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Rücktritt von Linke-Co-Chefin Susanne Hennig-Wellsow

Krise bei der Linken: Rücktritt von Co-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow : Abgang mitten im Sturm

Nur 14 Monate nach ihrer Wahl an die Parteispitze erklärt die Co-Vorsitzende der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, ihren Rücktritt vom Spitzenamt. Ihre Partei muss nun in der wohl schwierigsten Phase seit Gründung als gesamtdeutsche Linke vor 15 Jahren neue Führung suchen

Susanne Hennig-Wellsow ist jetzt raus. Raus aus der ersten weiblichen Doppelspitze der gesamtdeutschen Linkspartei. Gut 14 Monate nach dem gemeinsamen Amtsantritt mit Janine Wissler hat die Thüringerin Hennig-Wellsow am Mittwoch für viele überraschend ihren Rücktritt erklärt. Man könnte auch sagen: Sie hat das Handtuch geworfen. Im Falle der früheren Eisschnelllauf-Leistungssportlerin, die Hennig-Wellsow einmal war, müsste es wohl besser: Sie geht vorzeitig vom Eis. Und dies ausgerechnet in einer Phase, in der ihre Partei nach heftigen Wahlniederlagen im Bund (4,9 Prozent) und zuletzt erst recht im Saarland (2,6 Prozent), ihrer einstigen West-Hochburg, um das Überleben kämpft.

Die Thüringerin Hennig-Wellsow nennt drei Gründe für ihren Rückzug aus dem Spitzenamt der Partei. Erstens privat: Ihre persönliche Lebenssituation erlaube es nicht, „mit der Kraft und der Zeit für meine Partei da zu sein, wie es in der gegenwärtigen Lage nötig ist. Ich habe einen achtjährigen Sohn, der mich braucht, der ein Recht auf Zeit mit mir hat.“ Mindestens diesen Punkt kannte sie aber zum Zeitpunkt ihrer Bewerbungsrede am 27. Februar vergangenen Jahres an den Linke-Parteitag. Zweitens politisch: Auch die Linke brauche in dieser Situation eine Vorsitzende, „die mit allem, was sie hat, für die Partei da ist“, schreibt Hennig-Wellsow.

Merkwürdig mutet der Zeitpunkt des Rücktritts von Hennig-Wellsow an. Just an dem Tag, an dem der Linke-Bundesvorstand in einer eigens einberufenen Krisensitzung über mehrere Verdachtsfälle sexueller Übergriffe im hessischen Landesverband – dem Heimatverband von Co-Chefin Wissler – berät, verkündet Hennig-Wellsow ihren Rückzug. Das kann nicht unbedingt als Solidaritätsadresse für Wissler verstanden werden, zumal das Verhältnis der beiden zuletzt als eher schwierig galt. Die Frage drängt sich auf: Wie lange kann sich ihre Co-Vorsitzende Janine Wissler unter diesen Umständen noch halten? Denn das ist das Problem von Doppelspitzen. Sie kommen gemeinsam. Sie gehen getrennt? Aufbruch, Erneuerung, innere Einheit der Partei – all dies hatten sich Hennig-Wellsow und Wissler gemeinsam vorgenommen, als sie im Februar vergangenen Jahres als Nachfolger von Katja Kipping und Bernd Riexinger die Führung der Partei übernommen hatten. Hennig-Wellsow hatte zuvor bundesweit Aufmerksamkeit ausgelöst, als sie im Februar 2020 dem damals mit AfD-Stimmen zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählten FDP-Politiker Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße warf.

Sinnigerweise formuliert Hennig-Wellsow – ohne den Namen von Wissler zu nennen – jetzt im Plural, wenn sie über die notwendige Erneuerung in ihrer Partei schreibt, für die beide vor 14 Monaten ja noch explizit angetreten waren. Die vergangenen Monate seien „eine der schwierigsten Phasen in der Geschichte unserer Partei“ gewesen. „Erneuerung ist umso mehr nötig, und diese Erneuerung braucht neue Gesichter, um glaubwürdig zu sein.“ Neue Gesichter? Ginge es Hennig-Wellsow nur um sie selbst, würde ein neues Gesicht genügen, doch das Problem scheint tiefer zu liegen. Vor einigen Wochen allerdings hatte sie auch die Spitze der Bundestagsfraktion, Amira Mohamed Ali und Dietmar Bartsch, offen angegriffen, als sie mit Blick bereits auf die nächste Bundestagswahl auch der Fraktion zu einem Wechsel riet und ankündigte, man werde die Partei beim bevorstehenden Bundesparteitag Ende Juni in Erfurt neu aufstellen. Linke-Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler schrieb am Mittwoch bei Twitter, er werden vorschlagen, den Parteivorstand in Erfurt neu zu wählen.

„Die Linke hat es verdient, von Menschen geführt zu werden, die unseren Anhänger:innen und Mitgliedern wieder Mut machen“, betont Hennig-Wellsow in ihrer Erklärung für ihren Rücktritt, bevor sie zu Punkt drei kommt: Sexismus innerhalb der Linken. Hennig-Wellsow betont: „Der Umgang mit Sexismus in den eigenen Reihen hat eklatante Defizite unserer Partei offengelegt. Ich entschuldige mich bei den Betroffenen und unterstütze alle Anstrengungen, die jetzt nötig sind, um aus der Linken eine Partei zu machen, in der Sexismus keinen Platzt hat.“ Es gibt viel zu klären und aufzuklären bei der Linken. Und jetzt geht mitten im Sturm die Co-Kapitänin von Bord.