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Ricarda Lang und Omid Nouripour zu Grünen-Parteichefs gewählt

Neue Doppelspitze : „Wir sind die Unbeugsamen“ - Ricarda Lang und Omid Nouripour zu Grünen-Parteichefs gewählt

Die Grünen wählen die Parteilinke Ricarda Lang und den Außenpolitiker Omid Nouripour zu den neuen Vorsitzenden. Die neue Doppelspitze führt eine Partei in Regierungsverantwortung und muss gewachsene Erwartungen schultern

Kein Radrennen an diesem Tag im Velodrom. Keine Runden an der anaeroben Schwelle. Aber doch ein Debattenrennen. An der grünen Satzungsschwelle. Noch ist Omid Nouripour nicht im Saal. Wo ist der Kandidat nur? Auch Ricarda Lang, die mit Nouripour für die neue Grünen-Doppelspitze kandidiert, fehlt. Sie ist Corona-krank. Um 13.16 Uhr ist Nouripour, bislang einfaches Parteimitglied, dann an jenem Ort, an dem er rund vier Stunden später zum neuen Grünen-Co-Vorsitzenden gewählt werden wird. Velodrom, Berlin-Friedrichshain, normalerweise Platz für 12 000 Zuschauer. An diesem Samstag sind nur rund 300 Personen zugelassen. Annalena Baerbock ist da schon seit Stunden in der Halle. Noch ist die Außenministerin auch zugleich noch Co-Vorsitzende der Grünen, ebenso Robert Habeck. Sie kennen ihre Partei und ihre Leidenschaft, lange und ausgiebig zu diskutieren. Änderungsanträge bei Parteitagen gehören zu den Grünen wie die Sonnenblume zum Parteiemblem. Zuletzt hatten selbst größte Antragsprofis bei den Grünen den Überblick verloren, als einzelne Delegierte oder Kreisverbände beim Wahlparteitag im vergangenen Jahr unglaubliche 3500 Änderungsanträge eingereicht hatten. Das ist auch der Fluch des Erfolgs. Rund 125 000 Mitglieder, auf die die Grünen mittlerweile gewachsen sind, reichen einfach mehr Änderungsanträge ein als noch 20 000 Mitglieder aus den Anfangsjahren der Partei. Wenn der Grüne debattiert, dann gründlich.

Also ran an die Satzung und rein in die Debatte. Baerbock steht am Rednerpult und ruft den Delegierten dieses digitalen Parteitages in deren Wohn- und Arbeitszimmern zu: „Robert und ich könnten sagen, so, wir gehen jetzt.“ Aber so einfach wollen es sich die scheidenden Vorsitzenden, die formal noch 14 Tage Parteichefs sind, nicht machen. Ringen, Streiten, Lachen, Weinen, Tanzen – so seien doch die Grünen, sagt Baerbock. Die Außenministerin ahnt: „Meine Güte, wir stehen vor einer Regierungszeit, da wird es richtig heftige Debatten geben.“ Etwa über Krieg und Frieden, wo Russland und Ukraine gerade auf einem extrem schmalen Grat ihrer Nachbarschaft balancieren. Am Ende steht eine Niederlage für den Bundesvorstand – allerdings mit lachendem Auge. Künftig liegt die Latte für Anträge an den Parteitag höher: 50 Mitglieder statt bisher 20 Grüne müssen sich finden, um ihr Anliegen auf die Tagesordnung eines Parteitages zu bringen. Für Debatten bis tief in die Nacht reicht das noch immer.

Aber jetzt ist mitten am Tag. Wahltag. Gleich wählen die Grünen eine neue Parteispitze. Baerbock kommt auf Nouripour zu. Klapps auf die Schulter, kurze Umarmung. Du machst das! Habeck kommt auch dazu. Klar, Du packst das! Nouripour zeigt sein Handy. Auf der Rückseite ein Aufkleber, ein stilisierter Adler, Vereinssymbol von Eintracht Frankfurt. Nouripour ist Eintracht-Fan. Der Eintracht-Adler soll ihn tragen, er soll ihm Flügel geben. Der Außenpolitiker braucht künftig das Mannschaftsspiel ganz besonders. Er ist bald Cheftrainer der Grünen – gemeinsam mit der Parteilinken Lang. Die Mannschaft spielt jetzt auch international. Über ihre Minister in der Bundesregierung. Vorher noch die Verabschiedung des langjährigen Politischen Bundesgeschäftsführers Michael Kellner. Er geht und sagt: „Es war mein Traumjob.“ Jetzt ist Kellner Parlamentarischer Staatssekretär bei Habeck. Dann kommt Nouripour. Wie lange er an seiner Rede gearbeitet habe? „Ich bin noch nicht fertig“, sagt der Außenpolitiker, da läuft der Parteitag schon lange.

Aber zuerst ist Lang an der Reihe. Ihr steht als Frau nach dem Grünen-Statut Platz eins zu. „Oh mein Gott!“, habe sie sich gedacht, als sie am Mittwochabend das positive Ergebnis ihres Corona-Tests erhalten habe. Da muss die Partei schon digital tagen, und dann kann sie sich aus der Quarantäne auch nur digital vorstellen. „Einfach frustrierend.“ Sie sei in den vergangenen Wochen oft zur Regierungsbeteiligung gefragt worden: „Frau Lang, wie schlimm ist es denn jetzt? Regieren ist doch keine Strafe. Es ist eine riesengroße Chance“, sagt sie. Jetzt hat sie ihre Chance – als Co-Vorsitzende ihrer Partei. Um 16.31 Uhr ist die Parteilinke gewählt. Mit knapp 76 Prozent. Dann ist Nouripour dran. Er hat Konkurrenz. Mitbewerber Mathias Ilka vom Kreisverband Bergstraße, totaler Außenseiter, nennt Nouripour einen „Schatten-Ersatzaußenminister“. Aber er will ja Parteichef werden. „Liebe Ricarda, ich muss zugeben, ich bin immer noch geflasht von Deiner Rede.“ Handschlag für die künftige Kollegin an der Parteispitze. Natürlich dankt er Baerbock und Habeck noch einmal „für die unglaubliche Leistung, die ihr gebracht habt“. Die Partei werde sich in der Regierung weiterentwickeln müssen, sagt Nouripour, der seinen Wahlkreis in Frankfurt/Main direkt gewonnen hat – gegen „die baldige AfD-Frau Erika Steinbach“. Nouripour erinnert an grünen Widerstandsgeist. „Wir sind die Unbeugsamen.“ Das hören sie gerne. Um 17.25 Uhr ist dann auch Nouripour gewählt. Mit 82 Prozent. Die Grünen haben ihre neue Spitze. Jetzt kann regiert werden – mit einer neuaufgestellten Partei.