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Ricarda Land und Omid Nouripour zu neuen Grünen-Chefs gewählt

Die Grünen blicken mit neuer Doppelspitze schon wieder aufs Kanzleramt : Kellner, Koch und die K-Frage

Die Grünen wählen die Parteilinke Ricarda Lang und den Außenpolitiker Omid Nouripour zu den neuen Vorsitzenden. Die neue Doppelspitze führt eine Partei in Regierungsverantwortung und muss gewachsene Erwartungen schultern

Von Holger Möhle

Es könnte ein schöner Abend werden. Für Ricarda Lang. Omid Nouripour hat als Student gekellnert. Und jetzt kann er auch noch kochen. Besser als Lars Klingbeil, neuer Co-Vorsitzender der SPD, wie Nouripour sagt. Und auch besser als Friedrich Merz, neuer Vorsitzender der CDU. Mal sehen, wie es schmeckt. Nouripour könnte als Teil der neuen Grünen-Doppelspitze seiner Co-Vorsitzenden Lang ein feines Menü auftischen: „Machtgelüste im Ampel-Blätterteig an Risotto von grünem Spargel“. Die Vorspeise steht gewissermaßen schon bereit. Seit Samstag sind die Parteilinke und der Außenpolitiker als Nachfolger von Annalena Baerbock und Robert Habeck zu neuen Vorsitzenden bestimmt. Der Form nach bleiben Baerbock und Habeck noch rund 14 Tage im Amt, bis die Partei das Ergebnis dieses digitalen Parteitages auch schriftlich bestätigt hat. Aber dann kann es losgehen für die beiden Grünen-Chefs mit Emily Büning als neuer Politischer Bundesgeschäftsführerin an ihrer Seite.

„Ich bin Omid Nouripour. Ich bitte um Euer Vertrauen“, hatte er die Parteitags-Delegierten um Zustimmung gebeten. Er sollte sie bekommen. 82,5 Prozent sind eine ziemlich gute Basis – bei zwei Gegenkandidaten, die mehr oder minder Zählkandidaten waren. Habeck war vor vier Jahren bei seiner Wahl an die Parteispitze auf 81 Prozent gekommen. Baerbock hatte seinerzeit bei einer starken Gegenkandidatin, der niedersächsischen Fraktionschefin Anja Piel, 64 Prozent erreicht. Nouripour hat Ziele und blickt dabei schon auf die nächste Bundestagswahl und in Richtung Kanzleramt, obwohl die Grünen nach 16 Jahren Opposition doch gerade erst zurück in der Bundesregierung sind. Er wolle die Partei so aufstellen, um „wieder in der K-Frage mitspielen zu können“. In eine nächste Bundestagswahl wollen die Grünen also wieder mit einem Kanzlerkandidaten gehen – oder mit einer Kanzlerkandidatin. Auch Lang sieht eine solche Gelegenheit. „Regieren ist doch keine Strafe. Es ist eine riesengroße Chance“, sagt sie. Jetzt hat sie ihre Chance. Die Delegierten wählen sie mit knapp 76 Prozent zur Co-Vorsitzenden. Bitter für Lang: Sie fehlt an diesem für sie ganz besonderen Tag – Corona-krank – und kann sich bei diesem digitalen Parteitag deshalb nur digital vorstellen, während Nouripour sich wenigstens am Rednerpult im Berliner Velodrom den Delegierten präsentieren kann.

Kein Radrennen an diesem Tag im Velodrom. Keine Runden an der anaeroben Schwelle. Aber doch ein Debattenrennen. An der grünen Satzungsschwelle. Velodrom, Berlin-Friedrichshain, normalerweise Platz für 12 000 Zuschauer. Jetzt sind nur rund 300 Personen in der Riesenhalle. Die Grünen diskutieren über ihre Satzung: Grund: Zuletzt hatten selbst größte Antragsprofis bei den Grünen den Überblick verloren, als beim Wahlparteitag im vergangenen Jahr unglaubliche 3500 Änderungsanträge eingereicht worden waren. Das ist auch der Fluch des Erfolgs. Rund 125 000 Mitglieder, auf die die Grünen mittlerweile gewachsen sind, reichen einfach mehr Änderungsanträge ein als noch 20 000 Mitglieder aus den Anfangsjahren der Partei. Wenn der Grüne debattiert, dann gründlich. Am Ende liegt die Latte für künftige Anträge an den Parteitag höher. 50 Mitglieder statt bisher 20 Grüne müssen sich finden, um ihr Anliegen auf die Tagesordnung eines Parteitages zu bringen. Für Debatten bis tief in die Nacht reicht das noch immer.

Aber gerade ist mitten am Tag. Wahltag. Gleich wählen die Grünen eine neue Parteispitze. Baerbock kommt auf Nouripour zu. Klapps auf die Schulter, kurze Umarmung. Du machst das! Habeck kommt auch dazu. Klar, Du packst das! Nouripour zeigt sein Handy. Auf der Rückseite ein Aufkleber, ein stilisierter Adler, Vereinssymbol von Eintracht Frankfurt. Nouripour ist Eintracht-Fan. Der Eintracht-Adler soll ihn tragen, er soll ihm Flügel geben. Der Außenpolitiker braucht künftig das Mannschaftsspiel ganz besonders. Er ist bald Cheftrainer der Grünen – gemeinsam mit der Parteilinken Lang. Die Mannschaft spielt jetzt auch international. Über ihre Minister in der Bundesregierung.

Bei der Kandidaten-Vorstellung ist zuerst Lang an der Reihe. Ihr steht als Frau nach dem Grünen-Statut Platz eins zu. Sie sagt: „Mein Name ist Ricarda Lang, ich bin 28 Jahre alt. Ich sehe aus, wie ich aussehe, und ich bin verdammt stolz, Politik in einer Partei zu machen, in der nichts davon darüber entscheidet, was mir politisch zugetraut wird.“ Dann ist Nouripour dran. Er hat Konkurrenz. Mitbewerber Mathias Ilka vom Kreisverband Bergstraße, totaler Außenseiter, nennt Nouripour einen „Schatten-Ersatzaußenminister“. Kein Problem, er will ja Parteichef werden. „Liebe Ricarda, ich muss zugeben, ich bin immer noch geflasht von Deiner Rede“, lobt er die künftige Kollegin an der Parteispitze. Nouripour erinnert an grünen Widerstandsgeist. „Wir sind die Unbeugsamen.“ Dazu zählt beispielsweise der ehemalige Parteichef Reinhard Bütikofer, der ein T-Shirt übergezogen hat, auf dem er die Verletzung von Menschenrechten und Arbeitssklaven in China anprangert – gerade mit Blick auf die in dieser Woche beginnende Winter-Olympiade. Bütikofer sagte unserer Redaktion zu einer Drohung des Regimes in Peking, Olympiateilnehmer zu bestrafen, sollten sich diese in China kritisch zu Menschenrechten äußern: „Ich fand es außerordentlich bemerkenswert, dass das Internationale Olympische Komitee unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach dagegen nicht protestiert hat. Denn diese Ankündigung der Pekinger Führung war ein Bruch mit dem Statut des IOC.“ Bütikofer war sechs Jahre Grünen-Vorsitzender. Sollten Lang und Nouripour einmal Fragen zur Kellner-Koch-Rolle haben, könnten sie sich an Bütikofer wenden. Er kennt Rezepte und auch die Garkoch-Methode für manches Problem.