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Ukraine: Russischer Angriff versetzt Wirtschaftsvertreter in Schock

Folgen der Invasion in die Ukraine : Russischer Angriff versetzt Wirtschaftsvertreter in Schock

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Börsen weltweit auf Talfahrt geschickt. Ökonomen befürchten einen Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise, die die Inflation anheizen könnten. Noch sei die deutsche Konjunktur aber aufwärts gerichtet. Die wirtschaftlichen Auswirkungen in Stichworten.

Börsen  Weltweit rauschten Aktienkurse nach unten, viele Investoren flüchteten in Anlagen wie Gold und deutsche Staatsanleihen, die in Krisenzeiten als sicher gelten. Der Angriff drückte den deutschen Aktien-Index Dax am Vormittag unter die 14.000-Punkte-Marke.

Konjunktur Die deutsche Wirtschaft stellt sich auf erhebliche Rückschläge ein. „Die wirtschaftlichen Folgen dieser Invasion sind noch nicht absehbar, sie sind aber ganz sicherlich schwerwiegend“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Peter Adrian. Deutschlands exportorientierte Maschinenbauer rechnen damit, dass Strafmaßnahmen gegen Russland auch ihr Geschäft treffen werden.  Bislang gingen Volkswirte davon aus, dass die deutsche Wirtschaft nach einem schwachen Winter wegen der anhaltenden Corona-Pandemie im Frühjahr wieder zulegen wird. Die Eskalation des Ukraine-Konflikts ist jedoch Gift für die Konjunktur.

„Wie stark das deutsche Wachstum beeinträchtigt wird, hängt entscheidend von der Frage der Energieversorgung ab“, sagte Stefan Kooths, Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft unserer Redaktion. „Im Moment sind die Auftriebskräfte der Konjunktur noch stark. Kommt weiter Gas aus Russland und ist der Konflikt nicht von langer Dauer, kommen wir noch vergleichsweise glimpflich davon. Eine Rezession droht nur dann, wenn es zu Lieferunterbrechungen beim Gas käme – sei es, weil Putin den Gashahn abdreht oder der Westen einen Importstopp verhängt. Diesen dürfte es eher für Öl geben, weil die Öleinnahmen für Russland wichtiger sind und der Westen bei der Beschaffung flexibler wäre“, sagte Kooths.

Preise Auf Verbraucher könnten nach Berechnungen von Ökonomen drastische Preissteigerungen zukommen, denn Russland ist ein großer Gaslieferant für Deutschland und Europa, aber zum Beispiel auch einer der weltgrößten Anbieter von Aluminium, das in vielen Produkten steckt. Experten schließen nicht aus, dass Russland auf verschärfte wirtschaftliche Sanktionen mit einem Stopp seiner Gaslieferungen reagiert und damit die Preisspirale antreibt. „Kommt es zu gravierenderen Liefereinschränkungen, könnte sich der Gaspreis (...) noch weiter erhöhen. In diesem (...) Szenario würde die Inflationsrate in diesem Jahr auf 6,1 Prozent und 2023 auf fünf Prozent klettern“, rechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für Deutschland vor. 

Energiesicherheit Die für die deutsche und europäische Wirtschaft entscheidende Frage ist die der Versorgungssicherheit mit Gas und anderen Energiequellen. Der russische Gaskonzern Gazprom hält nach eigenen Angaben seine Gasexporte durch die Ukraine nach Europa aufrecht. Die Liefervereinbarungen würden erfüllt, erklärte Gazprom. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) versicherte, die Gasversorgung sei in diesem Winter gesichert, auch wenn kein russisches Gas mehr geliefert würde. Allerdings ist die Abhängigkeit Deutschlands groß: Mehr als die Hälfte des Gasbedarfs wird bisher aus Russland gedeckt. Würde Putin den Gashahn zudrehen oder der Westen seinerseits auf russisches Gas als Sanktionsmaßnahme verzichten, wären aber drastische Preissprünge und Engpässe bei Gas, Öl und Benzin möglich. „Die europäischen Gasvorräte dürften zwar noch bis Ende des Winters reichen, der nötige Lageraufbau für den kommenden Winter wäre dann aber kaum möglich“, warnte etwa Carsten Fritsch von der Commerzbank.

Bundeshaushalt Die Zuspitzung belastet ohne Zweifel die Staatskasse, weil Steuereinnahmen sinken und Ausgaben steigen dürften. Erste Koalitionspolitiker stellen bisherige Verschuldungsgrenzen infrage. Eine Diskussion über die weitere Aussetzung der Schuldenbremse auch im kommenden Jahr deutet sich bereits an. „Die bisher geplante Neuverschuldung von 100 Milliarden Euro im laufenden Jahr bleibt ein Orientierungspunkt, ein Fixpunkt, sankrosankt ist sie aber nicht“, sagte FDP-Chef-Haushällter Otto Fricke. „Wir müssen auch wegen der aktuellen Entwicklung in der Ukraine immer wieder überprüfen, was wir wo noch brauchen an Ausgaben, und worauf wir verzichten können“, sagte der FDP-Politiker. Insbesondere bei den Verteidigungsausgaben könnten Steigerungen anstehen. „Die russische Invasion in der Ukraine rückt die Bundeswehr und die Verteidigungsausgaben stärker in den Fokus“, sagte der FDP-Politiker. „Man muss im Verteidigungsetat prüfen, wie sich die Prioritäten ändern und welche Auswirkungen das haben muss, dafür steht aber immer das parlamentarische Beratungsverfahren zur Verfügung“, so Fricke.

Sanktionen „Sollten die Sanktionen den Zahlungsverkehr, russische Banken und möglicherweise auch die Versicherung der russischen Öl- und Gaslieferungen betreffen, sind Lieferausfälle nicht auszuschließen“, sagte Carsten Fritsch von der Commerzbank. Die höchste Eskalationsstufe des Westens wäre, Russland vom internationalen elektronischen Zahlungssystem Swift der Banken abzukoppeln. Russland wäre dann nicht mehr in der Lage, Handel mit den meisten Ländern der Erde zu betreiben. Es ist auf Warenimporte aber dringend angewiesen. Deutschland hatte dies bislang stets ausgeschlossen. Eine Diskussion darüber dürfte jedoch an Fahrt gewinnen. „Würde der Westen Russland vom Swift-System abkoppeln, also dem internationalen Zahlungssystem für den Warenverkehr, wäre das die höchstmögliche Eskalationsstufe. Dann kann Putin keine Güter mehr importieren, auf die die Wirtschaft des Landes angewiesen ist. Dann ist die Frage, ob China einspringt. Wenn sich der Konflikt auf China ausdehnen würde, hätten wir eine Weltwirtschaftskrise“, sagte der Kieler IfW-Forscher Kooths.