jetzt sehr hohen Zahlen legen die Modellierungen nahe, dass sich mittlerweile ein Großteil der Bevölkerung immunisiert hat – durch Impfungen und Infektionen. Obwohl das RKI die Belastung des Gesundheitswesens weiterhin als hoch einschätzt, ist laut Müller und Nagel bei den derzeitigen Virusvarianten nicht mit einer Überlastung des Gesundheitssystems zu rechnen. Aber: „Individuell birgt jede Infektion das Risiko eines schweren Verlaufs beziehungsweise Long Covid, und dieses Risiko scheint nach bisherigen Daten auch mit jeder Infektion erneut aufzutreten“, geben die Modellierer zu bedenken.

Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Tino Sorge, kritisiert die Ampel-Regierung dafür, dass sie bis jetzt noch kein Konzept für Herbst und Winter vorgelegt hat. Er verlangt unter anderem Schutzkonzepte für die älteren und vorerkrankten Menschen sowie die Vermeidung von Lockdowns und Schulschließungen. „Anstatt diese Vorbereitung zu treffen, präsentiert uns die Regierung sowohl schrille Katastrophenwarnungen des Gesundheitsministers als auch Andeutungen des Justizministers über den Sinn von Masken“, sagte Sorge unserer Redaktion.

Unterdessen wird auch über ein Ende der Isolationspflichten für Corona-Erkrankte debattiert. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) lehnte einen Vorstoß des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, kategorisch ab, alle Corona-Isolations- und Quarantänepflichten aufzuheben, um Personalengpässe zu entschärfen. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warnte ebenso eindringlich davor. Montgomery sagte unserer Redaktion: „Die Aufhebung von Quarantäneregeln aus Arbeitsmarktgründen ist aus ärztlicher Sicht nicht zu vertreten. Unsere Aufgabe ist es, Menschen vor Krankheit, Leid und Tod zu bewahren und nicht, kranke Menschen zur Arbeit zu treiben.“

Montgomery betonte weiter, der Sommerwelle werde unweigerlich eine Herbstwelle folgen. „Diese wird aber nicht so schlimm, wie die aus dem vergangenen Herbst.“ Die Immunitätslage in der Bevölkerung sei besser als früher, „wenn auch noch lange nicht optimal. Wir müssen auf der Hut sein“, ergänzte der Präsident. „Deswegen brauchen wir einen gut gefüllten Instrumentenkasten im Infektionsschutzgesetz. Jetzt ist nicht die Zeit Maßnahmen auszuschließen, sondern die Möglichkeit ihrer Anwendung zu regeln.“

FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai sagte hingegen: "Wir werden in systemrelevanten Bereichen vor enormen Herausforderungen stehen, wenn wir massenhaft positiv Getestete ohne Symptome in Isolation schicken.“ Daher müsse die Debatte sachlich geführt werden, so Djir-Sarai zu unserer Redaktion. Er ergänzte: „Wir sollten den Mut haben auch einmal auf die Eigenverantwortung der Menschen zu setzen. Andere europäische Länder handhaben das ähnlich."

(jus/has)